Der Tagesspiegel : Zur Schulstunde ins Daimler-Werk

Annette Kögel

Potsdam. Manch ein Schulterschluss zwischen Wirtschaft und Gesellschaft beginnt am heimischen Gartenzaun. "Unser Ausbildungsleiter und der Lehrer am Gymnasium sind Nachbarn und kamen so ins Gespräch", sagt Horst Meißner, Technikleiter bei Daimler-Chrysler in Ludwigsfelde. Erst Blätter gefegt, dann den Rasen gesprengt - und schließlich vereinbart, dass der Naturwissenschaftler mit seinen Schützlingen zum Unterricht an die CNC-Maschinen ins Werk kommen darf. Die Zusammenarbeit des Automobilkonzerns mit Schulen und Jugendclubs ist nur ein Beispiel neuer gesellschaftlicher Joint Ventures überall in Brandenburg.

Jugendliche, die sich in Buswartehäuschen auf beschmierten Bänken langweilen und leere Getränkebüchsen durch Fußgängerzonen kicken - ein vielerorts gewohntes Bild brandenburgischer Provinz-Einöde. Damit das nicht so bleibt, engagieren sich jetzt auch in Ostdeutschland immer mehr Unternehmer für ein funktionierendes Gemeinwesen, berichtet Reinhard Lang von der Bundesinitiative "Unternehmen: Partner der Jugend (UPJ)" und Mitveranstalter der Foren im Potsdamer Tagunghaus "Blau Art". Dort trafen sich kürzlich Vertreter aus der Wirtschaft, von Jugendeinrichtungen und Landesverwaltung. Das Motto des Ideenaustausches: "Ein Gewinn für alle".

Dass zuerst die Jugendlichen profitieren, zeigen Antje Tezinski und Carolin Weber vom Jugendclub in Brück, Potsdam-Mittelmark. Die Firma Ytong stiftete dem neuen Jugendclub Steine für den Tresen, andere lokale Firmen stellten Pinsel und Farbe bereit - jetzt gibt es endlich einen gemütlichen Treffpunkt im Ort. "Als Gegenwert haben welche von uns in der Kläranlage gearbeitet und Steine gesetzt", berichten die jungen Frauen. Drei Mal schon fuhren Brücker Schüler inzwischen zur Baufirma Max Bögel nach Berlin: Bewerbungstraining. "Wenn man die Tipps von den Chefs selbst hört, glaubt man das eher, als wenn einem die Lehrer was erzählen", sagt die 17-jährige Carolin Weber.

Jugendlichen Nachwuchs schulen und akquirieren - das ist eine der Motivationen für Firmen, sich im Sozialwesen zu engagieren. Vor allem in gewerblich-technischen Berufen zeichne sich wegen der geburtenschwachen Jahrgänge ein Mangel an Ausbildungsplatzbewerbern ab, sagt etwa Daimler-Fachmann Horst Meißner. Durch die Projekte wolle man Jugendliche neugierig machen und auch mehr Mädchen begeistern.

Anders der Hintergrund bei der Firma Cargolifter in Brandt. Dem Unternehmen mit Mitarbeitern aus 18 Nationen gehe es in erster Linie darum, "sich als Fremdkörper in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit zu integrieren", so Geschäftsführer Dirk Pohlmann. Cargolifter stehe für die Zukunftsorientierung Brandenburgs - auch dank neuartiger Firmen-Aktivitäten wie Jugendcamps und Technopartys im Hangar. Cargolifter sei offen für weitere Kooperationen - wenn die Jugendlichen nur Ideen entwickelten. Erst kürzlich habe der Nachwuchs aus der Region bei einem Wettbewerb anlässlich eines Jugendaustauschs mit den USA eher "Depressionen als Visionen" offenbart. Anders die Stimmung in Brück, wo Wenke Hanack seit zwei Jahren ein UPJ-Modellprojekt organisiert: Sie vermittelte bereits zwischen 11 Jugendeinrichtungen und über 20 Firmen.

Die Bereitschaft, für die Region mehr zu tun als Arbeitsplätze bereitszustellen, sei bei vielen Betrieben vorhanden, so die Erfahrung von UPJ-Fachmann Lang. Doch "bevor man als Unternehmer loslegen kann, muss man einen Grundkurs in Verwaltungsrecht belegen", klagt der Cargolifter-Vertreter über verwaltungsbedingte Hürden.

Beraten kann hier die unter anderem durch Bundesmittel finanzierte UPJ-Geschäftsstelle. Reinhard Lang gibt auch betriebswirtschaftliche Argumentationshilfen an die Hand. Den Unternehmern bringe der Einsatz nämlich längst mehr als nur Imagevorsprung und Mitarbeitermotivation: Inzwischen müssen Firmen wie Versicherungen ökologisches und soziales Engagement schon im Geschäftsbericht nachweisen. Andere umwerben Kunden damit freiwillig. "Wir haben die Urkunde unserer geförderter Volleyballmannschaft gleich im Musterhaus an die Wand gehängt", berichtet Marketing-Mitarbeiter Michael Thiele von der schwedischen Fertighausfirma Sjödalshus in Brück.

Also doch vornehmlich kommerzielle Absichten? Hat das Bildungsministerium da keine Einwände? Minister Steffen Reiche befürworte die Kooperationen zugunsten der Jugendhilfe, sagt dazu Doris Scheele, Leiterin des Landesjugendamtes Brandenburg. Und Wenke Hanack aus Brück entkräftet Einwände mit ihrer Erfahrung: "Die Zusammenarbeit mit Jugendlichen macht den Leuten schlicht und einfach Spaß."

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