Der Tagesspiegel : Aufbruch

Messe mit Fallhöhe: die 10. Berliner Liste.

Angela Hohmann
Brandgefährlich. Im Angebot der Galerie Hiltawsky: Lee Millers Foto „Fire Masks“ aus dem Jahr 1941. Foto: Lee Miller Archives, 2012
Brandgefährlich. Im Angebot der Galerie Hiltawsky: Lee Millers Foto „Fire Masks“ aus dem Jahr 1941. Foto: Lee Miller Archives,...

Für die junge Künstlerin Vidhi Sharma ist die Berliner Liste ein Glücksfall. In Indien darf sie ihre freizügigen Akte nicht ausstellen, fern der Heimat präsentiert sie sich auf Berlins ältester Kunstmesse nun einer internationalen Szene. „Auch die religiösen Anspielungen in meinen Bildern können mir gefährlich werden“, meint sie und ist mit ihren Mixed-Media-Arbeiten von Neu Delhi nach Berlin gekommen, um ihr Publikum zu finden.

Vidhi Sharma gehört zu den 130 Ausstellern aus 30 Ländern, die der neue künstlerische Leiter Peter Funken aus über 300 Bewerbern ausgewählt hat. Mit solchen Positionen wird die Liste, die aktuell ihren zehnten Geburtstag feiert, ihrem Anspruch gerecht: als Entdeckermesse für junge, aufstrebende Gegenwartskunst zu erschwinglichen Preisen zwischen 100 und 15 000 Euro. Entdecken kann man in diesem Jahr einiges, vertreten sind Fotografie, Skulptur, Lithografie, Zeichnung, Installationen und Malerei, auf der wie gewohnt ein Schwerpunkt liegt.

Potenzial hat der neue Fokus auf künstlerischer Fotografie. Sie reicht von Lee Millers klassischen Schwarz-Weiß- Aufnahmen bei der Galerie Hiltawsky (1500 Euro) über hyperrealistische Porträts von Carsten Sander bis hin zu radikalen Tanzszenen von Franziska Strauss bei Egbert Baqué Contemporary Art oder experimentellen Kunstfotografien von Algis Griškevicius (STP). Spannend sind auch die minimalistisch zeichnerischen Schwarz-Weiß-Studien der in Berlin lebenden Japanerin Rie Kuroda und die performativen Experimente des jungen Fotografen Thiemo Kloss.

Einer der bekanntesten Künstler der Messe ist wohl Regisseur David Lynch, der bei der Galerie Obrist düstere, teils surreale Lithografien zeigt (3400 Euro). Ins Auge fallen bei der First Floor Gallery Harare aus Zimbabwe die formschönen, originellen Skulpturen, die Moffat Takadiwa aus Gebrauchsgegenständen und objets trouvés montiert. Oder die Konzeptarbeiten der Israelin Tal Frank, die das zulässige Gewicht ihres Fluggepäcks von 25 Kilogramm nie überschreiten dürfen und Alltagsgegenstände surreal verfremden.

Zu den neuen Ausstellern gesellen sich vertraute Gesichter wie die Berliner Künstlerin Svenja Schüffler, die in ihren Affe-Mensch-Studien Themen wie Liebe oder Verlust verarbeitet. In der Malerei sind die strengen Schneestudien von Leszek Skuski bei der Red Corridor Gallery aus Fulda, die altmeisterlichen Grotesken von Nakako Nakagawa in der Smart Shop Gallery (Japan) und die postsozialistischen Endzeitstudien von Viktor Safonkin (Vimm) erwähnenswert. Neben solchen Entdeckungen gibt es leider wieder viele Positionen, die das Niveau der Messe senken, und auch die von Funken kuratierte Schau „Gelistet“ mit zehn in Berlin lebenden Künstlern ist kein Gewinn. Für den Veranstalter, Eventmanager Jörgen Golz, funktioniert das Format offenbar, denn im Frühjahr will er zur Art Cologne ins Rheinland expandieren: als Kölner Liste. Angela Hohmann

Berliner Liste, Kraftwerk Mitte,

Köpenicker Str. 70; bis 22. 9., Sa 13 –21,

So 13 –19 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben