125 Jahre Nord-Ostsee-Kanal : Matrosen in der Dienstbadewanne

Vom Kaiser-Wilhelm- zum Nord- Ostsee-Kanal: Ein Buch würdigt die (Bau-)Geschichte der Wasserstraße

Das Containerschiff «Independent Concept» fährt auf dem Nord-Ostsee-Kanal bei Kiel unter der Levensauer Hochbrücke.
Das Containerschiff «Independent Concept» fährt auf dem Nord-Ostsee-Kanal bei Kiel unter der Levensauer Hochbrücke.Foto: dpa

Der 3. Juni 1887 war sonnig, doch pfiff ein kalter Wind über die Kieler Förde. Entgegen dem Rat seines Leibarztes hatte Wilhelm I. darauf bestanden, der Grundsteinlegung des Nord-Ostsee-Kanals an der Holtenauer Schleuse beizuwohnen. Immerhin trug der 90-jährige Monarch unter der Uniform eine Wollweste. Das war zu wenig. Die Hammerschläge auf dem windgeschützten Festplatz brachten ihn noch ins Schwitzen, doch bei der Abnahme der anschließenden Flottenparade zog er sich eine schwere Erkältung zu, lag wochenlang krank darnieder, sollte sich bis zu seinem Tod neun Monate später nie wieder richtig erholen.

Zur Eröffnung eine dreitägige Feier

Ein historisches Datum, dieser Sommertag des Jahres 1887, wurde doch damit der lange gehegte Traum umgesetzt, Nord- und Ostsee mit einem für Hochseeschiffe tauglichen Wasserweg zu verbinden. Der Anlass, aus dem in diesen Juniwochen die rund 100 Kilometer lange Wasserstraße große mediale Aufmerksamkeit genießt, liegt allerdings acht Jahre später: Am 20. Juni 1895 wurde der Kanal durch Wilhelm II. als Höhepunkt einer dreitägigen pompösen Feier eröffnet und nach seinem Großvater Kaiser-Wilhelm-Kanal getauft.

Auch der Hamburger Dokumentarfilmer Dietrich Duppel und der Kieler Historiker Martin Krieger haben die „125 Jahre Nord-Ostsee-Kanal“ gefeiert und ein opulent bebildertes Buch über die „Biografie einer Wasserstraße“ veröffentlicht (Wachholtz Verlag Kiel 2020, 200 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 28 Euro). Die für die Autoren gewissermaßen pränatal beginnt, eröffnen sie doch ihre Kanalgeschichte mit einem Blick auf die Anfänge der Wasserbaukunst im Alten Orient und China, vergessen auch die Wikinger an der Schleswiger Landenge nicht und selbstverständlich nicht den 1784 eröffneten Schleswig-Holsteinischen Kanal zwischen Kiel-Holtenau und Rendsburg, dessen Verlauf der 100 Jahre später gebaute Nord-Ostsee-Kanal teilweise folgt.

Das Postkarten-Foto von der Kanaleröffnung 1895 zeigt die Hochbrücke bei Grünenthal mit dem französischen Kriegsschiff "Surcouf".
Das Postkarten-Foto von der Kanaleröffnung 1895 zeigt die Hochbrücke bei Grünenthal mit dem französischen Kriegsschiff "Surcouf".Foto: dpa

Viel Detailwissen zur Technik-, Politik- und Sozialgeschichte wird in dem Buch ausgebreitet, selbst die nur Beamten vorbehaltene Holtenauer Dienstbadewanne, auf deren Benutzung die Matrosen und Heizer vom Schleppbetrieb Holtenau im Juli 1909 drängten, ist nicht vergessen. Ein anekdotenhaftes Detail, gewiss, aber eines, das die damalige Sozialstruktur ebenso scharf beleuchtet wie die Information, dass „der anarchistischen und sozialdemokratischen Partei angehörende und ihren Bestrebungen Vorschub leistende Arbeiter“ beim Kanalbau nicht beschäftigt werden durften - eine Folge von Bismarcks Sozialistengesetz.

Der Trick des Eisernen Kanzlers

Der Eiserne Kanzler hatte sich massiv für den Bau des Kanals eingesetzt und stellte dabei dem Kaiser gegenüber nach eigenen Worten „weniger die handelspolitischen Vorteile als die ihm mehr eingänglichen militärischen Erwägungen in den Vordergrund“. Der Nutzen für die Kriegsmarine blieb allerdings stets überschaubar, der für die Handelsmarine und später auch den Kreuzfahrttourismus dagegen immens. Die von den Autoren erwähnten rund 70 großen Kreuzfahrer pro Jahr dürften coronabedingt vorerst allerdings auf sich warten lassen.

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