Der Tagesspiegel : Zernikow: Seide aus Preußen: Die Baumrevolution

Ingo Bach

Chemisch gesehen ist Seide nichts anderes als eine Spinnwebe. Doch so prosaisch sehen es nur wenige. Für die meisten Menschen ist Seide etwas Mystisches. Kühl im Sommer, warm im Winter, von verführerischem Glanz. Kein Wunder, dass der Stoff seit Jahrtausenden ebenso begehrt wie teuer ist. Noch Ende des 17. Jahrhunderts war Seidenkleidung in Preußen allein der kurfürstlichen Familie vorbehalten, musste der Stoff doch für viel Gold aus Frankreich und Italien importiert werden. Hundert Jahre später deckte der Staat seinen Seidenbedarf aus der eigenen Seidenraupenzucht: Neun Millionen Tonnen Kokons ernteten die Preußen pro Jahr und machten daraus neun Tonnen Seide.

Seidenraupen sind anspruchsvoll. Ihnen schmecken nur die zarten Blätter des Maulbeerbaums. Eine einfache Rechnung: Ohne Baum keine Seide. Also überzog Friedrich der Große sein Königreich mit einem Wald von Maulbeerbäumen. Er hatte es satt, dass seine vermögenden Untertanen die Devisen ins Ausland schafften, um dafür Luxuskleider einzukaufen. "Das Gold sollte im Lande bleiben", sagt Benno Carus vom Heimatmuseum Zehlendorf, das aus Anlass des Preußenjahres gemeinsam mit dem Heimatmuseum Treptow eine Ausstellung über die Seidenproduktion in Preußen zeigen wird.

Der Wille des Königs war in absolutistischen Zeiten Gesetz. Friedrich befahl, die Untertanen führten aus. Der König wies die Dorfverwalter an, auf Kirchhöfen und Stadtwällen Maulbeerbäume zu pflanzen. Überall in Preußen entstanden Plantagen, die größte in Treptow, damals noch ein südlicher Vorort von Berlin. Einen der ersten Berliner Maulbeerbäume setzte um 1710 ein preußischer Beamter an der damaligen Hospitalstraße am Spandauer Tor in die Erde. Siebzig Jahre später zählten die königlichen Inspektoren drei Millionen Maulbeerbäume in Preußen. Um Platz für die ursprünglich aus China stammenden Pflanzen-Einwanderer zu schaffen, vergriff man sich an urdeutschen Gewächsen: Tausende Linden fielen den Sägen zum Opfer. Die Flora Preußens veränderte sich nachhaltig.

In staatlichen Zuchtstätten sorgten Insektenkundler für Nachschub an Seidenraupeneier, die kostenlos an Interessenten versandt wurden. Per Order hatte Friedrich vor allem Dorfschullehrer und Küster angewiesen, sich neben ihrem Hauptberuf der Seidenproduktion anzunehmen. "Bauern wollte er dieses komplizierte Geschäft nicht anvertrauen", sagt Seidenexperte Carus. "Die hatten für die empfindliche Ware zu grobe Hände." Drei Monate im Frühjahr, so lange wie die Maulbeerbäume zarte Blätter lieferten, war in Preußen Seidensaison.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es mit dem künstlichen Boom schon wieder fast vorbei. Napoleon versetzte 1806 der preußischen Armee und danach der preußischen Seidenproduktion den Todesstoß. Nach seinem Sieg förderte der Kaiser der Franzosen den Absatz der französischen Seide. Im Vergleich dazu war die aufwändig produzierte preußische zu teuer. Die Bauern, die die Maulbeerbäume sowieso nicht mochten - sie erschienen ihnen sinnlos -, hackten sie wieder ab. Das Holz wanderte in die Küchenherde und Wonstubenöfen.

Trotzdem künden noch heute in einigen brandenburgischen Orten Maulbeerbaumalleen von der Baumrevolution. Die in Zernikow bei Gransee gelangte zu einer gewissen Berühmtheit. Denn die auf das Jahr genau 250 Jahre alten Veteranen der Seidenproduktion stehen unter Naturschutz. In diesem Jahr wird die Gemeinde das erste Maulbeerbaumfest veranstalten.

In Berlin sind es nur noch wenige Bäume, die die Zeiten überstanden. Einer von ihnen wurzelt auf dem Französischen Friedhof an der Charité. Französische Einwanderer, die Hugenotten, pflanzten ihn vor über 300 Jahren. Wahrscheinlich ist er der älteste, der noch überlebt hat.

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