Der Tagesspiegel : Zwergenaufstand gegen Kita-Schließung

Simone Leinkauf

Für Sport oder ein gemütliches Glas Wein beim Italiener hat Beate Pezold seit Wochen keine Zeit mehr. Stattdessen zwängt sie sich des öfteren abends auf einen viel zu kleinen Stuhl in der Kindertagesstätte "Zwergenland", wo tagsüber ihre beiden Töchter Lilli und Anna untergebracht sind. Gemeinsam mit anderen Eltern und Erzieherinnen der Kita kümmert sie sich um das "Zwergenland". Denn obwohl das "Zwergenland" die letzte Kita im Norden von Babelsberg ist - alle anderen sind schon umgezogen oder stehen kurz vor dem Umzug in andere Stadtteile - droht die Schließung zum 30. Juni 2002.

Im Januar wurde der seit Jahren in der Schwebe hängende Restitutionsanspruch bestätigt - Haus und Grundstück gehören nun wieder den Erben der Eigentümer, die in den 30er Jahren enteignet wurden. Für den Elternverein, unter dessen Trägerschaft sich das "Zwergenland" seit 1994 befindet, begann damit ein zäher Kampf. Die Stadt Potsdam ist nicht in der Lage, das Gebäude zu kaufen und finanzierbare Alternativobjekte gibt es in der näheren Umgebung nicht. Frei stehende Immobilien eignen sich entweder nicht für den Kita-Betrieb oder sind in ihrer Anschaffung noch teurer, als die zur Zeit genutzte Gründerzeitvilla nahe dem Griebnitzsee. Die Banken wiederum sind nur bei einem entsprechenden Eigenkapitalanteil bereit, die Finanzierung zu übernehmen. Also wurde verhandelt.

Inzwischen liegen unterschriftsfähige Kaufverträge vor, und die Bankengespräche verlaufen vielversprechend. Als der Elternverein auf einer Mitgliederversammlung am 10. Oktober einstimmig für den Kauf des Hauses stimmte, war klar, dass von Elternseite aus noch mindestens 100 000 Mark für den Eigenanteil aufgebracht werden müssen. Und damit begannen im Zwergenland hektische Aktivitäten, um das scheinbar Unmögliche zu schaffen: Die sechsjährige Lynn hat zu einer Zirkusvorstellung Nachbarskinder eingeladen und die erhaltenen 20 Mark Eintritt in die "Zwergenbank" gestiftet. Eltern, Großeltern und Tanten plündern ihre Sparstrümpfe und tragen Beträge zwischen 50 und 10 000 Mark in die Kita.

In den Kellern der Eltern stapeln sich schon die Kisten mit Sachspenden verschiedener Firmen, die für eine Tombola zu Gunsten der Kita am 1. Dezember im Potsdamer Sterncenter gesammelt werden: Designerprodukte der Berlinerin Kitty Kahane sind da ebenso zu finden, wie Plüschtiere, Pullover Bücher oder CD-Roms. Auf diese Weise sind in den vergangenen Wochen rund 50 000 Mark an Geldspenden und Sachspenden im Wert von etwa 30 000 Mark zusammen gekommen.

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