150 Jahre Berliner Alpenverein : Aufwärts immer

Der Berliner Alpenverein feiert Jubiläum. Die Sehnsucht preußischer Flachländer nach den Gipfeln währt seit 150 Jahren.

Die Berliner Hütte. Traumziel märkischer Alpinisten, im Hintergrund der Hornkees.
Die Berliner Hütte. Traumziel märkischer Alpinisten, im Hintergrund der Hornkees.Foto: promo/Alpenverein Berlin

Es ist sicher kein Zufall: Die Sehnsucht nach der Bergwelt mit klarer Luft und unberührter Natur wuchs in Berlin heran zu einer Zeit, als es spürbar enger und stickiger wurde in der aufstrebenden Industriestadt. Doch neben der Neugier, die faszinierenden Bergmassive für die Menschen zu erschließen und zu erforschen, lag der Berliner Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) auch „die Linderung der sozialen und wirtschaftlichen Not in den entlegenen Alpentälern“ am Herzen. So trifft sich das erste Dutzend bergbegeisterter Berliner ab 1865 bis 1869 im Pfarrhaus in Vent.

Heute ist der Deutsche Alpenverein mit 1,3 Millionen Mitgliedern eine der größten Organisationen Deutschlands. Er vereint Wanderer, Kletterer, Bergradler, Skifahrer und Naturschützer. 20.000 Mitglieder zählt allein die Berliner Sektion – und ist damit nach Hertha BSC und dem 1. FC Union der mitgliederstärkste Verein der Stadt. Am Sonnabend feiern die Bergfreunde das 150-jährige Bestehen im DAV Kletterzentrum an der Seydlitzstraße in Moabit: mit Festakt, Showbouldern, Vintage-Klettern und noch viel mehr.

Den Anfang machte einst der „Gletscherpfarrer“: Der Ötztaler Alpenpionier Franz Senn (1831-1884) legt als junger Priester den Grundstein für die großstädtischen Gipfelstürmer. Der studierte Bauernsohn aus dem Ötztal arbeitet freiwillig in einem abgeschiedenen Tiroler Bergdorf und hat ein neuartiges Seelsorgekonzept vor Augen: Er will die Berge seines Tals für die Touristen aus den Städten erschließen, um den bitterarmen Einheimischen zusätzliche Einnahmen zu verschaffen. Eine Idee mit Zukunft, wie die heute oft überfüllten Hütten und Hänge zeigen.

Für den Alpinismus, wie ihn Engländer und Franzosen bereits in den Westalpen leben, ist das 1900 Meter hoch gelegene 50-Seelen-Dorf, in dem Senn einst 1860 die Seelsorge übernimmt, damals aber noch nicht gerüstet: Es fehlen Bergführer, Gästezimmer und Wege. Nur ein schmaler Ziegenpfad führt in den hintersten Winkel des Ötztals nach Vent. Auf eigene Kosten baut der 29-Jährige kurzerhand sein Pfarrhaus zur Herberge um und beginnt, Bergführer auszubilden. Künstler beauftragt er mit Panoramabildern, die den Wanderern als Kartenmaterial dienen sollen.

Ideen eines Alpenpioniers

Senns Idee greift, im ersten Sommer übernachten bei ihm schon 200 Touristen, zehn Jahre später sind es 750. Heute ist das Dorf von acht Alpenvereinshütten umgeben und ein dichtes Wegenetz erschließt die wilde Bergwelt. Der Pfarrer ist auch der Erste, der einen Katalog mit Rechten, Pflichten und Tarifen für die neue Berufsgruppe der Bergführer verfasst. Die Grundsätze seiner „Ötztaler Führerordnung“ gelten immer noch. Die Hütten- und Wegebauordnung wird unter der Federführung des damaligen Vorsitzenden der Sektion Berlin, Julius Scholz, von 1892 bis 1894 erarbeitet.

„Der Weg zum Schwarzensteingrund (...) führt heute, theilweise den Felsen abgerungen in voller Sicherheit über tosende Bäche und schwindelnde Abgründe dahin. Wenn Naturereignisse das Zillertal in Noth versetzen, ward den Bedrängten von Berlin aus reiche Hülfe“, so steht es in einem Informationsbüchlein zur Berliner Hütte. Seit 1879 gibt es das Refugium für Wandersleut bei Wind, Eis und Schnee aus dem preußischen Flachland: Die Berliner Hütte im Zillertal erfreut sich hoher Nachfrage.

Bergidyll und Bierfest

Und weil Serien wie „Die Bergretter“ zudem ein romantisierendes Bild der schroffen Welt oberhalb der Waldwuchsgrenze zeichnen, laufen die Alpenüberquerer schon im Gänsemarsch über die Wanderwege, dicht an dicht, die Schlafmatte wird in mancher Hütte wegen Überfüllung schon mal auf den Fluren ausgerollt. Bauer sucht Frau, Berliner sucht Berg.

Oder die Bergwelt kommt nach Berlin. Schon anno 1885 wird in der Reichshauptstadt der alpenländische Kostümball zum Winterfest der Berliner – das Festkomitee will „keine Maskerade“, sondern legt Wert auf „Echtheit“ der Trachten. Erwünscht seien „Bauern und Bäuerinnen, Schützen, Holzknechte und Flößer, Wirte, Kutscher, Postknechte, Senner und Sennerinnen, Geisbuben, Jäger, Wilderer“, heißt es in den Mitteilungen der Sektion von 1909.

Berliner Aufsteiger. Es müssen nicht immer die Alpen sein. Dieser Kletterer war 1937 im Elbsandsteingebirge unterwegs.
Berliner Aufsteiger. Es müssen nicht immer die Alpen sein. Dieser Kletterer war 1937 im Elbsandsteingebirge unterwegs.Foto: promo/Alpenverein Berlin

Weniger streng ist das Reglement an den Hängen des Rollbergs. Beim traditionellen Bockbierfest in der Unions-Brauerei an der Hasenheide fließt das Bier in Strömen, Madln im Dirndl servieren die Maßkrüge, eine bayerische Blaskapelle beschallt den Saal. Es wird geschunkelt und gejodelt, man singt und trinkt und sinkt dahin. Holladrio! 1902 werden Gartenhalle und Ballhaus ersetzt durch ein neues Festgebäude. In dessen größtem Saal mit 2000 Plätzen wird das Bockbierfest zum Publikumsrenner, die Tanzsäle im Alpenpanorama sind mit Gebirgsterrasse, Kraxlsteig und Rutschbahn ausgestattet.

Männliche Berliner Bürger in den Bergen

Dabei bleibt Klettern und Skifahren lange Zeit Privileg der Berliner Bürgerschaft, ist in den Annalen des DAV nachzulesen. Und der Männer. Erst nach 15-jähriger Debatte beschließt die Sektion Berlin 1928 die Aufnahme von Frauen. Max Planck erhält 1944, als Berlin in Trümmern liegt, für seine 50-jährige Mitgliedschaft die DAV-Ehrenzeichen. Schon 1920, kritisch in der Historienschrift aufgearbeitet, beginnt die „Zeit des völkisch-rassistischen Antisemitismus“; mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten die Gleichschaltung. 1945 verbieten die Siegermächte den Alpenverein. Fünf Jahre später folgt der Neubeginn.

1970 baut die Sektion Berlin im Grunewald die erste künstliche Kletteranlage. Auf dem Brandenburger Haus wird 1979 die bis heute währende Tradition der ehrenamtlichen Arbeitseinsätze begründet.

Wiedervereintes Klettervergnügen

Mit der Wiedervereinigung wird wieder im Elbsandsteingebirge geklettert. Seit 2013 ist das Kletterzentrum des DAV Berlin Treff- und Mittelpunkt der Vereinsaktivitäten, seit diesem Jahr wird weiter ausgebaut. Auch die Angebote von Sport für Menschen mit Behinderung sollen erweitert werden, kündigt Berlins DAV-Sprecher René Michael an.

Das natürliche Habitat des Alpenfans ist bedroht: Auch der Klimawandel ist inzwischen für die Vereinsaktiven ein großes Thema. Schon in wenigen Jahrzehnten sollen alle Gletscher komplett abgeschmolzen sein. Quellen versiegen, Wasser fehlt dann auf den Wiesen und in den Wasserkraftwerken. Auch meterhohe Schneefälle wie im vergangenen Winter können den Trend nicht aufhalten.

Das Freizeitverhalten der Alpenfreunde verändert sich. Dass viele Wintersportorte still und leise auf Wellness und Mountainbike umstellen, sieht auch der Alpenverein kritisch. Denn die profilstarken Reifen der Biker zerstören vielerorts noch die letzte intakte Grasnarbe.

Bergfest beim Alpenverein

Es wird ein sportliches Fest – und natürlich werden dazu die Alphörner ertönen. Die große Feier zum 150. Jubiläum des Alpenvereins in Berlin beginnt am Sonnabend im DAV Kletterzentrum (Seydlitzstraße 1H, Moabit) um 14.30 Uhr mit einem alpinen Festauftakt. Es gibt Klettervorführungen, multimediale Rück- und Ausblicke, alpenländische Musik, Schnupper- und Showklettern, einen Outdoor-Alpin-Trödel. Außerdem werden Workshops zu Seil-Upcycling, zur Ersten Hilfe am Berg und zur Orientierung mit Karte, Kompass und App angeboten. Der Eintritt ist frei. Das ganze Festprogramm unter www.dav-berlin.de. (mit KNA)

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