100 Mark West : Was haben Sie mit Ihrem Begrüßungsgeld gemacht?

Zum Tag der Einheit suchen wir Ihre Geschichte: Was haben Sie mit den ersten 100 Mark gemacht?

Constanze Nauhaus Lothar Heinke
Endlich Buntes. Ost-Berliner holen ihr Begrüßungsgeld ab.
Endlich Buntes. Ost-Berliner holen ihr Begrüßungsgeld ab.Foto: IMAGO

Eine Karte für das heiß ersehnte Stones-Konzert, Glitzerbleistifte für die Kinder, Taschengeld für die erste Italienreise, ein Heizlüfter – oder einfach gespart? Was haben Sie nach dem Mauerfall mit Ihrem Begrüßungsgeld gemacht? Erzählen Sie es uns!

Das Kulturprojekt „100DM“ sucht gemeinsam mit dem Tagesspiegel die interessantesten, lustigsten, kritischsten, kuriosesten Anekdoten rund um die erste Westmark, mit der die Bundesrepublik jeden einreisenden DDR-Bürger, vom Säugling bis zum Rentner, im neuen Wirtschaftssystem „begrüßte“.

Vielleicht erinnern Sie sich noch genau an die S-Bahn-Fahrt hinüber in den Westen zur Bankfiliale, vielleicht an den mürrischen Schalterbeamten – vielleicht haben Sie Ihr Begrüßungsgeld auch aus politischer Überzeugung bewusst nicht abgeholt? Genau diese Geschichten werden wir im Rahmen der offiziellen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober am Brandenburger Tor in einer Open-Air-Ausstellung erzählen und in einem Buch dokumentieren. Wir freuen uns auf Ihre Geschichte – Sie können diese unter dem Hashtag #100dm twittern oder per Mail an den Projektkoordinator Florian Römmele schicken: florian@100dm.de . Und natürlich können Sie's auch einfach hier mal erzählen.

Den Anfang macht heute Tagesspiegel-Autor Lothar Heinke.

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Manche DDR-Menschen müssen lange grübeln, wie sie damals, nach dem Wunder des Mauerfalls, plötzlich zu hundert Westmark gekommen sind. Im Anstehen nach Raritäten war man ja geübt, aber nun, ganz offiziell, den blauen West-„Hunni“ mit dem Kosmografen Sebastian Münster (1488-1552) und seiner gewaltigen Hutkrempe im Portmonee zu haben, das war eine ganz legale Sensation.

Mit Münster statt dem blauen Marx begann eine neue Zeitrechnung, das eine Geld war hart, das andere („Alu-Chips“) weich. Was tun mit hundert Westmark? fragte sich jeder, und es gab unglaublich viele Varianten, wie man die Kohle schnell oder langsam wieder los wird. Aus gegebenem Anlass (siehe untenstehenden Kasten) sollen Einzelheiten dieser Startphase zur Währungsreform zu einem bunten Bukett der Beglückung gebunden werden.

Wenn Sie mich fragen: Wir sind damals zum Checkpoint Charlie gefahren. Dort war eine Bank-Filiale. Die neue Kundschaft aus dem Osten (manche sagten auch: Sibirien) stand bis zum alliierten Kontrollhäuschen Schlange, und dann war man plötzlich an der Reihe, legte seinen Ausweis vor – und hatte keinerlei schlechtes Gewissen. Die Brüder und Schwestern hatten so oft erzählt, wie gut es ihnen ging, da konnte Herr Kohl schon mal ein Begrüßungsgeld lockermachen. Es trifft ja keinen Armen. Welch ein Trugschluss.

Manch einem kostete es Überwindung, an den Schalter zu gehen, um das Geld vom Klassenfeind anzunehmen. Ideologie befördert Stolz. Andere wieder brüsteten sich damit, gleich mehrmals die blauen Mäuse eingestrichen und damit dem Kapitalismus einen schweren Schlag versetzt zu haben. Ich habe mir ein Tonband-Aufnahmegerät gekauft und bin zum Italiener gegangen. Spaghetti, natürlich. Und ein Glas Rosé. Endlich kommt der Kellner mit zwei kleinen Scheibchen Weißbrot und Tomaten drauf. „Pardon, aber wir hatten Spaghetti bestellt“ – „Kommt gleich, Signore – dies ist Bruschetta, Antipasti. Vorspeise!“

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- Von Sparbuchfälschern und Drive-in-Filialen: Vor 200 Jahren ist die Berliner Sparkasse gegründet worden. Im Archiv wacht Klaus-Dieter Marten über ihre Geschichte. Ein Besuch.

- Kulturschock am Ku’damm: Am 11. November machten sich Claudia Haisler und ihre Freundin Manuela Mundt von Dessau auf den Weg nach Berlin. Die Menschenmassen schreckten sie eher ab – und auch ein nicht ganz schmackhafter Burger. 

- Von Kleinmachnow sah Lucas Mutter in den Achtzigern, wie hell es über Zehlendorf war. Licht, das musste die Freiheit sein. Als die Mauer fiel, traf sich die getrennte Familie am Ku’damm. Und Luca staunt: „Als Erstes kaufte Mama sich Turnschuhe“.

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