Der Tagesspiegel : Zu Hilfe

Menschen zu pflegen, ist ein Knochenjob. Fortbildungen eröffnen neue Perspektiven

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Hand in Hand. Auch wenn Pflegekräfte größere Lasten tragen als Bauarbeiter, sie schätzen den persönlichen Kontakt zu den...dpa-Zentralbild

Im Schichtdienst arbeiten, Patienten umbetten, das Gefühl, zu wenig Zeit für den Einzelnen zu haben – der Pflegeberuf ist ein Knochenjob. Für viele Pflegekräfte wird der Arbeitsalltag deshalb immer mehr zur Belastung. Weiterbildung ist hier eine Chance, die Berufssituation zu ändern. „Die Situation für Pflegepersonal ist schwierig und ist in den letzten Jahren noch schwieriger geworden, das hängt mit dem zunehmenden Kostendruck im Gesundheitswesen zusammen“, sagt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Zum einen steigt das Arbeitspensum mit ungesunden Folgen – depressive Erkrankungen oder Burnout Syndrome nehmen stark zu. Besonders für ältere Arbeitnehmer sind die körperlichen Belastungen ein Problem. „Pflegekräfte tragen größere Lasten als Bauarbeiter“, sagt Knüppel. Der Schichtdienst mit unregelmäßigem Schlafrhythmus wirkt sich ebenfalls auf die Gesundheit aus. Dazu ist er oft nur schwer mit einem Familienleben unter einen Hut zu bekommen.

Auch Andrea Lemke hat entschieden, sich weiterzubilden und Betriebswirtschaftlehre im Gesundheitswesen studiert. „Ich kann jetzt mit den Mitarbeitern mehr gestalten, kann Dinge bewegen, mich einbringen, zum Beispiel neue Organisationsstrukturen entwickeln.“ Heute ist Lemke Pflegedirektorin im Jüdischen Krankenhaus in Berlin und für alle Pflegekräfte dort verantwortlich, ihr Arbeitstag kann auch mal zwölf Stunden dauern. „Oftmals gehe ich von Sitzung zu Sitzung, von der Hygienekommission zum Mitarbeitergespräch und so weiter.“ Manchmal vermisst sie den persönlichen Kontakt, den sie als Krankenschwester mit den Patienten hatte. Trotzdem: Das Studium war für sie die richtige Entscheidung, deshalb macht sie auch weiter und hat nach ihrem Studienabschluss einen berufsbegleitenden Masterstudiengang angefangen. Noch in diesem Jahr will sie fertig werden.

Wer sich wie Lemke weiterbilden will, hat heute viele Entwicklungsmöglichkeiten, sagt Kathrin Leffler vom Landesverband Berlin-Brandenburg der Bundesarbeitsgemeinschaft für Leitende Pflegepersonen. Die Zeit sei dafür günstig. „Es gibt einen Trend zur Weiterbildung. Besonders in Bereichen wie der Intensivstation und im OP-Bereich wird Fachpersonal benötigt, das schwierig zu bekommen ist. Kliniken setzen deshalb von sich aus immer mehr auf Weiterbildungen der eigenen Mitarbeiter und unterstützen diese auch mehr“, erklärt Leffler. Allen, die sich weiterbilden wollen, empfiehlt Leffler zuerst mit den Arbeitgebern zu klären, inwieweit eine Fortbildung unterstützt wird und in welchem Bereich Fachkräfte fehlen. Pflegekräfte haben die Möglichkeit, sich als Fachpfleger ausbilden zu lassen oder sich für Führungsaufgaben zu qualifizieren. Dabei können Sie zwischen zwei Wegen wählen. Der kürzere ist eine berufsbegleitende Weiterbildung, die im Durchschnitt zwei Jahre dauert. Damit kann man sich für Führungsaufgaben weiterbilden lassen, wie zur Stationsleitung, oder fachlich qualifizieren – für die Onkologische Pflege, den Operationsdienst, die Pädiatrische Intensivpflege oder die Psychiatrische Pflege. Diese Weiterbildungen kosten bis zu 5000 Euro. Die meisten Arbeitgeber übernehmen die Kosten ganz oder zumindest teilweise.

Neben der beruflichen Weiterbildung steht der akademische Weg offen. Pflegekräfte, die sich an der Hochschule im Bereich Pflegewissenschaft, -pädagogik oder -management weiterbilden möchten, können sich für ein Fern- oder Präsenzstudium einschreiben. Was besser ist, dass müsse jeder Einzelne für sich selbst entscheiden – je nach finanzieller Situation und ob man für eine Zeit aus dem Berufsleben aussteigen könne oder nicht, sagt Leffler. Viele qualifizieren sich mit einem Studium für eine leitende Position. Eigentlich ist eine Hochschulzulassung Voraussetzung. Meistens jedoch ist auch eine Zulassung möglich, wenn die Bewerber eine Berufsausbildung und genügend Berufserfahrung im Pflegebereich mitbringen. Ein Bachelorstudiengang ist in der Regel auf sechs Semester angelegt, danach kann noch ein Masterabschluss angeschlossen werden. Pro Semester fallen Gebühren an, die je nach Hochschule anders ausfallen.

Neben diesen konventionellen Wegen der Fortbildung sind viele weitere Möglichkeiten durch neuere Berufsbilder entstanden – zum Beispiel die medizinische Dokumentationsassistentin oder die Wundmanagerin. Diese Zusatzqualifikationen sind kürzer – sie können von drei Tagen bis zu einem Jahr gehen. Aber auch in anderen Bereichen, außerhalb der Pflege, sei das Wissen von gelernten Pflegekräften immer mehr gefragt, sagt Knüppel. Unter anderem in der Pharmaindustrie, in der Unternehmensberatung oder in der Telemedizin. Hier werden Patienten telefonisch beraten oder nachbehandelt, zum Beispiel indem regelmäßig Blutzuckerwerte abgefragt werden.

Finanziell lohnt sich eine Weiterbildung, die Bezahlung steigt je nach Bereich. Das sei für die meisten jedoch nicht die Motivation, sagt Leffler. Krankenpfleger verdienen tariflich bis zu 2738 Euro brutto im Monat, Altenpfleger bis zu 2259 Euro. Für jeden Schichtdienst gibt es Zulagen. Wenn nach der Weiterbildung nicht mehr im Schichtbetrieb gearbeitet wird, fallen diese weg, somit käme es meist auf das Gleiche raus. Doch nicht mehr in Schichten zu arbeiten, sei eine große Erleichterung und der eigentlich Zugewinn. Anerkennung und der Wunsch, nicht immer auf der gleichen Entwicklungsstufe zu stehen sind ebenfalls Motive.

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