Auktionen bei Grisebach : Wege aus der Stadt

Die Abendauktion bei Grisebach fiel durchwachsen aus.

Angela Hohmann
Ernst Ludwig Kirchner: „Akte im Wald“ von 1912.
Ernst Ludwig Kirchner: „Akte im Wald“ von 1912.Foto: Grisebach

„Ocker, Blau und Grün, das sind die Farben von Fehmarn“, schrieb Ernst Ludwig Kirchner am letzten Tag des Jahres 1912 nach dem ersten Sommer auf der Ostseeinsel. „Hier lernte ich die letzte Einheit von Mensch und Natur gestalten.“ Im Juli war er mit seiner neuen Lebensgefährtin Erna Schilling zum ersten Mal dorthin gefahren und gleich begeistert von der Landschaft und der Leichtigkeit des Lebens am Meer. Weit weg von der Großstadt Berlin konnte man hier nackt durch den Wald zum Strand laufen, sich sonnen und baden. Ein Paradies auf Erden, für Kirchner noch befeuert durch die neue Liebe.

Die befreite Atmosphäre fängt das im selben Jahr entstandene Ölgemälde „Akte im Wald“ ein. Drei Frauen, im Zentrum Erna Schilling, laufen oder tanzen durch ein Wäldchen, im Hintergrund lockt das blaue Meer. Mit einem Schätzwert von 1,2 bis 1,5 Millionen Euro führte das Bild die diesjährige Abendauktion ausgewählter Werke mit 50 Losen an. Für 1,2 Millionen Euro erhielt eine spanische Privatsammlung den Zuschlag.

Die wichtige Auktion fürs Exilmuseum fand schon im Oktober statt

So voll wie sonst bei den Abendauktionen war es diesmal bei Grisebach nicht. Das Ereignis der Saison, die erfolgreiche Versteigerung der Sammlung von Grisebach-Gründer Bernd Schultz für spektakuläre 6,5 Millionen Euro, fand bereits im Oktober statt. Der Erlös ist der Grundstein für das neue Exilmuseum, das am Anhalter Bahnhof entstehen soll.

Das Ereignis überstrahlt die gesamte Herbstauktion und hat sie auch ein wenig zerstückelt. Während sonst die Versteigerungen einer Saison rund um ein Wochenende stattfinden, wurden Grisebachs Auktionen mit Kunst des 19. Jahrhunderts, klassischer und zeitgenössischer Fotografie sowie die Versteigerung der Sammlung Schultz diesmal bereits im Oktober ausgerichtet. Von den 21,4 Millionen Euro, welche die Herbstauktionen insgesamt einbringen sollen, hat man da schon 8,25 Millionen Euro erzielt. Nun folgten die Versteigerungen mit ausgewählten Werken, Kunst der Moderne und Zeitgenossen sowie Arbeiten unter 3000 Euro.

Bei Erich Heckel verließ die Interessenten der Mut

Ob es nun an dieser zerfaserten Terminlage oder an anderen Umständen lag: Die Abendauktion der ausgewählten Werke verlief ein wenig schleppend. Dabei war der deutsche Expressionismus der Künstlergruppe Brücke selten so prominent vertreten. Doch vieles blieb unveräußert und ging in den Nachverkauf. Das Blumenbild „Blaue Iris“ von Erich Heckel aus dem Jahr 1908, taxiert auf bis zu 1,5 Millionen Euro, erzielte 980 000 Euro. Dann ging den Interessenten die Luft aus. Ähnliches geschah mit dem Gemälde „Drei Badende und rotbraune Bäume“ von Otto Mueller (um 1914). In der für ihn typischen Technik mit Leimfarbe auf Rupfen brachte er drei schlanke Mädchenakte zwischen Schilf und Bäumen in Einklang mit der Natur. Unverkauft blieben auch Max Pechsteins „Morgenrot“ und Max Beckmanns „Liegende“ von 1932.

Weit über Schätzwert: Lesser Urys nächtliches Berlin

Anders erging es Otto Dixens bewegtem Aquarell „Tanzsaal in St. Pauli“. Auf ihm tummeln sich die Typen: Matrose, Hure, Galan und feine Dame. Für 250 000 Euro fand das Werk einen neuen Besitzer. Für diesen Preis wurde auch Lovis Corinths „Flieder im Kelchglas“ (1923) versteigert. Über dem Schätzwert verkaufte sich das wunderbare Gemälde des nächtlichen Berlins in den 1920er Jahren von Lesser Ury: Für 360 000 Euro ging es an eine süddeutsche Privatsammlung. Ein Blatt von Käthe Kollwitz aus dem Jahr 1910 wurde weit über der Taxe (40 000– 60 000 Euro) für 115 000 Euro versteigert. Der großformatige „Jüngling mit Kopftuch“ von Karl Hofer (um 1924) wechselte für 310 000 Euro den Besitzer.

Insgesamt sollte die Abendauktion 8,5 Millionen Euro einbringen, Sieben Millionen Euro (inklusive Aufgeld) wurden es am Ende. Für Micaela Kapitzky, Geschäftsführerin von Grisebach, ein gutes Ergebnis: „Die Bieter wissen im Vorfeld genau, wofür sie sich engagieren. Bei außergewöhnlicher Qualität sind sie auch zu außergewöhnlichen Geboten bereit, wie etwa bei den Werken von Lesser Ury, Lovis Corinth und dem Blatt von Käthe Kollwitz.“
Grisebach, Fasanenstr. 25/27; Third Floor: 1.12., 11 Uhr

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