ZUR PERSON : „Den Kapitalismus muss man bändigen“

Wirtschaftsethiker Bernhard Emunds erklärt, warum schon Nachwuchsmanager lernen müssen, ihr Handeln zu hinterfragen

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Die Zukunft im Blick. Bernhard Emunds hält Vorlesungen für das Führungspersonal von morgen. Foto: Privat

Herr Professor Emunds,

hätten Sie je vermutet, wie aktuell Ihr Forschungs- und Arbeitsthema einmal werden würde?

Ich beschäftige mich mit der Ethik der Finanzmärkte seit Mitte der 90er. Da gab es die zweite Mexikokrise, die Asienkrise, und seitdem folgten immer wieder Finanz- und Währungskrisen in peripheren Ländern oder Teilsegmenten der Wertpapiermärkte. Mir wurde klar, welchen enormen Einfluss Veränderungen in der Finanzwirtschaft auf den Rest der Wirtschaft und das Leben der Menschen haben – und dass diese ethisch reflektiert werden müssen. Aber eine Krise solchen Ausmaßes hätte ich nicht erwartet.

Wie groß ist die Last, die auf den Schultern der jungen Generation ruhen wird?

In der momentanen Situation muss der Staat hohe Schulden aufnehmen, um Konjunkturpakete zu finanzieren und die Banken vor dem Bankrott zu retten. Wenn er das nicht tun würde, wären die Schulden langfristig noch höher. Das heißt, auch aus der Sicht der Generationengerechtigkeit ist das der richtige Weg.

Normalerweise sind Ihre Hörer Theologie-Studenten. Sie geben aber auch Veranstaltungen für Manager von morgen. Wie sollte deren Selbstverständnis aussehen?

Sie müssen einen Mittelweg finden. Und zwar einen, der weder Milton Friedmans „The Business of Business is Business“ folgt und sich allein am Shareholder-Value – also am aktuellen Börsenwert der Firma – orientiert, noch die Unternehmen als Agenturen für Weltverbesserung versteht.

Aber im Studium lernen angehende BWLer und Ökonomen eine Menge über das unternehmerische Leitbild des Shareholder-Value.

Das ist richtig. Aber in den Lehrveranstaltungen mit Wirtschaftsstudenten stelle ich eine hohe Bereitschaft fest, im Studium gelernte Modelle kritisch zu hinterfragen; das ist ein Anfang und Hoffnungsschimmer. Ein Punkt, bei dem ich allerdings auf wenig Gegenliebe – auch bei den Theologie-Studenten – stoße, ist das Plädoyer, dass der Kapitalismus vor allem mit Hilfe des Staates gebändigt werden muss. Mich prägt diese Überzeugung durch und durch, aber die Studenten setzen eher auf die Verantwortung des Einzelnen.

Was halten Sie davon, dass einige Business Schools ihre MBA-Studenten in Länder schicken, in denen sie mit ethischen Konflikten in der Wirtschaft konfrontiert werden?

Prinzipiell finde ich es gut, wenn Studenten Kontakt mit der Wirklichkeit bekommen und sehen, wo in der Wirtschaft die Probleme liegen. Ob es nötig ist, den Sweatshop vor Ort zu besichtigen, bezweifle ich. Ein Tourismus in Länder, in denen unmoralisches Wirtschaften verbreitet ist, wäre fatal.

Aber wie können sie dann lernen, später im Job verantwortlich zu handeln?

Um in der Praxis das eigene Handeln und auch wirtschaftliche Institutionen unter Gerechtigkeitsaspekten kritisch hinterfragen zu können, ist es sinnvoll, sich schon im Wirtschaftsstudium mit Ansätzen der Ethik zu beschäftigen. So bekommen die Studenten andere Perspektiven an die Hand. Aber auch die Betrachtung konkreter Fallbeispiele darf nicht fehlen. Was mir wichtig ist: Der Aspekt der Ethik darf nicht einfach an eine unveränderte ökonomische Lehre drangeklatscht werden, nur weil das gerade aktuell ist.

Was sollte verändert werden?

Unsere ökonomische Lehre ist stark weggekommen von einer Sozialwissenschaft, die Institutionen zu verstehen versucht, die politische Lenkung von Märkten betrachtet und nach den Vorstellungen von gutem und gerechtem Wirtschaften fragt. Stattdessen hat sich eine rein mathematisch, analytische Theorie – man könnte fast sagen Naturwissenschaft – entwickelt, die in Modellen mit isolierten Märkten und monetär eigennützigen Individuen denkt. Also ein sehr eingeschränktes Bild von Ökonomie. Natürlich treibt ein Familienunternehmen die Aussicht auf Gewinne, aber längst nicht nur. Da geht es um Tradition, Verankerung in der Region, das Vertrauen der Mitarbeiter auf langfristige Beschäftigung. So eine Wirtschaftskultur in die ökonomische Lehre zu integrieren, das wurde lange Zeit vernachlässigt.

Wie konnte es zu einer solchen Krise kommen?

Die Finanzinstitute spüren im Aufschwung und in der Hausse, dass sie ihre Gewinne weiter steigern können, wenn sie ihre Kreditvergabe beziehungsweise ihre Geschäfte insgesamt schneller ausdehnen. So kommen immer mehr Geld und liquide Finanztitel in Umlauf. Das treibt die Aktienkurse und die Preise für andere Vermögensgüter nach oben. Durch den Kauf und Verkauf von Vermögensgütern werden immer höhere Gewinne erzielt – und die Gewinnerwartungen weiter gesteigert. So kommt eine sich selbst verstärkende Spirale in Gang.

Und irgendwann platzt die Blase ...

Ja, das ist im Prinzip nicht Neues. Das Phänomen hatten wir bis zum großen Börsenkrach 1929 immer wieder. Danach wurden strenge Regeln zur Regulierung eingeführt, die verhindern sollten, dass die Geschäftsbanken in guten Zeiten zu viele Kredite vergeben und damit zu viel Geld schöpfen. Das hat insgesamt ganz gut funktioniert!

Und dann, was ist dann schief gelaufen?

In den 80er-Jahren ist neben diesem traditionellen Bankensektor, der Kredite vergibt und Einlagen entgegennimmt, eine neue kapitalmarktdominierte Finanzwirtschaft entstanden, die sich rund um die Wertpapiergeschäfte dreht und kaum reguliert wurde. Seitdem gab es immer wieder kleinere Krisen – und jetzt eben eine große, weltweite Krise.

Also sind nicht Manager in Banken und Unternehmen Schuld an der Krise, sondern die mangelnde Überwachung?

Tatsächlich ist das erste und grundlegende Problem, dass die Regulierung unzureichend war. Jede Krise geht aber auch mit Debatten über unmoralische Praktiken der Finanz- und Wirtschaftsakteure einher. Wir dürfen diese Debatte aber nicht überziehen, weil unser Wirtschaftssystem, mit dem wir bis jetzt vergleichsweise gut gefahren sind, auf dem Geldvermehrungsinteresse aufbaut. Die Menschen bekommen die Möglichkeit, ihr Geld zu vermehren, wenn sie Waren und Dienstleistungen bereitstellen, die für andere Menschen von Nutzen sind. Das können wir nicht einfach infrage stellen. Insofern wäre es kurzschlüssig, die Krise zuerst auf die Gier der Manager zurückzuführen.

Sie finden also, dass sich zum Beispiel ein Josef Ackermann korrekt verhält?

Ich werde keine Benimm-Noten für einzelne Manager verteilen. Neben dem Regelproblem ist aber die zweite Ursache der Krise eine unverantwortliche Sorglosigkeit, ein beinahe grenzenloses Vertrauen der Banker in die eigenen Fähigkeiten des Risikomanagements und die Möglichkeiten der Finanzmärkte. Wenn hohe Gewinne locken, werden alle Zweifel beiseitegeschoben. So ist ein kollektiver, blinder Fleck entstanden. Es wurde ausgeblendet, dass die Party irgendwann vorbei sein muss.

Und dieses Verhalten wollen Sie durch staatliche und supranationale Regeln kanalisieren?

Die einzige Chance, die wir meiner Meinung nach haben, ist die, die hochdynamische Maschine Kapitalismus mit ihren gewinnorientiert wirtschaftenden Unternehmen in ein eindeutiges und verlässliches Regelwerk, in einen gesetzlichen Rahmen einzupassen. Nur dann weichen die „Produkte“ dieser Maschine nicht zu weit von den gesellschaftlich gewünschten Ergebnissen ab. Eine wirkliche Alternative zum Kapitalismus, also ein völlig anderes System auf gleichem Effizienzniveau, sehe ich zurzeit nicht.

Das Gespräch führte Kirsten Ludowig. Das vollständige Interview finden Sie unter www.karriere.de

In der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem großen Börsenkrach 1929 boomt das Geschäft mit der Wirtschaftsethik. Das bekommt Bernhard Emunds deutlich zu spüren – seine Meinung ist momentan gefragter denn je. Der 46-Jährige studierte katholische Theologie, Geschichte und VWL, promovierte im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften und schloss im Jahr 2005 seine Habilitation „Grundlagen einer Ethik internationaler Finanzmärkte“ ab. Heute ist er Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt, hält aber auch Ethik-Vorlesungen an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt sowie an der Frankfurt School of Finance and Management. Zudem leitet Emunds das Oswald von Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik. Dort ist er Nachfolger des Jesuitenpaters Friedhelm Hengsbach, einem der bekanntesten deutschen Wirtschaftsethiker. JK

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