10.316 Tage mit und ohne Mauer : Ein Ort, der zusammenführt

Die Stadt, die Mauer und Teilung überwunden hat, soll in weiteren 10.316 Tagen eine kosmopolitische Innovations- und Wissensmetropole sein. Ein Gastbeitrag des Regierenden Bürgermeisters.

Michael Müller
Blick über die Dächer von Berlin-Mitte
Blick über die Dächer von Berlin-MitteFoto: dpa/Jens Kalaene

Zeitengleiche – 10.316 Tage mit und ohne Mauer. Diese Tage sind in den persönlichen Biografien der Menschen tief verankert und bilden zugleich unser kollektives Gedächtnis. Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an diese Zeit wachzuhalten: an die Teilung und ihre vielen Opfer wie auch an das große Glück von Mauerfall und Wiedervereinigung.

Mit dem Fall der Mauer erlebten die Menschen einen Moment des Glücks und der Freiheit – eine Stimmung des Aufbruchs, voller Begeisterung und Freude! Berlin machte sich sofort daran, Lücken zu schließen und Wege zu öffnen. Vieles war in dieser Zeit möglich. Abenteuerlustige und Kreative nutzen die Stadt als Experimentierfeld und begründeten damit den Ruf von Berlin als Kreativstadt, der uns bis heute ein wichtiges Profil gibt.

Berlin nach dem Mauerfall – das hieß auch: Weichenstellungen in schwierigen Zeiten. Wir erinnern uns an den Zusammenbruch der Industrie, an hohe Arbeitslosigkeit und Leerstand. Die Zusammenführung der Stadthälften war eine Aufgabe von hohem Ausmaß. Das hieß, schwere Entscheidungen zu treffen: Subventionsabbau und Sparzwang als Antwort auf unaufhaltsam wachsende Schulden – das waren für die Menschen harte Zeiten. Heute können wir sagen: der Kurs der Konsolidierung war richtig. Hier wurden Spielräume erkämpft, von denen wir heute profitieren.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD)
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD)Foto: dpa/Britta Pedersen

Eine neue Gründerzeit

In diesen 10.316 Tage setzte Berlin auf seine Stärken – als Kreativzentrum und als Stadt des Wissens. Nehmen wir den hochumstrittenen Beschluss zur Entwicklung von Adlershof zu einer „Stadt für Wissenschaft und Wirtschaft“ 1991. Heute können wir sagen: eine gute Entscheidung, denn Adlershof ist einer der wichtigsten Zukunftsorte. Oder werfen wir einen Blick auf unsere Hochschullandschaft. Berlin hat sich zu einem der attraktivsten Wissenschaftsorte entwickelt. Wachsende Studierendenzahlen und eine einmalige Dichte an Hochschulen und Forschungsinstitutionen. Wir wollen Berlin zu einem der weltweit zehn wichtigsten Wissenschaftsstandorte machen, denn hier liegt die wichtigste Ressource unserer Zukunft.

Mit dem Einstein Center Digitale Zukunft, dem Fraunhofer Leistungszentrum Digitale Vernetzung und dem Deutschen Internet Institut haben wir in Zeiten der Digitalisierung wichtige Anziehungspunkte für die internationale Forschung geschaffen. Und mit der kürzlichen Unterzeichnung der neuen Hochschulverträge geben wir der Wissenschaft und Forschung weiteren Auftrieb. Und damit betreiben wir zugleich Ansiedlungspolitik für Unternehmen. Berlin ist Hauptstadt der Startups und kann sich inzwischen mit internationalen Metropolen messen. Große Unternehmen bilden hier Innovationszentren, Labs und Hubs, um Wissen auszutauschen und für die digitale Entwicklung zu nutzen.

Wir können von einer neuen Gründerzeit sprechen und dabei profitieren wir auch von einem Umfeld, das von Internationalität, Aufgeschlossenheit und Toleranz geprägt ist. Genau das ist der Spirit, der Berlin vorantreibt. Berlin als kosmopolitische Innovations- und Wissensmetropole – das ist die Kraftquelle der Zukunft.

Die letzten 10.316 Tage waren somit wichtige Schlüsseltage. Berlin hat seine Stärken genutzt und dabei auch schmerzhafte Hürden genommen. Heute können wir von einer neuen Blütezeit sprechen: ein Zuwachs von jährlich 40.000 Menschen, 50.000 neue Arbeitsplätze und überdurchschnittliche Wachstumssteigerungen.

Hotspot für Kreativität und Offenheit

Die nächsten 10.316 Tage verbinde ich mit einem klaren Gestaltungsauftrag. Wir befinden uns mitten in einer Zeit von Wachstum und Wandel. Die Digitalisierung hat eine hohe Dynamik, von der wir enorm profitieren. Und ich weiß: in diese Vorwärtsbewegung mischen sich auch Ängste. Es ist unsere Aufgabe, dass alle vom Wohlstand profitieren. Arbeit und Bildung sind dafür wichtige Schlüssel. Daher werden wir genau hier in Milliardenhöhe investieren. Wir stehen am Anfang eines Jahrzehnts der Investitionen! Nach Jahren des Sparens sollen die Menschen profitieren. Wir werden eine digitale und soziale Hauptstadt sein und dabei müssen wir auch neue Wege denken: mein Vorschlag zum solidarischen Grundeinkommen soll einen Impuls dafür setzen.

Und ich möchte dazu eine lebendige Diskussionskultur und Berlinerinnen und Berliner, die sich einmischen. Es ist unsere gemeinsame Stadt und ich wünsche mir, dass die Stimmen der Menschen, die mitgestalten wollen und sich ein Miteinander wünschen, deutlich lauter sind als die der Spalter.

Berlin ist zusammengewachsen und blickt optimistisch in die Zukunft. Aus der begrenzten Stadt ist eine moderne und weltoffene Metropole geworden. Ein Ort, der die Menschen zusammenführt, ganz gleich welcher Nationalität, Hautfarbe, Sexualität oder Religion. Berlin ist ein Hotspot für Kreativität und Offenheit, für Wissen und Innovationsgeist - das sind die Ressourcen, aus denen unsere Stadt ihre Kraft schöpft. Berlin wird die Stadt des Wandels bleiben, wird neue Kapitel aufschlagen und auch in den nächsten 10.316 Tagen erfolgreich den Weg in die Zukunft beschreiten.

Der Autor ist Regierender Bürgermeister von Berlin.

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