Der Tagesspiegel : Zum Dank einen Heiligen Wladimir

Die russisch-orthodoxe Newskij-Kirche feierte ihr 175. Jubiläum – mit göttlicher Liturgie und Ordensverleihungen

Heidemarie Mazuhn

Potsdam – Die ersten Gottesdienstbesucher bekreuzigten sich gestern lange vor 10 Uhr auf dem Kapellenberg. Dort hatte Erzpriester Anatolij Koljada seine russisch-orthodoxe Gemeinde zu einer „göttlichen Liturgie“ eingeladen, mit der das 175. Jubiläum seiner Alexander-Newskij-Kirche gefeiert werden sollte. Am 11. September 1829 war der klassizistische Bau nach Plänen des am Petersburger Zarenhof tätigen Architekten Wassilij Petrowitsch Stassow eingeweiht worden – mit viel Pomp und im Beisein des russischen Zaren Nikolaus I. und Friedrich Wilhelm III. Der Preußenkönig hatte sich zur Kirchweih nicht lumpen lassen und seinen russischen Sängern in der Kolonie Alexandrowka unter anderem 75 Flaschen Wein spendiert.

Bevor gestern die Mitglieder der Potsdamer russisch-orthodoxen Gemeinde in einem kleinen Festzelt zwischen dem Kirchlein und dem malerischen Pfarrhaus den kulinarischen Freuden frönen konnten, die Frauen mit Kopftüchern dort emsig zum Büfett aufbauten, brauchten sie Stehvermögen im wahrsten Sinne des Wortes. Gibt es doch in orthodoxen Kirchen kein Gestühl – der Gläubige soll sich in stehender Andacht größere Nähe zu seinem Gott bewahren. Gestern war die Nähe sehr groß, wurde die Zeremonie des Altarfestes zum 175. Kirchenjubiläum doch über zweieinhalb Stunden zelebriert. Draußen verfolgten einige den Gottesdienst am Monitor. Am Kirchzaun verneigte sich eine junge Frau immer wieder tief zur Erde und bekreuzigte sich – unzählige Male und mit immer tiefgläubigerem Gesichtsausdruck unter dem blaugeblümten weißen Kopftuch. In die Kirche selbst konnte sie nicht eintreten – sie wartete an einem Tisch mit hoch aufgebauter russisch-orthodoxer Literatur auf Kundschaft nach dem Gottesdienst.

Der begann offiziell mit dem feierlichen Einzug des Erzbischofs Feofan von Berlin und ganz Deutschland, der mit seinem Moskauer Gast – dem Metropoliten German von Wolgograd – am Kirchtor von Landsleuten nach russischer Sitte mit Blumen, Brot und Salz begrüßt wurde. Prächtig die grünbrokatene Kleidung der russisch-orthodoxen Würdenträger und prächtig auch die, dem Fremden zwar nicht verständliche, liturgische Handlung mit unsichtbarem Frauengesang aus dem Hintergrund, viel Weihrauch und Gebeten. Zum Abendmahl brachten vor allem Mütter ihre Babys – Erwachsene bekommen es nur, wenn sie gebeichtet haben.

An der Prozession um die Kirche herum nahmen dann auch Ministerpräsident Matthias Platzeck, Kulturministerin Johanna Wanka, der Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs sowie Stadtkonservator Andreas Kalesse teil. Außer Weihwasser wartete auf diese noch ein Orden – welcher,wusste nicht mal Platzeck. Dabei hatte Alexeij, Patriarch von Moskau und ganz Russland, seinem Metropoliten German für ihn den zweithöchsten Orden der russisch-orthodoxen Kirche mitgegeben. Nur Zaren, Präsidenten und Könige erhalten den Orden des Heiligen Wladimir. Der brandenburgische Sozialdemokrat bekam ihn für seine Bemühungen um die russisch-orthodoxe Kirche. Ein paar Rangstufen tiefer hatten die anderen Orden ähnlichen Sinn – Kulturministerin Wanka durfte sich über den Orden der Heiligen Olga freuen. Die Alexander-Newskij-Gemeinde konnte sich auch freuen – Jann Jakobs revanchierte sich mit der symbolischen Übergabe eines neuen Friedhofs am Kapellenberg.

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