Zu Hause : Anti-Faltenpflege

Das Spannbettlaken ist modern – aber stillos. Ein Leintuch muss steif sein und knistern. Zu Besuch bei einer der letzten Berliner Heißmanglerinnen.

Claudia Keller
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Gabriele Riesner.Foto: Thilo Rückeis

Von außen sieht man nichts. Das Einfamilienhaus mit dem spitzen Giebel unterscheidet sich nicht von den Nachbarhäusern, der Rasen ist gepflegt, die Blumen sind gezupft. Wer in Berlin-Lichtenrade an der Homburgstraße 42 b vorbeiläuft, ahnt nicht, was hier im Keller los ist. Dass hier Widerstand geleistet wird. Dass hier das Rollkommando gegen die Welt der Spannbetttücher steht, dass dem Diktat der Moderne, alles müsse praktisch sein, billig und schnell zu haben, kraftvoll entgegengewalzt wird.

Hier unten ist das Reich von Gabriele Riesner. Es ist nicht groß, 30 Quadratmeter vielleicht, gefliester Boden, Regale, ein kleiner Tisch. Im Zentrum dampft es. Hier steht eine Maschine, eine Miele mit einer Walze, 1,60 Meter breit, 30 Zentimeter Durchmesser. Es ist die Heißmangel, mit der Gabriele Riesner unschlagbar ist. Die kleine blonde Frau nimmt einen Kopfkissenbezug aus weißer Baumwolle und legt ihn an die Walze. Ein prüfender Handstrich, keine Falte, kein Eselsohr ist zu spüren. Schon verschwindet der Stoff unter der Walze.

Gabriele Riesner betreibt eine der letzten Heißmangel-Stuben in Berlin. Die Leute bringen ihr die Wäsche – gewaschen, aber zerknittert. Sie glättet und stärkt sie. Das kostet und macht Mühe. Einfacher wäre es, pflegeleichten Jersey oder schlecht gebügelte Baumwolle über die Federn zu ziehen. Aber manche fahren lieber durch die halbe Stadt, um ihr einen Korb mit Bezügen, Tischdecken und Servietten zu bringen. Denn Gabriele Riesner glättet nicht einfach nur Stoff, sondern auch Gefühle. Mit Hitze, Dampf und Hoffmanns Bügelstärke vertreibt sie schlechte Laune. Wer sich abends ins gemangelte und gestärkte Bett legt und mit den Fingern über das etwas steife, gestärkte Gewebe fährt, kann spüren, dass die Welt in Ordnung ist. Der Tag kann noch so grau gewesen sein, in der gemangelten Bettwäsche fühlt man sich geborgen.

Viele Menschen kennen dieses Gefühl aus dem Hotel. Alle nobleren Herbergen lassen Bett- und Tischwäsche bügeln und stärken, das gehört dazu wie die Praline auf dem Kopfkissen. Der Gast schläft zwar auch im Adlon nicht mehr in Damast wie früher, aber feste Baumwolle muss es sein. Mikrofaser? Den „Housekeeper“ graust es. Eine gewisse Form und „haptische Qualität“, das Gefühl von Reinheit und Ordnung werde erwartet, wo man mit der goldenen Kreditkarte zahlt. Im Adlon ist dieses Gefühl nicht unter 250 Euro zu haben. Bei Gabriele Riesner für 1,80 Euro.

Sie zieht den Kopfkissenbezug aus der Mulde hervor, in die ihn die Walze hat fallen lassen, faltet ihn und legt ihn in einen der Körbe auf dem Regal. Aus einem anderen hebt sie vorsichtig eine Leinentischdecke, breitet den Stoff auf der metallenen Einzugsplatte der Heißmangel aus und streicht zärtlich über die Stickereien. „Sehen Sie nur, wie fein hier gearbeitet wurde“, sagt sie. Ein Erbstück sei das, bestimmt 80 Jahre alt. So etwas gebe man nicht in die Reinigung, die Gefahr, dass es ramponiert werde, sei zu groß. Sie beugt sich vor, zieht das Leinen glatt und sieht zu, wie sich die heiße Walze den Stoff Zentimeter für Zentimeter einverleibt.

Riesner ist 52 Jahre alt. Das Mangeln kennt sie aus ihrer Kindheit. Sie ist auf dem Land aufgewachsen, in der Nähe von Hannover. Da wurde die Wäsche im Waschkessel gekocht und auf dem Rasen zum Bleichen ausgelegt. Sie musste die Vögel vertreiben. Dann wurden die Laken, Bezüge und Tischdecken mit Wasser besprengt, mit vereinten Kräften an allen vier Ecken gezogen, gespannt und zur Heißmangel-Stube gebracht. Als Riesner viele Jahre später in ihrem Haus in Lichtenrade saß, der Sohn war fünf Jahre alt, der Mann machte Karriere, da erinnerte sie sich ans Mangeln. Sie dachte: Was in Westdeutschland in jedem Dorf funktioniert, kann hier nicht schiefgehen. Das war vor 18 Jahren. Sie kaufte sich für 15 000 Mark die Maschine und fing an mit zehn Kunden. Heute kommen über 50 zu ihr. Sie könnte mehr annehmen. Aber sechs Stunden jeden Tag vor der heißen, dampfenden Walze zu stehen, reicht ihr. Im Sommer hält sie es oft nur im Trägershirt und mit offener Tür aus.

„Hach“, sagt Irmela Rudolph, „sich das erste Mal in ein gemangeltes Bett zu legen, ist ein tolles Gefühl.“ Das sei das Geld wert. Sie ist 65 Jahre alt und bringt ihre Wäsche seit Jahren zu Gabriele Riesner. Sie in die Reinigung zu geben, kommt für sie nicht infrage. Da würden ihre Stücke mit vielen anderen in einer Trommel herumfliegen. Das sei zu unpersönlich, zu unhygienisch. Hinterher rieche alles nach Chemie. Außerdem: Gabriele Riesner habe den richtigen „Blick“ für Stoffe. Fehlt irgendwo ein Knopf, näht sie ihn an.

Auch junge Frauen entdecken, dass Mangelware ein Luxus ist, den man sich nicht nur im Hotel, sondern auch zu Hause gönnen kann. Eva Kalbmann zum Beispiel. Sie ist Anfang 30. Als Studentin hatte sie nichts übrig für „alten Kram“. Aber vor zwei Jahren hat eine Freundin ihren Sinn fürs Alte und Ehrwürdige geweckt. Die deckte den Tisch mit feinem Porzellan, Kerzen und einer alten bestickten Leinendecke. So eine hat Eva Kalbmann dann auch gekauft, auf dem Flohmarkt. Regelmäßig bringt sie die Decke nun zum Mangeln. „Das kommt wieder“, sagt sie. Eine Tafel mit einer feinen Tischdecke und gestärkten Stoffservietten wirke einfach festlicher, als wenn alles nur lappig herunterhänge. Das spricht sich herum. Freundinnen erzählen es Freundinnen, Mütter ihren Töchtern. Vielleicht ist Riesners Stube nicht eine der letzten, sondern eine der ersten?

Glaubt man dem Online-Branchenbuch, gibt es in Berlin derzeit fünf Mangelstuben, vier davon haben sich im Westteil der Stadt angesiedelt, eine bügelt in Weißensee. Betreiber wie Kunden sind meist aus Westdeutschland zugezogen. Außerdem sind da noch die Mangelmaschinen in den Waschsalons, 15 Minuten Heißmangeln kosten 1 Euro.

Anderswo ist man schon weiter. Düsseldorf hat 20, Hamburg 34 Mangelstuben. Regionale Unterschiede gibt es auch, wenn man auf Europa als Ganzes schaut. So ist die Anti-Faltenpflege im Norden eher verbreitet als im Süden. Miele verkauft Bügelmaschinen an private Abnehmer vor allem in Deutschland, Österreich und Großbritannien. Griechenland ist die Ausnahme im Süden. Der Norddeutsche mag die Wäsche „steif wie ein Brett“, also ordentlich mit Stärke. Die aus dem Süden mögen es lockerer, sagt Gabriele Riesner zehn Bettbezüge und Tischdecken weiter. Sie kennt ihre Kunden und liest in den Falten der Bettbezüge wie Therapeuten in Stirnfalten. Stil und Geruch auch der gewaschenen Stoffe sind bei jedem anders. Wenn sich daran etwas ändert, ist etwas vorgefallen. So wie bei jener Nachbarin, die eines Tages aus der Kur zurückkam mit neuer Frisur und neuen Kleidern. Von da an brachte sie jeden Dienstag zwei Kopfkissen und zwei Bettbezüge. Donnerstags holte sie die fertigen Stücke wieder ab. Einige Wochen später las Gabriele Riesner die Todesanzeige der Nachbarin in der Zeitung. Ihr Gatte hatte sie erstochen. Sie hatte einen Liebhaber.

Bei manchen Kunden holt Riesner die Wäsche zu Hause ab und bringt sie wieder. Wenn sie kommt, ist der Kaffeetisch gedeckt. Sie hört Geschichten vom Krieg und dass der Sohn die Arbeit verloren hat, die Enkelin heiratet. Fotoalben werden vor ihr ausgebreitet. Den Leuten zuzuhören und mit ihnen zu reden, mache ihr Spaß. Manchmal wird sie auch gefragt, ob sie eine Glühbirne wechseln oder eben mal Orangen kaufen könne.

Gabriele Riesner erfüllt auch solche Wünsche. Es bringt ihr kein zusätzliches Geld und braucht Zeit, es ist sozusagen genauso unpraktisch wie das Heißmangeln an sich. Etwas tun, nur weil es ein schönes Gefühl bringt? „Ja“, sagt Riesner und öffnet das kleine Fenster, um Dampf und Wärme hinauszulassen.

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