16-jähriger Berliner beim IS : „Mein Sohn war Kanonenfutter“

Sivar war gut in der Schule, spielte Fußball im Verein, ein lustiger Junge. Dann schloss er sich dem IS an. Ein Gespräch mit seiner Mutter über Ohnmacht und Kurznachrichten aus dem Kriegsgebiet.

Barbara Nolte
In Kobane in Syrien kämpfte der Berliner Sivar Aras für den "Islamischen Staat".
In Kobane in Syrien kämpfte der Berliner Sivar Aras für den "Islamischen Staat".Foto: Reuters/Kai Pfaffenbach

Es ist eine ungewöhnliche Selbsthilfegruppe, die sich alle drei Monate in Berlin-Friedrichshain trifft. Sie besteht aus Eltern, deren Söhne und Töchter sich dem IS angeschlossen haben. Zum Beispiel reist eine Mutter aus Sachsen an, deren Tochter 16-jährig in Bagdad im Gefängnis sitzt. Ein Vater, der regelmäßig kommt, hatte seinen Sohn sogar in Syrien ausfindig gemacht. Er stand vor ihm und konnte ihn dennoch nicht überreden, mit nach Hause zu kommen. Jetzt ist der Sohn vermutlich tot.

Die Gruppentreffen sind streng vertraulich. Unter der Bedingung, anonym zu bleiben, hat sich eine Teilnehmerin aus dem Berliner Süden bereit erklärt, über ihren Sohn zu sprechen. Als Pseudonym schlägt sie Berivan Aras vor, einen kurdischen Namen. Ihre Familie gehört zu den alevitischen Kurden. Aufgewachsen ist sie in Berlin. Ihr jüngster Sohn, der als 16-jähriger Oberschüler nach Syrien ausgereist ist, soll Sivar heißen.

An einem Dienstag im März kommt Aras zusammen mit Claudia Dantschke von der Beratungsstelle „Hayat“ zum Interview. Dantschke ist Aras’ Fallbetreuerin. Doch die sei „eine sehr selbstständige“ Klientin, sagt Dantschke, während sie zwei Handys vor sich platziert: ein privates und das Diensthandy. Auf dem ist sie permanent für Angehörige erreichbar. Berivan Aras legt eine Tüte Pralinen und ein Packen Zettel daneben: darunter ein von ihrem Sohn verfasster Wochenplan über seine religiösen Studien.

Aras hat das Abgleiten des Sohnes in die islamistische Szene sorgfältig rekonstruiert. Dabei hat sie im Internet Kontakte bis nach Syrien geknüpft. Sie ist eine lebhafte Frau Anfang 40. Jeans, braune lange Haare, die von blonden Strähnen durchzogen sind. Das geblümte Tuch, das sie um den Hals gebunden hat, hat ihr ein kurdischer Bekannter geschickt. Es gehörte einer verstorbenen Kämpferin, die damit in der Schlacht von Kobane ihre Wunden verbunden hatte, dort, wo sich auch die Spur ihres Sohnes verliert. Doch sie kämpfte auf der anderen Seite.

Frau Aras, wann haben Sie Ihren Sohn zum letzten Mal gesehen?

ARAS: Ende 2014, am Tag vor Silvester. Er hatte mir erzählt, dass er in den Schulferien mit meinem Ex-Mann die Großeltern in der Türkei besuchen wollte. Ich war misstrauisch: Warum fährt er im Winter nach Anatolien, und dann nur für eine Woche? Das lohnt sich doch gar nicht. Gleichzeitig dachte ich: Nein, Sivar würde so was nicht tun …

Erinnern Sie sich an den Abschied?

ARAS: Den ganzen Tag war er aufgeregt. Ich fühlte mich von ihm ein bisschen im Stich gelassen. Als er sich verabschieden wollte, sagte ich nur, „geh bitte“, er war verdutzt und ist traurig gegangen.

Wann hatten Sie Gewissheit, dass Ihr Sohn nicht bei seinen Großeltern war?

ARAS: Ich habe ihm mehrere SMS geschrieben. Noch einmal antwortete er mir: Der Flug sei unruhig gewesen. Er habe Angst gehabt, abzustürzen. Jetzt müsse er ins Bett, weil er morgen früh beten müsse. Er wünsche, dass wir uns wiedersehen, so Gott will. Daraufhin hat mich die Angst gepackt. Mein älterer Sohn und ich haben seinen Freund angerufen, er solle vorbeikommen. Der Freund bestätigte unsere Befürchtung: Ja, Sivar sei zum Dschihad gegangen. Wir haben dem Freund sofort sein Handy weggenommen. Ich sagte: „Ich durchsuche alles, was da drin ist. Ich werde deinen Eltern alles sagen.“ Wir haben die Polizei angerufen und darum gebeten, dass sie draußen wartet, solange wir mit ihm reden, sonst würde er nicht auspacken. Das haben die auch gemacht.

Was hofften Sie, im Handy des Freundes zu finden?

ARAS: Eine Spur zu meinem Sohn. Ich habe immer alle Informationen gesammelt, ohne zu wissen, wofür das gut sein könnte. Uns Angehörigen bleibt nichts anderes übrig, als uns selbst zu helfen. Von den Behörden kommt wenig.

Wie meinen Sie das?

ARAS: Zum Beispiel hat mein Sohn wenige Wochen vor seiner Ausreise einem Mädchen aus München einen Heiratsantrag gemacht, das er bei einer einschlägigen Partnerbörse kennengelernt hatte. Er sagte ihr, dass er mit ihr in den Irak reisen wolle, um dort zu kämpfen. Sie antwortete: „Geh du doch dahin sterben, ich mache das nicht. Ich bin doch nicht verrückt.“

Das hat Ihr Sohn Ihnen erzählt?

ARAS: Nein, nein, das Mädchen hat meine Tochter angerufen, leider, nachdem Sivar schon weg war. Sie sagte, dass sie zur Polizei gegangen sei und genau das ausgesagt habe. Sie habe den Namen genannt. Die Polizei hat uns nicht benachrichtigt. Stattdessen habe sie den Pass des Mädchens einkassiert, sagt sie. Meinem Sohn hatte die Polizei nicht den Ausweis abgenommen. Sonst hätte er gar nicht in die Türkei fliegen können.

Die Pressestelle der Münchner Polizei weiß nichts von dem Fall. Handelte es sich – wenn stimmt, was das Mädchen sagt – um eine Informationspanne zwischen zwei Länderbehörden wie im Fall Amri?

ARAS: Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich die Erziehungsberechtigte bin, seit meiner Scheidung sogar das alleinige Sorgerecht habe, und weil mein Sohn damals erst 16 Jahre alt war, hätte ich über diese Pläne informiert werden müssen. Wir Eltern aus der Gruppe haben schon den Eindruck, dass die Behörden damals wenig taten, um Ausreisen zu verhindern, dass es ihnen sogar ganz recht war, wenn diejenigen, die extrem dachten, Deutschland verließen.

Frau Dantschke, mittlerweile ist der „Islamische Staat“ in Syrien so gut wie besiegt. Die Ausreisen müssten aufhören, oder haben sich nur die Reiseziele geändert, nach Libyen, Afghanistan, wo der IS noch existiert?

DANTSCHKE: Tatsächlich haben wir zurzeit nur noch ganz wenige Jugendliche, die ausreisen, und die schließen sich Al-Qaida an, die in der Nähe der Stadt Idlib kämpft und nach wie vor rekrutiert. Aber der IS ist nur die Spitze des Eisberges unserer Arbeit. Wir beschäftigen uns mit salafistischer Radikalisierung: Wenn sich jemand aus dieser Gesellschaft abmeldet und in eine komplett andere Ideologie eintaucht, und damit diese Gesellschaft zumindest ideologisch unterhöhlen will. Und da kommen durchaus neue Fälle rein.

In einem Lagebericht des Verfassungsschutzes Berlin von Januar heißt es, dass sich die salafistische Szene in Berlin in den letzten vier Jahren stark vergrößert hat: auf mehr als 850 Personen.

DANTSCHKE: Die Zahlen sind wenig aussagekräftig, weil der Bericht nur die Fälle zählt, die der Verfassungsschutz kennt. Vor sechs Jahren, als zum ersten Mal Zahlen veröffentlicht wurden, wussten die Sicherheitsbehörden noch relativ wenig über Berlins salafistische Kreise, jetzt mehr. Das erklärt einen Teil des Anstiegs.

Frau Aras, wie ist Ihr Sohn in die Szene geraten?

ARAS: Mit 15 Jahren fing er auf einmal an, zur Moschee zu gehen. Ich habe nicht versucht, ihn davon abzuhalten. Er hatte sein Leben damals im Griff, war gut in der Schule, spielte Fußball im Verein. Besser, als wenn er Drogen nimmt, dachte ich. Die Eltern meines Ex-Manns sind praktizierende Moslems. Die Welt war mir also nicht ganz fremd. Irgendwann sagte mein Sohn zu mir, die türkische Moschee sei nicht so sein Ding. Er habe einen Tipp bekommen, eine arabische Moschee ganz in der Nähe von uns: die Ibrahim-al-Khalil-Moschee in Tempelhof.

DANTSCHKE: Wir haben bei Hayat weitere Fälle, die aus dem Kontext dieser Moschee kommen. Das Problem ist, dass sie wie eine Kiezmoschee wirkt. Wenn Eltern wollen, dass ihre Kinder etwas über den Koran erfahren, schicken sie sie ganz arglos da hin, weil sie eben in der Nähe ist.

ARAS: Ich habe einen Flyer von der Ibrahim-al-Khalil-Moschee aufgehoben, der 8- bis 25-Jährige zu Wochenendtreffs einlädt. Da werden Kinder hinterm Rücken der Eltern in die Moschee gelockt. Dort werden sie indoktriniert, bis wir als Eltern schließlich entmündigt werden. Das Gefühl hatte ich bei dem Prediger von der Ibrahim-al-Khalil-Moschee schon: dass sein Wort mehr galt als meines.

Hat Ihr Sohn mit Ihnen über Religion gesprochen?

ARAS: Ja, einmal hat er mir sogar den Koran auf Deutsch in die Hand gedrückt. Ich habe versucht, darin zu lesen, um ihn besser zu verstehen. Auf den ersten Seiten ging es schon damit los, die Ungläubigen, Kuffar, zu kritisieren. „Das kann nicht richtig sein“, sagte ich.

Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrem Sohn?

ARAS: Eng. Er war ein lustiger Junge, ich bin auch lustig, wir haben uns immer viele Witze erzählt, Spiele erfunden. Nur in der Woche vor der Abreise hat er den Streit fast gesucht, ich vermute, damit es für ihn leichter war zu gehen.

Es heißt oft, dass Jugendliche, die am Rand der Gesellschaft stehen, anfällig seien für den radikalen Islam.

ARAS: Das kann man von meinem Sohn nicht behaupten. Kürzlich habe ich alte Zeugnisse von ihm wieder gelesen: Er sei sehr beliebt bei den anderen Schülern, steht da, sehr engagiert. Der war eher zu reif für sein Alter, was vielleicht daran lag, dass er der Jüngste der drei Geschwister war; meine Tochter ist fast zwei und mein Sohn vier Jahre älter als er. Sivar war ein richtig Hübscher, hinter dem die Mädchen her waren. Als er sich dann veränderte, hörte das auf.

Wie veränderte er sich?

ARAS: Ich erinnere mich noch, dass meine Eltern einmal schockiert waren, als sie ihn nach längerer Zeit wiedersahen. Damals hatte er schon einen langen Bart, Pluderhosen, die bis zum Knöchel reichen.

Die typische Kleidung der Salafisten.

ARAS: Mein Vater schimpfte: „Wenn du Moslem bist, musst du nicht so aussehen. Den Glauben kann man auch anders praktizieren.“ Ich habe die Kleiderfrage runtergespielt. Nach dem Motto: Das sind ja nur Äußerlichkeiten: Heute sieht er so aus, bald sieht er wieder anders aus.

Wie reagierten seine Lehrer?

ARAS: Gar nicht, soweit ich weiß. Ein halbes Jahr, bevor er ausgereist ist, hat er den Mittleren Schulabschluss gemacht. Da sah man ihm seine Gesinnung noch wenig an. Anschließend wechselte er in die Oberschule. Irgendwann später, als er schon weg war, habe ich einen Brief von der neuen Schule bekommen, dass er zu oft gefehlt hat. Da stand etwas von Schulabbruch. Wahrscheinlich war er kaum da und hatte die Entschuldigung gefälscht.

Ein folgenschweres Versäumnis der Schule, so spät mit Ihnen in Kontakt zu treten?

ARAS: Ich kann verstehen, dass Lehrer keine Zeit mehr haben, einzeln mit Eltern über ihre Kinder zu reden. Die sind überfordert: die verschiedenen Bildungsniveaus, Flüchtlingskinder, den ganzen Lehrplan durcharbeiten. Schnell, schnell, alles abhaken. Ich habe damals mein Abitur in Charlottenburg auf einer Gesamtschule gemacht. Da gab es Sozialpädagogen, an die man sich wenden konnte. Das war sinnvoll. Sonst suchen Jugendliche, die ausgegrenzt werden, einen anderen Weg, und Institutionen, die Gehirnwäsche betreiben, fangen sie auf. Obwohl: Bei Sivar war das ja gar nicht so.

Wann machten Sie sich ernsthaft Sorgen?

ARAS: Spät. Ich erinnere mich noch, wie die Mutter eines Freundes von Sivar vorbeikam, der auch konvertiert war. Sie deutete an, wohin die Reise gehen könnte. Ihr Mann sei Polizist, er kenne diese Fälle. Diese Familie reagierte rigoroser. Sie setzte den Sohn zeitweise vor die Tür. Ich beruhigte sie: Dein Sohn ist dann bei uns, ich kontrolliere das. Ich dachte immer, dass ich alles im Griff habe, solange Sivar bei mir Zuhause wohnt. Einmal bat ich meinen älteren Sohn, so zu tun, als ob er sich auch für den Islam interessiert, um sich die Ibrahim-al-Khalil-Moschee mal anzugucken. Als Frau habe ich mich nicht hingetraut. Doch der meinte nur: Nicht mein Ding! Wir haben das Ganze nicht ernst genug genommen.

Frau Dantschke, hätte Frau Aras strenger sein müssen?

DANTSCHKE: Nein, sie hat versucht, mit ihrem Sohn zu reden, das ist der richtige Weg, diese enge Bindung, die ja da war, einzusetzen, um ihn zu halten.

ARAS: Ich hatte schon Stellung bezogen. Einmal sagte er: „Wenn einer im Dschihad stirbt, darf er noch andere mitnehmen ins Paradies.“ Meine Reaktion war: „In dieses Paradies, wo diese komischen Männer sind, möchte ich ganz bestimmt nicht.“ Ich habe auch versucht, ihn mit Hilfe seiner eigenen Ideologie in die Verantwortung zu nehmen. Ich habe gesagt: „Ich brauche dich hier, und du weißt ja, dann darfst du nicht gehen.“

DANTSCHKE: Es heißt eigentlich, dass man sich erst darum kümmern muss, dass die Eltern versorgt sind, bevor man in den Dschihad ziehen darf.

Frau Aras, haben Sie eine Ahnung, was ihn an der radikalen Religionsauslegung faszinierte?

ARAS: Ich glaube, Sivar hat sich in der Szene aufgehoben gefühlt. Die brauchten ihn. Da wurde auch mal bei jemandem renoviert. Oder sie haben zusammen gekocht in der Moschee. Einmal hat er Zutaten von zu Hause mitgenommen. Das fand ich jetzt nicht so schlimm. Manchmal argumentierte er politisch: In Syrien passiere so viel Schlimmes, und wir lebten hier in der Konsumgesellschaft. Zu meinem älteren Sohn und mir sagte er mal: „Ihr seid wie Bäume, die keine Früchte tragen.“

DANTSCHKE: Sivar ist in ein Alter gekommen, in dem er nach Identität suchte, und weil er bikulturell aufgewachsen ist, hatte er ein Interesse am Islam, was wohl auch mit seinem Vater zu tun hatte, und das Ganze fiel ausgerechnet in die Zeit des Aufstiegs des IS.

Sein Vater ist mit ihm in die Türkei gereist?

ARAS: Nein. Das stellte sich später heraus. Wir haben keinen direkten Kontakt.

DANTSCHKE: Der Vater spielt eine undurchsichtige Rolle.

ARAS: Die Flugtickets stammen aus einem Reisebüro, in dem ein Freund meines Ex-Manns arbeitete. Man darf als 16-Jähriger ohne Einverständniserklärung der Eltern keine Tickets ins Ausland kaufen und auch nicht alleine ausreisen. Vielleicht hat er auch meine Unterschrift gefälscht. Ich ging extra mal zu Turkish Airlines. Die meinten, wenn ein Jugendlicher mit einem Erwachsenen zum Check-In käme, würden sie nicht näher kontrollieren, ob er auch sorgeberechtigt ist. Die argumentierten ähnlich wie die Behörden, die immer sagten: „Wir sind ja kein Kontrollstaat. Wir können nicht jeden Jugendlichen, der ein bisschen anders aussieht, abhören.“

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