Der Tagesspiegel : Zwischen Stadtkante und Horizont

HANNE BAHRA

Eine durch die letzte Eiszeit geprägte Hochfläche, der Barnim, verbindet Berlin mit Brandenburg.Dort, wo sich die Natur von verwaltungspolitischen Grenzen nicht beeinflussen läßt, arbeiten der Senat, die nördlichen Berliner Bezirke, der Barnimer Landkreis und das Land Brandenburg an einer gemeinsamen Erschließung dieser Landschaft als Naherholungsgebiet.An Infrastruktur und Freizeitangeboten muß noch einiges nachgeholt werden.Allmählich aber entsteht ein Wegesystem, das "im Grünen" innerhalb von Berlin beginnend quer durch Idyllen direkt hinter der Stadtkante bis hoch in den Nordosten Brandenburgs führt.Ob von Süd nach Nord entlang der Panke oder von West nach Ost vor den Großsiedlungen von Hohenschönhausen und Marzahn: für alle, die Lust haben, kurz mal bis zum Horizont zu sehen, testeten wir verschiedene Möglichkeiten den Berliner und Teile des angrenzenden Brandenburger Barnims per Rad zu erkunden.

Auf der S-Bahn-Fahrt ins Grüne Richtung Nordosten wollen in Hohenschönhausen die Plattenbauten kein Ende mehr nehmen.Sechs- und elfgeschossig.Mehr als zwei Drittel der Wohnungen dieses Bezirkes ist in solchen Häusern untergebracht.Auch die Endstation Wartenberg hält, was der Weg bisher versprach.Doch was eigentlich liegt hinter der steinernen Stadtkante Berlins? Auf Grau folgt schneller Grün als erwartet.Der Weg in die "Parklandschaft Barnim" führt über die Zingster Straße zunächst nach Malchow.Bald hinter den Straßenbahngleisen taucht man auf aus dem Häusermeer und ein in eine, 1991 einer ehemaligen Schlammablage und Betondeponie abgerungenen, 25 Hektar großen Parkanlage mit Spielflächen.Der See mittendrin grenzt an den Park eines alten Gutshofes.Über den Uferweg kommt man nach Malchow, einem alten Straßendorf, daß heute in seiner ganzen Länge durch die B 2 zerteilt ist.

Hoch über der Naturschutzstation nistet ein Storchenpaar.Das Familienleben der Adebars kann hier mittels einer Fernsehkamera genau beobachtet werden.Auch im ehemaligen Gutshaus sieht man gern Neugierige, die das Zugangsverbotsschild am Tor ignorieren.Auf dem heutigen Gelände der Humboldt-Universität blüht zwischen Gleisen und Beton der Mauerpfeffer.Ein sogenanntes AN-Institut experimentiert in Sachen Stadtbegrünung.Die Gutsarbeiterhäuser gegenüber dem "Schloß" stammen aus jener Zeit als Malchow zusamen mit etlichen Nachbardörfern Stadtgut Berlins wurde.1873 beschloß der Berliner Magistrat nach Plänen von James Hobrecht den neuesten Stand der Hygienevorsorgung nach England zu importieren und alle Abwässer der Stadt auf die Felder am Stadtrand zu pumpen.Die Wartenbergstraße führt zu den nordöstlichen Rieselfeldern, die nach dem Bau der Klärwerke in den 60er Jahren zu Ackerland wurden.Nur ab und zu noch sind die alten Dämme, die einst rasterförmig die Rieselfelder umschlossen, erkennbar.Hier wird die Gegend endlich zur Landschaft.Nördlich vom Hechtgraben (hinter der Bahnüberführung nach links in die Straße 5) erstrecken sich Felder und Grünland bis hin zum Horizont.In DDR-Jahren war dies Domäne der Vorzeige-LPG "1.Mai", die es auf dem damals schwermetallbelasteten Land bis zu vier Gemüseernten im Jahr brachte.Heute soll hier ein 100 Hektar großes Erholungsgebiet, der "Lindenberger Korridor" entstehen.

Erholsam ist die Fahrt durch das teilweise mit neuen Wegen erschlossene Gebiet schon jetzt.Zwischen Stadtkante und Horizont liegt eine Idylle, deren Wert durch den allgegenwärtigen Ausblick auf die Großstadtsilhouette immer im Bewußtsein bleibt.Rechts die Stadt, links das Feld quert irgendwann die Lindenberger Straße den Landweg.Die Grüne Trift nahe Wartenberg ist ein alter Verbindungsweg nach Falkenberg.Durch Kleingartenanlage (am Ende des Hauptweges nach links, bis zum Reisigbündelzaun), zwischen Wald und dem Falkenberger Luch schlängelt sich ein Pfad zum einstmals herrschaftlichen Gutspark Falkenberg.Über die heute verwilderte Gegend mit Teich herrschte bis zu ihren Tod im Jahr 1796 die Mutter der Brüder Humboldt.Das zum Park gehörende Schloß wurde im Krieg beschädigt und 1959 gesprengt.

Nur noch eine Gedenktafel auf dem Friedhof an der Dorfstraße weist auf die Gruft der Familie Humboldt hin.Doch die Rekultivierung des Gutsparks ist beschlossen: "Der Wettbewerb um den Gutspark geht in die Endrunde, und es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis das Tierheim Lankwitz mit dem Bau der neuen Anlagen beginnt", sagt Claudia Lenk, Landschaftsplanerin bei der Senatsumweltverwaltung.In entgegengesetzter Richtung führt der Plattenweg in das Naturschutzgebiet "Falkenberger Rieselfelder" mit Feuchtbiotopen, wie sie einst typisch für die Umgebung Berlins waren, und mit Auerochsen, der Urform der heutigen Hausrinderrassen.Zuvor kann, wer sich angemeldet, im Hausvaterweg für eine Weile das Stahlroß gegen ein Pferd eintauschen (Tel.030/9293311).

Den Hungrigen aber drängt es nach so langer gastronomiearmer Wanderstrecke weiter zur Ponnybar nach Ahrensfelde (hinter Auerochsengehege links bis zum Grenzweg, wieder nach links auf die Asphaltstraße, dann nach rechts).Der Lindenhof in der Ulmenallee, ein Bahnhofsrestaurant aus den 20er Jahren, ist mit seinen fünf Gerichten aus Pferdefleisch eine der wenigen Attraktionen des brandenburgischen Dorfes, dessen ursprüngliche Grenzen längst das Marzahner Neubaugebiet gefressen hat.Die Dorfstraße, an der sich noch so manch alter Bauernhof ahnen läßt, ist mit 24 000 Autos pro Tag als Zufahrtsstraße zur Autobahn heruntergekommen.Ahrensfelde ist für viele allenfalls S-Bahn-Station.Der Lindenhof in Ahrensfelde, Ulmenallee 3, ist dienstags bis sonnabends von 11 bis 22 Uhr und sonntags bis 18 Uhr geöffnet.

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