Der Tagesspiegel : Zuhause bei den verteufelten Bremsern

CLAUS-DIETER STEYER

HÖRLITZ .Der Nachbar schüttelt entschieden den Kopf und weist zum Fenster im ersten Stock."Sehen Sie nicht die Fahne? Mensch, das ist eine von Ferrari und sagt alles.Klar bin ich für den Lausitzring." Er könne den Widerstand der Hartwichs gegen die Rennstrecke nicht verstehen."Der Manfred ist doch früher selbst als Motorsportfan bis in die Tschechei gefahren.Und heute klagt er dagegen.Dabei hätte er doch die Rennen gleich vor der Haustür", meint er mit einem Blick auf das in der zweiten Straßenreihe stehende Haus von Familie Hartwich.Die sei der fast einzige Quertreiber in Hörlitz.Man möge sich nur umsehen: Überall Plakate für den Ring und Ferrari-Fahnen in den Fenstern.

Das Gartentor der Hartwichs ist verschlossen.Kein Name, keine Klingel.Wer sie sprechen will, muß sich telefonisch anmelden.Die Polizei dreht seit einem Monat regelmäßig ihre Runden in der kleinen Straße.Denn vor der Hausnummer 77 a ist oft der Teufel los.Jugendliche Hitzköpfe brüllen ebenso ihre Parolen wie Männer und Frauen im besten Alter.Für sie sind die Hartwichs die Schuldigen am möglicherweise verpaßten Aufschwung in einer gewiß arg gebeutelten Tagebauregion.Renate und Manfred Hartwich verhindern in ihren Augen die Aussicht auf Arbeitsplätze, Trubel und Heiterkeit.So sehen es fast alle Politiker von der Gemeindevertretung bis zum Brandenburger Landtag: Wenn die Familie ihre Klage gegen den ihrer Meinung nach zu hohen Lärmpegel der Renn- und Teststrecke zurücknehme, könnten die vor einem Monat gestoppten Arbeiten am 310-Millionen-Mark-Projekt sofort wieder aufgenommen werden.Das Feindbild eint die Menschen.Es fiel deshalb auch nicht schwer, Teilnehmer für die 24stündige Mahnwache der Bürgerinitiative "Pro Lausitzring" zu finden.

Nur mit viel Glück und Ausdauer gelingt ein Gespräch mit dieser weithin verteufelten Familie.Oft läuft nur der Anrufbeantworter, oder der Telefonstecker ist herausgezogen.Die Bänder mit Beschimpfungen und Morddrohungen liegen inzwischen bei der Staatsanwaltschaft, ebenso die Drohbriefe."Zuerst stirbt Euer Sohn! Dann geht Euer Haus in Flammen auf! Dann könnt Ihr alles genießen!", schrieb jemand in einem im nicht weit entfernten Calau abgestempelten Brief.Der 26jährige Sohn der Hartwichs studierte Jura und macht gerade in Göttingen sein zweites Staatsexamen.Er hat die rechtlich exakten Klageschriften für seine Eltern verfaßt.

"Ich mache uns zuerst einen schönen Kaffee", empfängt die 52jährige Renate Hartwich überaus freundlich den fremden Besucher."Manfred, hole ein paar Äpfel." Sie lachen und scherzen und wollen sich an diesem Nachmittag einmal den ganzen Ärger von der Seele reden.Sonst spreche ja niemand mit ihnen - kein Bürgermeister, kein Kreistagsabgeordneter und schon gar nicht ein schon lange von Wirtschaftsminister Dreher angekündigter Vermittler.Seit ein paar Tagen darf Herr Hartwich sogar seinen Betrieb im nahen Freienhufen nicht mehr betreten."Ich bin von meinem Chef unter Zeugen gekündigt worden.Von einer Beurlaubung, wie der Unternehmer später behauptete, kann keine Rede sein.Ich solle nur noch auf meine Papiere warten."

Der 56jährige Baumaschinist und Werkstattleiter versteht die Welt nicht mehr."Was hat denn meine private Klage mit meinem Arbeitsverhältnis zu tun? Die wollen mich wahrscheinlich bestrafen oder mürbe machen.Jetzt soll ich dafür verantwortlich sein, daß der Firma womöglich ein Millionenauftrag durch die Lappen geht.Das kann doch nicht wahr sein." Tatsächlich hatte die Projektgesellschaft einen Werktag vor dem von ihr verkündeten Baustopp Aufträge von 80 Millionen Mark an mehrere Unternehmen verteilt.Darunter befand sich auch Hartwichs Firma.Das Geschäft ist vorerst geplatzt.

"Mein Chef sagte zu mir, daß niemand verstehe, wieso ich als Kläger noch beschäftigt werde.Er müsse mich deshalb kündigen", sagt Hartwich.Joachim Kniep, Niederlassungsleiter der Matthäi-Baufirma, widerspricht.Herr Hartwich sei nur aus gesundheitlichen Gründen zeitweilig beurlaubt worden."Er soll seinen schlechten nervlichen Zustand überwinden und zu sich finden", erklärte Kniep.Der Betroffene schlägt die Hände vors Gesicht."Ich habe immer geschuftet.Jetzt setzt man mir den Stuhl vor die Tür." Das Arbeitsgericht muß jetzt klären, ob tatsächlich ein firmenschädigendes Verhalten die eventuelle Kündigung rechtfertigt.Sollte Hartwich arbeitslos werden, befürchtet er das berufliche Aus."Mit 56 stellt mich doch niemand mehr ein."

Immer wieder wiederholt Renate Hartwich - seit der Geburt des Sohnes Hausfrau - den gleichen Satz: "Wir haben doch nur die Rechte wahrgenommen, die uns zustehen." Niemand könne ihnen zumuten, 500 Meter neben einer Renn-und Teststrecke zu wohnen.Über Schallschutzfenster schüttelt sie den Kopf: "Soll ich mich in meinem Haus verkriechen? Kann ich beim 24-Stunden-Betrieb meinen Garten nicht mehr genießen? Wer will mir hier etwas verbieten?" Sie erzählt von aufmunternden Briefen und Anrufen.Die meisten kämen aus dem Westen oder aus dem früheren West-Berlin."Da würde so eine Rennstrecke nie genehmigt werden." Hier aber seien die Leute viel zu leichtgläubig und glaubten den Versprechungen vieler Arbeitsplätze.

Ihr Mann überrascht plötzlich mit einem unerwarteten Ausruf: "Ich bin Feuer und Flamme für den Lausitzring.Das ist eine große Sache.Doch man kann doch dieses Ding nicht in die Nähe eines Wohngebietes bauen.Sollen die Planer das Gelände doch räumlich verschieben.Die Lausitz hat genügend brachliegende Landschaften."

Auf jedem Fall wollen sie die Klage bis zum Ende durchboxen.Kompromisse sind nicht in Sicht.Wo niemand miteinander spricht, kann nicht nach Lösungen gesucht werden.Die Hartwichs hängen an ihrem 1972 erbauten Haus.Das meiste hätten sie selbst aufgebaut."Nun will uns die Diktatur des Proletariats alles wegnehmen", sagt Manfred Hartwich unter Anspielung auf die Mahnwache.So könne doch die Demokratie nicht verstanden werden.

Manchmal wird den Hartwichs angst und bange im Dorf.Sie laufen zwar keine sprichwörtlichen Spießruten, aber die neuesten Nachrichten machen sie kaputt.Jetzt erhalten auch jene Familien Morddrohungen, die auf der von Hartwichs zusammengetragenen Liste gegen den Lausitzring unterschrieben haben.Rund 100 Namen stehen darauf.Darunter befinden sich auch ehemalige Kollegen von Manfred Hartwich.Jetzt sollten alle Gegner in den nächsten Tagen auf ihre Kinder und Enkelkinder besonders achten, wird in Briefen und Anrufen gedroht.Sie seien in Gefahr, wenn der Widerstand gegen die Rennstrecke nicht aufgegeben würde."Sie könnten ja eine Ferrari-Fahne ins Fenster hängen", hieß es wörtlich.

Der Ring, der Baustopp

Der Lausitzring soll auf einer 570 Hektar großen Fläche an der Abfahrt Klettwitz der Autobahn nach Dresden gebaut werden.Von den 310 Millionen Mark Gesamtkosten trägt das Land Brandenburg 241 Millionen Mark.Eine"wegweisende Immobilie für das nächste Jahrtausend", schwärmte Projektleiter Frank Herdmann von der Bankgesellschaft Berlin, die den größten Teil des restlichen Geldes aufbringt.Herdmann verkündete für den Förderverein Lausitzring am 17.August den vorläufigen Baustopp, da das unternehmerische Risiko durch den Widerspruch einer Anwohnerfamilie zu hoch sei.

Die Familie Hartwich aus Hörlitz hatte Widerspruch gegen die vom Cottbuser Amt für Immissionsschutz erteilte Genehmigung zum Bau erhoben.Sie befürchtet eine zu starke Lärmbelästigung.In Kürze will die Cottbuser Behörde den Hartwichs antworten.Danach wird das Ehepaar entscheiden, ob sie gegen den Bescheid klagen wird.Falls keine außergerichtliche Einigung erzielt wird, sind lange Rechtsstreitigkeiten zu erwarten.

Dem Förderverein läuft die Zeit davon.Denn schon 2000 sollten die ersten Rennen der amerikanischen Indy-Car-Serie stattfinden.In Sachsen-Anhalt laufen die Vorbereitungen für ein ähnliches Projekt wie der Lausitzring.

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