Zusammenhalt : Nicht ohne meine Familie

Vater, Mutter, Bruder, Schwester - klar wissen alle von uns, wie die Verwandtschaft nerven kann. Aber ohne wäre es nicht mal halb so gut.

Familie
Familie als Idylle -Foto: dpa

Dieses Mal haben wir auf der Unter-18-Konferenz erst ziemlich viel über Altenheime und die Versorgung unserer Großeltern gesprochen, und darüber, was unsere Eltern in dieser Hinsicht von uns erwarten. Wir sind 14 bis 19 Jahre alt, aber mit diesem Thema hatten einige von uns schon zu tun. Dann kamen wir auf unsere Familien. Die meisten von uns kommen aus "normalen" Familien. Ist es langweilig, wenn man in einer normalen Familie lebt? Und was ist überhaupt normal? Wir redeten über die Trennung von Eltern, und wie man mit geschiedenen Eltern und mit dieser neuen Situation lebt, die ja auch für viele normal ist. Wie lebt es sich Patchwork- und Großfamilien? Sind Einzelkinder wirklich so schlimm und verwöhnt, wie man ihnen nachsagt? Wie ist es, wenn man Bruder oder Schwester bekommt, nach vielen Jahren des Einzelkinderdaseins? Wie sehen wir Jugendlichen, die ja angeblich immer nur Probleme mit ihren Eltern haben, ihre Familie wirklich? Wie betrachten wir diese besonderen Personen, die immer für uns da sind?
Charlotte Schilling, 14 Jahre


Total verpfuscht

Was habe ich früher auf meine Familie geschimpft! Ich hab mich mit meinen Eltern endlos gestritten und wollte meinen kleinen Bruder oft am liebsten an die Wand klatschen. Heute möchte ich sie nicht mehr missen. Auch, wenn ich noch dieses Jahr volljährig werde, bin ich viel zu unerfahren, um auf die Hilfe meiner Familie verzichten zu können. Ans Ausziehen ist, auch abgesehen vom finanziellen Aspekt, nicht zu denken - weder für mich noch für meine Familie.

Nicht jeder Jugendliche hat das Privileg, sich nach dem 18. Geburtstag weiterhin im Schoße der Familie suhlen zu können. Mein Freund wohnt seit etwas über einem halben Jahr alleine. Er ist einen Monat vor seinem 18. Geburtstag von zu Hause ausgezogen. Trennung und Scheidung der Eltern, neue Partner beiderseits und unzählige Spannungen hatten dazu geführt, dass er sich zu Hause noch nie sehr wohl gefühlt hat. Das fing schon an, als seine Eltern noch zusammenlebten, ständig gab es Streit, seine Kindheit bezeichnet er als total verpfuscht. Die ganze Familie ist in Therapie gewesen, sogar im Heim hat er einige Zeit gelebt, seine Eltern waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, haben ihn angeschrien und geschlagen.

Nach Absprache mit dem Jugendamt schien es die beste Lösung für ihn, auszuziehen. Klingt gut, ist in der Realität jedoch ziemlich hart. Die Verbindung zu seinen Verwandten reicht gerade noch, um das Weihnachtsfest mit ihnen zu verbringen. Es scheint egal zu sein, wie sein Leben verläuft. Es ist egal, ob und wie es in der Schule vorangeht, egal, ob er krank ist, egal, ob sich etwas Wichtiges verändert, egal, egal, egal. Er ist wütend, besonders auf seine Mutter, denn sein Vater hat nach fast zwei Jahren Funkstille den Kontakt zu ihm wieder aufgenommen. Er fragt sich, warum seine Eltern Kinder bekommen haben, wenn sie sich doch nicht um sie kümmern wollten.

Noch hat mein Freund einen Betreuer und lebt in der Trägerwohnung einer Organisation. Doch der Betreuer ist kein Elternersatz, die Treffen mit ihm gleichen eher einem Geschäftstermin. Natürlich ist mein Freund einsam und versucht sehr oft, etwas mit Freunden zu unternehmen. Doch da gibt es einen Haken: Die Freunde haben familiäre Verpflichtungen.
Caroline Stelzer, 17 Jahre


Ganz normal

Seit 2002 sind meine Eltern geschieden. Ich war noch relativ klein und hatte wenig Ahnung von sowas. Ich war schon traurig, dass ich immer nur noch ein Elternteil zu Hause hatte. Meine Mutter ist dann mit meiner Schwester und mir umgezogen. Meine Eltern haben mir natürlich erklärt, warum es so passiert ist. Aber es war ein komisches Gefühl.

Knapp sieben Jahre später ist das schon anders. Man kann sagen, dass es normal ist, denn jetzt verstehe ich, was damals passiert ist. Natürlich ist es blöd, dass ich meinen Vater so selten sehen kann, denn ich wohne jetzt mit meiner Mutter und meiner Schwester in Berlin, mein Vater ist in München geblieben. Ich versuche in jeden Ferien zu meinem Vater zu fahren. Das ist aber nicht immer so leicht, vor allem wegen der Entfernung.

Meine Eltern haben mittlerweile auch wieder ein gutes, normales Verhältnis zueinander. Am Anfang war es für mich schwierig, als mein Vater und meine Mutter neue Partner hatten. Ich erinnere mich noch, wie ich die Freundin meines Vaters und ihre Familie kennengelernt habe. Sie war sehr freundlich, und ich habe dann später mit dem Sohn und seinem Freund Fußball gespielt.

Mittlerweile ist unser Familienleben alles in allem ganz normal, ich bin mit den Kindern der Freundin recht gut befreundet. Genauso hat meine Mutter auch einen Freund, mit dem ich nicht schlecht klarkomme. Ich fühle mich dabei nicht unwohl oder schäme mich dafür, denn als ich älter wurde, habe ich gemerkt, dass es besser so ist.
Luca Hyzdal, 16 Jahre


Wunschkind

Ich habe mir eine gelbe Schüssel auf dem Kopf gesetzt und verstecke mich hinter dem Kinderbett. Eine unsichere Hand entfernt das Laken, das mich verdeckt. Meine Schwester lacht auf.

Früher habe ich meine Eltern angefleht, mir ein Geschwisterchen zu schenken, aber meistens bekam ich nur ein verständnisvolles Lächeln. Ich spannte meine Großmutter ein und besprach mit ihr regelmäßig die Notwendigkeit eines Schwesterchens oder Brüderchens am Telefon. Irgendwann gab ich es auf - trotzdem ließ ich meine Eltern wissen, dass ich meinen Wunsch nicht einfach so vergessen würde. Vielleicht wollte ich ein Geschwisterchen, weil mir das für mein Bild von der idealen Familie noch fehlte.

Im Herbst des vorletzten Jahres erfuhr ich, dass mein Wunsch in Erfüllung gehen würde. Meine Freundinnen klatschten und umarmten mich, als ich es ihnen erzählte. Es war ein Wunder, wie der Bauch meiner Mutter wuchs. Im letzten Sommer hielt ich Lilly, meine kleine Schwester, in den Armen. 15 Jahre hatte ich gewartet!

Ab und zu mache ich mit meiner Schwester einen Spaziergang durch einen Park und werde neugierig gemustert, weil niemand einschätzen kann, ob ich die Mutter, die Schwester oder vielleicht das Kindermädchen bin. An meinem Leben hat sich mit ihrer Geburt einiges verändert. Es gibt jetzt jemanden, der von mir zum Lachen gebracht werden möchte, fordernd ist und mich doch nicht anders haben will, als ich bin. Ich habe keine Veränderungen an mir bemerkt, aber falls mich Lilly doch verändert hat, war das nicht die Verwandlung eines "typischen" Einzelkindes in ein "typisches" Geschwisterkind. Ich habe nicht viel weniger Zeit als früher, und ich bezweifle, dass ich vorher verwöhnter war. Ich glaube, für meinen Charakter ist es unwesentlich, ob ich Einzelkind war oder nicht - aber meine Schwester ist für mich ein Wunschkind.
Julia Suris, 16 Jahre


Oma und ich

Ich habe mich ziemlich gefreut, über meine Oma zu schreiben, denn ich verstehe mich sehr gut mit ihr. Doch als ich loslegen wollte, musste ich lange nachdenken, wie ich mein Verhältnis zu ihr am besten beschreiben kann. Das ist nämlich etwas komplizierter.

Da ich mit elf Jahren nach der Trennung meiner Eltern ein Jahr lang bei ihr gelebt habe, kenne ich sie recht gut. Ich glaube, aus dem Grund habe ich auch eine andere Beziehung zu meiner Oma als einige meiner Freunde oder Bekannten zu ihren Großmüttern. Da hört man oft, dass sich deren Omas ins Privatleben einmischen und vielleicht aus Fürsorge zu besorgt sind. Die Mädchen sollen sich dann nicht so freizügig anziehen, obwohl sie nur einen Rock und ein Top tragen.

Meine Oma hat noch nie etwas in der Art zu mir gesagt. Dadurch, dass sie mir meine Freiheiten lässt und mich nicht dauernd bemuttert oder kritisiert, hatte ich auch noch nie richtige Probleme mit ihr. Na klar habe ich mich in dem Jahr, in dem ich bei ihr gewohnt habe, auch mal mit ihr in die Haare gekriegt, aber nie ernsthaft. Ich gehe sie auch öfters besuchen. Dann reden wir nicht nur übers Wetter, sie erzählt mir auch aus ihrer Jugend. Ich finde ihre Erzählungen sehr bereichernd, weil sich die Jugendlichen damals im Grunde für die gleichen Dinge interessiert haben wie wir heute. Meine Oma hat mir schon ein paar Mal davon erzählt, wie sich die Jugendlichen von früher die Zeit vertrieben haben. Die sind auch abends weggegangen und hatten Spaß. So brav, wie man denkt, waren sie auch nicht immer.

Gerade weil meine Oma so eine lebendige Frau ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie jemals in ein Altersheim gehen wird. Ich bin wirklich froh, dass sie fit genug ist, jeden Tag drei Stockwerke hoch- und runterzulaufen. Wenn sie diesen Artikel gelesen hat, wird sie mich bestimmt anrufen und mir sagen: "Mensch, bin ich eine liebe Oma!"
Zoë Hyzdal, 18 Jahre


Voll das Leben

Früher war es mir fast peinlich, wenn jemand zu uns nach Hause kam. Schon, wenn man hereinkommt, bricht das Chaos auf einen ein. Über den Flur sind Massen von Schuhen und Jacken verteilt, und der Rest lässt nicht lange auf sich warten. Mein kleiner Bruder (8) sitzt vorm Fernseher, meine kleine Schwester (10) übt Klavier, und von meinem anderen Bruder (14) kriegt man nur die schreckliche Musik mit, die aus seinem Zimmer dröhnt. Dann wird zum Essen gerufen, und nach zehn Minuten sind alle irgendwie eingetrudelt. Es wird mehr geredet als gegessen, jeder will von seinem Tag erzählen, vom Fußalltraining, der Mathearbeit und den Plänen fürs Wochenende. Jeder will reden, redet den anderen rein, will selbst aber auch, dass man ihm zuhört. Wenn man aus der Küche kommt, schwirrt einem erst mal der Kopf, aber genau deshalb liebe ich es ja eigentlich. Es ist nicht wie bei manchen am Tisch, wo niemand redet, weil es sich nicht gehört, oder weil man sich nichts zu sagen hat. Bei uns will jeder etwas erzählen und die anderen an seinem Leben teilhaben lassen. Wenn wir alle zusammen sind, spürt man das Leben wie in kaum einem anderen Moment, und auch wenn es mir oft zu viel ist, würde ich es vermissen.

Oder Weihnachten. Ungefähr 20 Geschenke brauche ich, wenn ich will, dass keiner beleidigt ist. An einem langen Tisch sitzen wir mit Omas, Onkel, Großtanten, Großcousinen, Neffen, Halbschwester, deren Freund und Baby. Von den Älteren hört man alle paar Minuten: "Wie bitte, was hast du gesagt?", die kleinen Kinder rennen durch die Wohnung und spielen Fangen, die Erwachsenen unterhalten sich oder versuchen es zumindest, und nebenbei schläft das Baby. Es ist anstrengend, aber es ist mir nicht mehr peinlich.

Wer zu mir kommt, lernt einen Teil meines Lebens kennen und vor allem einen großen Teil von mir. Diese Familie und dieses Zuhause machen wahrscheinlich mehr von mir aus, als mir klar ist. Im Prinzip kann mir auch nicht vorstellen, ohne diesen ganzen Zirkus zu leben. Ohne den Lärm, das Gestreite um die Fernbedienung oder eine Oma, die jeden Tag dreimal anruft. Natürlich wünscht man sich manchmal ganz weit weg und ist genervt von allem und jedem - aber es wäre doch komisch, wenn keiner mehr ohne zu klopfen ins Zimmer kommen oder mich am Wochenende um halb neun Uhr morgens durch Klavierüben wecken würde. Dann hätte ich niemanden zum Anschreien, weil ich noch schlafen oder ich in Ruhe lernen will. Es wäre doch alles nur noch halb so spannend.
Undine Weimar-Dittmar, 16 Jahre

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