10.316 Tage mit und ohne Mauer : „Berlin hat die Schönheit der Brüche“

Die ehemalige Stasi-Akten-Beauftragte Birthler und die berühmten „Graft“-Architekten stellen bei der Biennale in Venedig die Mauer aus – und die Neugestaltung der Todeszone danach.

Marianne Birthler und das Team der Graft - Architekten Wolfram Putz, Lars Krückeberg und Thomas Willemeit stellen "Unbuilding Walls" auf der Architekturbiennale  2018 vor.
Marianne Birthler und das Team der Graft - Architekten Wolfram Putz, Lars Krückeberg und Thomas Willemeit stellen "Unbuilding...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wo waren Sie, als die Mauer 10.316 Tage nicht mehr stand: Ist das wirklich ein Datum, an das man sich erinnern sollte?

BIRTHLER: Daten wie dieser 28-jährige Spiegelmoment rücken vieles in ein neues Licht. Ich glaube, die Berlinerinnen und Berliner setzen sich immer noch gern mit der Geschichte der Mauer auseinander.

Sie meinen: Sie streiten sich gern darüber?

BIRTHLER: Das Thema Ost-West zieht wieder an. Eine Weile konnte man das ja kaum noch hören, obwohl es wichtig war – nun merken wir, wie sehr und wie lange Prägungen wirken, etwa an unterschiedlichen Wahlergebnissen in Ost und West. Auch die Debatte um den Stasi-Staatssekretär Andrej Holm hat ja in ihrer Heftigkeit viele überrascht. Da ist also offensichtlich noch viel Diskussionsbedarf.

Holt Berlin Verborgenes öffentlich nach?

PUTZ: Jeder, dem wir erzählt haben, dass wir zu diesem Datum den Deutschen Pavillon bei der nächsten Architekturbiennale bespielen, war erstaunt über die zeitliche Dimension: So lange ist das schon her? Dies ist ein Indiz dafür, wie nah uns die Geschichte der deutschen Mauer noch ist.

BIRTHLER: Es ist interessant, dass die Zeit, in der die Mauer stand retrospektiv als viel länger wahrgenommen wird, als die Zeit ohne Mauer. Vielleicht hängt diese Täuschung damit zusammen, dass die Zeit der Teilung als bleierne Zeit, als Stillstand wahrgenommen wurde, während nach 1990 kein Stein auf dem anderen geblieben ist – von der Mauer selbst sowieso nicht, aber auch auch im täglichen Leben, insbesondere der Ostdeutschen.

WILLEMEIT: Und mit jedem neuen Tag gibt es mehr Bürger in der Stadt, die die Zeit vor der Mauer nicht erlebt haben.

Marianne Birthler,

DDR-Bürgerrechtlerin und Ex-Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, gestaltet zum Stichwort „Zeitengleiche“ mit den Architekten – die sich beim Studium in Braunschweig kennenlernten – den deutschen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig. Graft, vielfach ausgezeichnet, hat Büros in Berlin, Los Angeles und Peking.

Wen interessiert dieses Thema mehr: Ost-Berliner, West-Berliner, Neu-Berliner – oder ist das nur noch Touristen-Folklore?

KRÜCKEBERG: Teilweise wirkt es wie Folklore, aber nicht nur für Touristen. Gerade wurde im Mauerpark ein alter Fluchttunnel ausgegraben. Das wird zelebriert, als hätte man ein neues Grab im Tal der Könige gefunden. Die Mauer ist unsere Archäologie - ein Phänomen, das weltweit in Presse und Politik so gespiegelt wird.

Merken Sie das als Berliner Architekten?

WILLEMEIT: Wir spüren, dass die Stadt um ihre Identität ringt. Von außen wird dieser Prozess anders wahrgenommen: Im Vordergrund stehen da die Freiheiten, die sich in Berlin eröffnet haben. Die Räume, die sich die Kreativszene erobert hat, prägen das Bild der Stadt. Viele Menschen kommen hierher und fragen nach der Mauer, weil sie ein Symbol für wiedergewonnene Freiheit ist. Wissen Sie, was das meistfotografierte Bauwerk Berlins ist? Nicht der Fernsehturm, nicht das Brandenburger Tor. Nein, die East Side Gallery.

Dabei ist sie nur der Fake einer Mauer.

WILLEMEIT: Sogar ein doppelter Fake, weil es nur eine Hinterlandmauer war und erst nach der Wende bemalt wurde.

Meter für Meter - die komplette East Side Gallery
Bevor sie vielleicht doch zerstückelt wird, sind wir die 1316 Meter der East Side Gallery abgelaufen und haben jedes einzelne Stück Mauerkunst im Bild festgehalten. Wir beginnen an der Oberbaumbrücke mit Oskar (Hans Bierbrauer) und "Ohne Titel".Weitere Bilder anzeigen
1 von 309Foto: Kitty Kleist-Heinrich
30.01.2018 11:51Bevor sie vielleicht doch zerstückelt wird, sind wir die 1316 Meter der East Side Gallery abgelaufen und haben jedes einzelne...

Ist also der Blick von außen auf die Mauer nur ein großer Fake?

BIRTHLER: Naja, viele Menschen kommen nach Berlin, weil sie neugierig darauf sind: Wie kann ein Land eine Diktatur verarbeiten, wie wächst man zusammen? Viele Leute, die aus einst diktatorischen Systemen kommen, fragen mich: Wie heilt ein Land? Und dafür sind immer die gleichen Fragen wichtig: Was tun wir für die Opfer, wie gehen wir mit den Tätern um, wie kommt man an die Wahrheit ran?

PUTZ: Es gibt noch ein Phänomen, das uns die alte Mauer neu spüren lässt: Die Krim- Krise hat diplomatische Verhärtungen von heute wieder spürbar gemacht, Europa zieht wegen der Flüchtlinge die Grenzen wieder hoch, Donald Trump gewinnt den US-Wahlkampf mit einer Mauer und der Idee von Abschottung. Wir sind aufgewachsen mit der Entmaterialisierung einer Grenze. Nun dreht sich diese Entwicklung international in ihr Gegenteil um.

Heißt deshalb Ihr Kunstprojekt bei der Architektur-Biennale „Unbuilding walls“?

KRÜCKEBERG: Es geht nicht darum, die Mauer bloß zu zeigen – sondern zu erkennen, was wir darauf projizieren. Schauen wir uns an, wie der Mauerstreifen heute aussieht: Manches ist zugebaut, weil man die Wunde der Teilung schnell überdecken wollte. Manche Ecken zeigen, wie man eine Überwindung der Grenze gerade im Leerraum feiert, etwa der Mauerpark. Hier in dieser halbanarchischen Zugänglichkeit findet sich eine neue Berliner Mitte. Das zeigt den Vereinigungswillen stärker als die eilig zugebauten Flächen.

WILLEMEIT: Das ist eine neue Sicht auf die Teilung: Nach ihrem Fall konnte die Mauer gar nicht schnell genug entfernt werden. Heute wird sie eingehegt und ins Museum gestellt.

Wie heilt man denn eine Stadt?

BIRTHLER: Ich benutze den Begriff Heilung gern, weil er den menschlichen Umgang mit dem Thema aufzeigt, auch, dass ein Zusammenwachsen viel Zeit braucht und dass Narben zurückbleiben. Und dass es auf das Engagement von Menschen ankommt und nicht nur auf Politik. Nehmen Sie die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße. Es würde sie heute nicht geben, wenn nicht eine Handvoll Menschen sich vehement dafür eingesetzt hätte.

PUTZ: Die Vielartigkeit des Umgangs mit der alten Todeszone ist ein bleibendes Geschenk für Berlin. Zum Glück hatte niemand einen Masterplan in der Tasche, die Stadt hat ihre Antworten an vielen Orten selbst gesucht. Diese Ambivalenzen sind auch Ausdruck von Demokratie. Jeder heilt anders und zum Glück gibt es für eine lebendige Stadt keinen Chefchirurgen. In Berlin existieren die Ambivalenzen im Umgang mit der Teilung auch städtebaulich nebeneinander: Erinnern und Vergessen, Verbinden und Trennen.

War also Ihre Arbeit umsonst, Frau Birthler? Denn als Stasi-Akten-Beauftragte sollten Sie ja auch innere Mauern einreißen.

BIRTHLER: Ich weiß nicht, wie Sie auf eine solche Frage kommen! Die Öffnung der Archive war vielleicht schmerzhaft, aber sie hat vielen Menschen geholfen, ihr Leben wieder vom Kopf auf die Beine zu stellen. Und die Stasi ist kein reines Ostthema. Wir wissen, dass sie auch im Westen Informationen gesammelt und Einfluss genommen hat. Über die Stase wird zum Glück gar nicht mehr so viel gestritten. Nun gibt es eine andere Debatte: Wie kommen wir miteinander und nebeneinander klar?

PUTZ: Wer Mauern baut, der unterschätzt, wie lange sie auch nach ihrem physischen Verschwinden im Inneren einer Gesellschaft weiterleben. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die wir den Besuchern unserer Ausstellung bewusst machen – gerade in einer Zeit, in der viele darüber nachdenken, Grenzen wieder hochzuziehen.

BIRTHLER: Deshalb kommen in der Ausstellung auch Menschen zu Wort, die aktuell mit echten Mauern leben: in Jerusalem etwa oder in Korea. Aber Schwerpunkt ist die deutsch-deutsche Grenze, vor allem Berlin: Wie sieht es heute dort aus, wo sich einst Mauer und Todesstreifen befanden?

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