Der Tagesspiegel : Zwei Dutzend Enten am Lenker

Alltag in Vietnam: Eine Radreise durch das Mekong-Delta führt zu schwimmenden Märkten, Fischern und Kokosnusspflückern

Bettina Bermbach

Phuong Vo Nguyen ruft: „Sattelt die Hüüüühner!“ – und schwingt sich auf sein Mountainbike. Die Gruppe bei Long An, eine Autostunde von Saigon entfernt, tut es ihm nach. Phuong – der Name kommt nur mit einem Lächeln korrekt über die Lippen – spricht sehr gut Englisch, haut im Verlauf der Tour zum Mekong–Delta jedoch immer mal wieder ein paar deutsche Sprüche raus. „Pack mer’s!“ Der 28-jährige Computerfachmann aus Saigon zeigt interessierten Touristen die Schönheit seines Landes. Am liebsten auf dem Fahrrad.

Durch Reisfelder und Bananenplantagen führt die erste Etappe von Long An über My Tho nach Ben Tre. Palmen säumen den roten, manchmal schlammigen Lehmweg. Mitten in den Reisfeldern stehen bunt bemalte Gräber, die wie kleine Tempel aussehen. Zwei Wasserbüffel kühlen sich in einem Kanal ab – bei 36 Grad und mindestens 80 Prozent Luftfeuchtigkeit möchte man sich gleich dazulegen. Entlang der Straße stehen einzelne Steinhäuser in leuchtendem Grün, Blau und Rot, auffällig schmal und außergewöhnlich lang. Das spart Kosten, denn die Grundsteuer berechnet sich in Vietnam nach der Breite der Hausfront. Daneben gibt es Hütten aus Holz und Wellblech, die mit Palmwedeln gedeckt sind. Bei jedem kurzen Halt kommen Menschen herbei. Wo wir herkämen, wollen sie wissen. Ein paar Brocken Englisch können die meisten, manchmal beschränkt sich die Kommunikation auch auf Lächeln und Gesten.

In einem kleinen Laden stehen Frauen, die an schmalen Holztischen mit einer Art Schraubzwinge Cashewnüsse knacken. Knochenarbeit im Akkord, für ein paar Dollar am Tag. Die Provinz Ben Tre ist vor allem für ihre üppigen Kokosgärten bekannt. Wie die Kokosnüsse verarbeitet werden, können wir einige Kilometer weiter sehen: Vor ihrem Haus sind mehrere Generationen einer Familie mit dem Halbieren und Schälen der Nüsse beschäftigt, die den ganzen Hof bedecken.

Ein paar hundert Meter entfernt lösen Arbeiter in einer kleinen Fabrik mit altertümlich anmutenden Maschinen die Fasern der Kokosnüsse ab. Diese werden unter anderem zu Matratzenfüllungen verarbeitet. Aus den fein gemahlenen Schalen dagegen werden Spanplatten gepresst. Auch in der kleinen Kokosbonbonfabrik bei Cho Lach ist alles Handarbeit – vom Sieden der Bonbonmasse aus eingekochtem Kokossirup bis hin zum Formen und Verpacken jedes einzelnen Bonbons.

Nach dem Mittagessen in einem Dorf – knoblauchgespickter Elefantenohrfisch und Hühnchen – werden wir Zeugen einer anderen Handwerkskunst: Eine junge Frau knüpft aus echten Haaren künstliche Wimpern. Zwischen zwei langen, senkrecht stehenden Eisennägeln hat sie ein Haar gespannt, an dem sie mit feinen Knoten geduldig viele einzelne Haare befestigt. So entsteht ein breites Band mit Wimpern, die auch in Deutschland zu kaufen sind. Vier, fünf Euro kostet hier das Paar, die junge Frau bekommt für 20 Stück 16 000 Dong, umgerechnet 70 Cent.

Nach fünf Radstunden nähern wir uns Ben Tre. Der Verkehr wird dichter,wir schlängeln uns zwischen Hunderten von Mopeds und einigen wenigen Bussen und Autos durch. An der ersten Ampel wartet auch ein Mofafahrer auf grünes Licht, gänzlich unbeeindruckt vom aufgeregten Geschnatter der zwei Dutzend Enten, die in Weidenkörben an seinem Lenker hängen. Hinter ihm hat eine vierköpfige Familie auf einem einzigen Moped Platz gefunden, daneben transportiert ein junger Mann einen wohl zwei Meter langen Eisblock quer hinter sich auf dem Sitz.

Im Mekong-Delta pulsiert das Leben. Die Menschen hier sind geschäftig, alles ist in Bewegung. Eine Gegend voller Kontraste, Ursprüngliches neben Fortschritt. In der Provinz Ben Tre frisst sich die neue Schnellstraße durch die Obstplantagen. Hypermoderne Brücken entstehen, wie die Can-Tho-Hängebrücke, die mit 2,75 Kilometern die angeblich längste in Südostasien werden soll.

Entlang den kleinen Seitenarmen des Flusses spielt sich der Alltag der einfachen Menschen ab. Fischer und Kleinbauern steuern ihre beladenen Boote geschickt durch die engen Kanäle. Geschäftstüchtig sind sie allem Anschein nach alle: Kaum ein Haus, vor dem nicht ein kleiner Laden lockt, ein Friseur seine Dienste anbietet, Obst oder Bastmatten verkauft werden. Zahllose Reparaturwerkstätten für Mofas sind da, in denen Männer Ersatzteile begutachten und an den Motoren schrauben.

Besonders geschäftig geht es im nahe der Grenze zu Kambodscha gelegenen Chau Doc zu. Die Menschen hier haben ihr Leben ganz auf das Wasser verlagert: Ihre schwimmenden Häuser liegen dicht an dicht mitten im Mekong und sind nur per Boot zu erreichen. Bereits früh um sechs sind offenbar alle Bewohner auf den Beinen. Zähne putzen, Haare, Gesicht oder Wäsche waschen – alles im braunen Flusswasser. Koexistenz mit den Fischen, die sich die meisten Hausbesitzer direkt unter ihrem Wohnzimmer halten. Chau Docs Exportschlager ist Catfish, eine Art Wels. „Deutschland ist der viertgrößte Abnehmer des Pangasius“, erklärt Phuong. Wir besuchen Ngyuen Van Dam. Rund 80 000 Fische hält der Farmer in den vier Meter großen Käfigen unter seinem Haus. Er hat den Betrieb von seinem Vater übernommen. Nun arbeitet seine gesamte Familie mit.

Wieder auf dem Rad. Weiter im Westen verändert sich die Landschaft. Aus den Reisfeldern ragen große Karsthügel, die jedoch wegen des ungehemmten Kalkabbaus zur Zementherstellung schon bald verschwunden sein dürften. Zwei Stunden radeln wir auf der ebenen Straße Richtung Nha Bang, besuchen einen Khmer- Tempel und kosten an einem Verkaufsstand klebrigen Palmzucker. Die Strecke nach Ho Chong legen wir schließlich mit dem Bus zurück und erreichen nach drei Stunden Fahrt den Golf von Thailand.

Phuongs „Sattelt die Hüüüühner“ erklingt als vertraute Einstimmung auf die nächste Tagesetappe. Die Sonne brennt. Drei Radstunden auf hügeliger Strecke sind zu bewältigen bis Ho Chong. Wieder bestimmt das Wasser den Alltag der Menschen, die ihre Hütten auf Holzpfählen über dem Meer gebaut haben. Hier leben vor allem Khmer, die von Fischfang, Obst- und Pfefferanbau leben. Vietnam ist einer der Hauptproduzenten weltweit. Wie kleine Perlenschnüre wächst das kostbare Gewürz auf den Plantagen.

Nach sechs Tagen auf dem Rad ist Can Tho die letzte Station der Reise. Mit mehr als 250 000 Einwohnern ist die Stadt die größte des Mekong-Deltas und ein beliebtes Touristenziel. Nicht zuletzt wegen des schwimmenden Marktes von Cai Rang. Ab fünf Uhr morgens werden Früchte und Gemüse auf dem Fluss gehandelt. Es herrscht ein scheinbar unübersichtliches Gewirr von Frachtbooten und kleinen Sampans. Berge von Ananas türmen sich auf einem der Boote, daneben liegen Säcke mit Knoblauch und Zwiebeln. Statt auf Plakaten oder Anzeigentafeln präsentieren die Großhändler ihr Angebot an langen Holzstangen, an die sie Kohl, Kürbis und Karotten gebunden haben. Die Kunden steuern ihre kleinen Boote ganz dicht heran und feilschen schreiend im knatternden Motorenlärm um die günstigsten Preise.

Dass es mit dem ursprünglichen Vietnam, wie man es auf einer Radtour über Land noch erleben kann, allmählich zu Ende geht erfahren wir im „Fruit Garden Tourist Resort“. Minh Touan Va, ein älterer Mann mit weißem Spitzbart, führt die Gruppe durch seinen kleinen Garten. Früchte, die wir bereits auf den Märkten sehen konnten, können wir hier noch einmal am Baum bestaunen. Unter einem „Tourist Resort“ haben sich die meisten allerdings etwas Größeres als diesen privaten Obstgarten vorgestellt. Nach dem Rundgang serviert Minh Touan Va Tee und frische Früchte. Doch kaum haben wir es uns auf der Terrasse gemütlich gemacht, tauchen schon die zwei Töchter des Hauses mit Tabletts voller Souvenirs auf. Für einen Dollar gibt es billige Andenken, Magneten für den Kühlschrank und kleine Plastikspiegel. Im „Fruit Garden Tourist Resort“ ist der Tourismus im Mekong-Delta also schon angekommen.

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