Der Tagesspiegel : Zurück zu den Wurzeln

Früher hat Klaus Dietrich in der Armee die Natur malträtiert. Heute erweckt er alte Bäume zu neuem Leben

Sandra Dassler

Döllingen – 200 Jahre ist es her, da pflanzte ein Pfarrer in seinem kleinen Garten im Oderbruch einen Apfelbaum. Der gedieh prächtig und erfreute Generationen mit seinen Früchten. Später verfiel das Pfarrhaus, der Garten verwilderte, der Apfelbaum ging ein. Am Ende blieben nur die Wurzeln.

150 Kilometer vom Oderbruch entfernt erwacht der Baum jetzt zu neuem Leben. Stolz streicht Klaus Dietrich vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) über die Blätter. Das Wurzelwerk reichte Wissenschaftlern der Landesanstalt für Gartenbau, um die schon verloren geglaubte Apfelsorte zu erhalten. „Genetische Regeneration“ heißt das Verfahren. Hunderte vom Aussterben bedrohte Bäume wurden inzwischen im Pomologischen Garten Döllingen im Elbe-Elster-Kreis gepflanzt: 300 Obstsorten – eine Genreserve für die Zukunft.

„Eine Arche Noah“, lacht Klaus Dietrich und schiebt seinen Strohhut mit dem Zeigefinger nach oben. Den Hut mit der knallgelben Sonnenblume trägt er immer: „Das ist mein Markenzeichen: Das Stroh steht für die Natur, die Sonnenblume für Optimismus.“ Früher hat er ganz andere Kopfbedeckungen getragen. Er erzählt es nicht gern, weil ihn dann manche als „rote Socke“ bezeichnen – aber zu DDR-Zeiten war er Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee (NVA). Und Kommandeur des Truppenübungsplatzes in Hohenleipisch. „Mit der Natur hatte ich da wenig am Hut“, sagt er verlegen: „Im Gegenteil – wir haben sie niedergewalzt, zertrampelt, zerschossen.“

Aber auf dem 3800 Hektar großen Areal, das die NVA als Schießplatz nutzte, gab es schon damals seltene Pflanzen und Tiere. „Deshalb kamen oft so’ ne grünen Humoristen zu mir“, erzählt Dietrich und verbessert sich schnell: „Naturschützer, die nach den Orchideen sehen wollten oder nach den Schwarzstörchen, Rotbauchunken und Nachtschwalben. Eigentlich durfte ich das ja nicht erlauben. Wegen der Vorschriften – es hätten ja auch Spione sein können. Aber die haben mir vertraut und ich ihnen.“

Das Vertrauen hat gehalten. Als Dietrich wie viele andere Führungskräfte der NVA am Tag vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik entlassen wurde, da fragten ihn seine Naturschutz-Freunde, ob er sich nicht bei ihnen engagieren wolle. Ehrenamtlich natürlich, aber Dietrich fand sowieso keine andere Arbeit. „Da hab’ ich mich halt in die ganze Sache reingekniet.“

Streuobstwiesen, erklärt er, ist die Fachbezeichnung für Gärten und Äcker, in denen verschiedene Obstbäume stehen. Im Gegensatz zu den Obstplantagen ermöglichen sie eine umwelt- und grundwasserschonende Obsterzeugung. In Brandenburg haben sie eine lange Tradition, die sich bis zur Zeit Friedrichs des Großen zurückverfolgen lässt. Doch die traditionellen Strukturen verloren gegenüber dem Intensiv-Obstanbau zunehmend an Bedeutung. „Nach 1990 wollte kaum noch jemand die Wiesen und Gärten bewirtschaften. So wurde ich zum Streuobst-Beauftragten des Landes Brandenburg.“

Mit der Hilfe des Landes, des Naturschutzbundes und des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft kümmerte sich Dietrich um alte Streuobstwiesen. Er fand Partner, die das ökologisch angebaute Obst ernteten, verkauften oder zu Saft und Schnaps verarbeiteten. Er hatte auch die Idee, einen pomologischen Schau- und Lehrgarten einzurichten. „Pomologie ist die Lehre von der Obstkunde“, sagt Dietrich, „früher wussten viele Menschen darüber Bescheid. Aber heute kaufen die meisten ihre Äpfel, Kirschen und Birnen im Supermarkt. Und die alten Sorten verschwinden.“

In Döllingen und Umgebung hat der Streuobst-Papst inzwischen viele Leute überzeugt. Zu den alljährlichen „Apfeltagen“ und zum „Kartoffel-Lesen wie zu Omas Zeiten“ kommen Tausende Besucher. Im pomologischen Garten wird Saft und ab dem nächsten Jahr auch eigens gebrannter Schnaps verkauft. Schulklassen beteiligen sich am Projekt, und bis jetzt hat das Arbeitsamt auch immer ein paar Leute vermitteln können. Dietrich: „In zwei, drei Jahren können wir junge Bäume mit alten Obstsorten an private Interessenten verkaufen.“

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