10.316 Tage mit und ohne Berliner Mauer : Für Neugier ist es nie zu spät

Am Montag ist die Mauer genauso lange gefallen, wie sie einst stand. Wie hat sich Berlin verändert? Und was machen wir mit dem Geschenk der Freiheit?

Massenansturm am neuen Grenzübergang an der Eberswalder Straße /Bernauerstraße nach Maueröffnung
Massenansturm am neuen Grenzübergang an der Eberswalder Straße /Bernauerstraße nach MaueröffnungFoto: Günter Peters/PRESSEFOTOPETERS

Die Zeit rast, unsere Zeit. Die Zeit rastete, stand fast still, damals vor kurzer langer Zeit – so betoniert stille, dass es weh tat. Auch dies war unsere Zeit, unsere Stadt, in der Straßen geteilt, Familien zerrissen, Sehnsüchte eingeschlossen waren: 10.316 Tage lang stand die Mauer in Berlin. Inmitten einer Stadt, die für immer zwei sein sollte; inmitten zweier halber Deutschlands, deren Menschen das für immer nicht konnten: voneinander getrennt sein. Was für ein Glück aus tiefstem Herzen, als die Mauer am Mut der Menschen zerbrach an einem Donnerstag im November 1989. Morgen nun, an einem Montag im Februar 2018, ist das ebenfalls schon 10.316 Tage her. Ab jetzt hat die Freiheit auch nach Zeit gewonnen. Was für ein Glück.

Es liegt in unserer Hand, daraus etwas Gemeinsames zu machen in den nächsten 10.316 Tagen. Denn das neue ganze Deutschland befindet sich im nächsten Umbruch: Was gibt Halt in einer sich rasend globalisierenden Welt, in der Landstriche vergreisen, Milieus auseinander fallen, Lebenswelten robotisiert werden, in der unsere Zeit verrennt? Die Antwort ist einfach, aber fällt im individualisierten Alltag schwer: Halt kann man sich nur gegenseitig geben.

Für Freiheit kämpft man im Kleinen

Neue Mauern im Denken machen verschwindende Gewissheiten nicht wieder gewiss, neue Abschottungen machen die alte Heimat keineswegs schöner; nur das Herz enger. Eine Lehre aus der friedlichen Revolution der Ostdeutschen ist: Für Freiheit kämpft man zuerst im Kleinen – indem man seinem Nächsten und selbst den Nächstbesten seine und ihre Freiheiten lässt.

Sich Zeit füreinander zu nehmen, Neugier aufeinander zu haben, egal wie unterschiedlich man ist, diesen Luxus sollte sich das glücklich vereinigte, aber noch nicht innerlich vereinte Deutschland leisten wollen. Umbrüche, egal wie schnell sie sich vollziehen, brauchen immer Zeit zum Zuhören und Aufeinandereinlassen. Ansonsten fühlen sich die Menschen, die aus einer Zeitenwende einen Aufbruch machen sollen, allein gelassen.

Zu spät für Neugier ist es nie

Mauern haben ein langes Echo, selbst wenn sie wie in Berlin schon mehr als 28 Jahre verschwunden sind. Die Vergangenheit bleibt im Inneren eingraviert; hinter glatt sanierten Fassaden spüren viele Menschen noch alte Unterschiede und neue Unsicherheiten. Mit dem bloßen Auge zu sehen ist die einstige Grenze kaum noch, aber spürbar ist sie nicht zuletzt an differenten Wahlergebnissen. Zeit heilt Wunden, nur nicht die fehlender Wertschätzung. Zu spät für Neugier ist es nie.

Die DDR entfernt sich in Kalendern und Erinnerungen mit jedem neuen Tag. Eine Fußnote der Geschichte wird sie dennoch nie. Sie bleibt ein Teil von Berlin, auch wegen der internationalen Faszination für eine einst eingemauerte Stadt, die im Umbruch neue Freiräume gefunden und sich so als Weltmetropole neu erfunden hat. Die Teilung ist zudem Teil von Millionen gelebten Leben, von denen wir lernen können, gerade 10.316 Tage danach. Mit dieser Tagesspiegel-Sonderausgabe wollen wir Lust darauf machen, innere Grenzen aufzulockern und mit neuen Augen auf unsere Stadt zu schauen. Halt kann man sich nur gegenseitig geben. Diese Freiheit haben wir, nehmen wir uns die Zeit dafür.

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