Sie geht davon aus, dass er tot ist

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16-jähriger Berliner beim IS : „Mein Sohn war Kanonenfutter“
Barbara Nolte
Claudia Dantschke betreut seit Jahren Angehörige von Jugendlichen, die sich radikalisierten.
Claudia Dantschke betreut seit Jahren Angehörige von Jugendlichen, die sich radikalisierten.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Sie haben mit Ihrem Sohn nach der Ausreise nie wieder gesprochen?

ARAS: Nein, anfangs wollte ich das nicht. Da war diese Wut: Hallo? Wir sind Kurden, wir sind gegen Gewalt, was hast du da zu suchen? Er hat noch den Geschwistern geschrieben: „Die behandeln uns toll hier, wir haben lecker gegessen.“ Die antworteten: „Wir wollen dich gerne besuchen, vielleicht hinter der türkischen Grenze …“

DANTSCHKE: Anfangs klappte die Taktik manchmal noch, die Jugendlichen in die Türkei zu locken. Später hat der IS das nicht mehr erlaubt, weil ihm zu viele Kämpfer darüber abhandengekommen waren.

ARAS: Sivar antwortete, dass er nicht in die Türkei kommen könne, aber veranlassen, dass die Geschwister aus der Osttürkei abgeholt und ins IS-Gebiet gebracht würden. Das wollten seine Geschwister natürlich nicht. Nach kurzer Zeit war er gar nicht mehr erreichbar.

Wie reagierten die Freunde Ihres Sohnes?

ARAS: Geschockt. Die hatten gemerkt, dass das doch nicht der richtige Weg war und konnten es nicht mehr rückgängig machen. Einer meinte, er werde sich sein ganzes Leben schuldig fühlen. Er hat sich letztes Jahr umgebracht, nach dem Freitagsgebet vor die U-Bahn geworfen. Einen anderen habe ich der Polizei genannt, sie haben ihm den Pass weggenommen. Einer hat die Kurve gekriegt und ist wieder normal geworden.

Konnte seine Clique Ihnen bei der Suche nach Ihrem Sohn weiterhelfen?

ARAS: Sie nannten mir die Straße, in der einer von Sivars Freunden wohnte, der zwei Monate vorher weggegangen war: Denis. Die offizielle Version lautete: Er studiert in Marokko den Koran. Ich suchte die Klingelschilder nach Denis’ Nachnamen ab und fand die Familie. Seine Mutter war empört, als ich sagte, wo ihr Sohn in Wirklichkeit steckte. Sie erklärte, dass seine Oma gestorben sei. Da sei er in ein Loch gefallen und habe Stärke beim Islam gesucht. Ich hatte auch die Telefonnummer des Jungen selbst, und irgendwann habe ich mich überwunden und ihn angerufen.

In Syrien?

ARAS: Ja. Ich habe gesagt: „Ich bin Sivars Mutter. Weil du ihn dorthin gelotst hast, bist du nun verpflichtet, ihn zu suchen.“ Das hat er mir zugesagt. Bereits im März bekam ich die Sprachnachricht von ihm. „Sivar war ein guter Junge, er kommt in den Himmel“, und wenn wir den Glauben praktizierten, würden wir auch dorthin kommen.

Die Todesnachricht.

ARAS: Ja, aber sie war nicht eindeutig. Bald darauf kam die Nachricht: „Für dich ist er tot.“ Und irgendwann schickte Denis eine Sprachnachricht, in der er sagte, er habe einen Traum gehabt, dass Sivar in einer anderen Stadt sei. Er suche ihn weiter.

DANTSCHKE: Die Chats waren auch so zu interpretieren, dass Denis aus der Kommunikation mit der Mutter rauswollte: seine Ruhe haben.

Warum hatte er sich überhaupt darauf eingelassen?

ARAS: Aus schlechtem Gewissen. Auch er hatte sich unter dem Kalifat etwas anderes vorgestellt: Er sah den IS mittlerweile kritisch. Irgendwann hat seine Frau, die aus Deutschland stammt, die Kommunikation gestoppt. Sie schrieb: „Was willst du noch von meinem Mann?“

Wie hielten Sie die Ungewissheit aus?

ARAS: Das war hart. Gleichzeitig musste ich für meine beiden anderen Kinder stark sein, die wiederum mich nicht belasten wollten. Wir haben alle voreinander Masken aufgesetzt. Meine Tochter sagte letztens, sie habe immer mitbekommen, wenn ich nachts weinte, aber so getan, als ob sie schlafen würde. Deswegen ist auch die Elterngruppe so wichtig für mich. Hier muss ich mich nicht zusammenreißen. Man weiß, wie es dem anderen geht. Bei Freunden muss man die Geschichte immer von vorne erzählen. Das laugt aus.

Wie helfen Sie sich in der Gruppe?

ARAS: Ich erinnere mich noch, dass ich gleich beim ersten Treffen einer Familie konkret weiterhelfen konnte, deren 15-jährige Tochter in Syrien geheiratet hatte. Es stellte sich heraus, dass der Ehemann der Tochter ein Bekannter eines Bekannten meines Sohnes war. Ich konnte damals kaum schlafen, und bei einer meiner nächtlichen Internetrecherchen hatte ich ein Bild von ihm gefunden: Darauf posierte er mit einer Kalaschnikow, drei vermummten Ehefrauen und einer Jesidin.

Die anderen aus der Gruppe sind sehr pressescheu.

ARAS: Manche wurden von Journalisten regelrecht belagert oder sie mussten in der Zeitung lesen, wie Ihre Töchter als „Terrormädchen“ oder „Dschihad-Braut“ bezeichnet wurden. Außerdem fürchten sie, dass es Nachteile für ihre Kinder bringen könnte, wenn sie sich öffentlich äußern. Der IS verbot dann früher jeden Kontakt zu den Eltern. Nur weil mein Sohn wohl nicht mehr lebt, kann ich mit Ihnen reden. Vielleicht kann ich dadurch andere abhalten, diesen Weg zu gehen.

Gehen Sie davon aus, dass Sivar tot ist?

DANTSCHKE: Ja, weil er sich nie mehr gemeldet hatte. Unsere Erfahrung ist: Irgendwann melden sich alle wieder zuhause. Und damals, im Frühjahr 2015, waren Todesnachrichten in der Regel noch Todesnachrichten. Heute werden mitunter welche lanciert, die keine sind, um den Verfolgungsdruck zu vermindern.

ARAS: Und irgendwann schrieb mir die Ehefrau von Denis: „Mein Mann ist zu Sivar gegangen.“ Damit wollte sie ausdrücken: Er ist gestorben. Denis war wegen kritischer Äußerungen ins IS-Gefängnis gekommen. Das war zerbombt worden, und dabei kam er um.

Konnten Sie rekonstruieren, wie Ihr Sohn starb?

ARAS: Denis’ Ehefrau Jasmin sagte, dass Sivar in der Schlacht um Kobane eine Beinverletzung erlitten hatte, aber nicht zurückwollte, um sich behandeln zu lassen. Dann wurde die Stellung bombardiert. Ich fragte sie natürlich, woher sie das wisse. Sie meinte: weil keiner aus der Einheit zurückgekommen sei. Mein Sohn war Kanonenfutter.

Sie haben häufiger mit ihr gesprochen?

ARAS: Ja. Sie war der letzte Brückenkopf zu Informationen. Seit dem 12. November ist der Kontakt abgebrochen. Soweit ich weiß, hat sie sich von Rakka nach Idlib durchgeschlagen. Sie hatte zwei kleine Mädchen und große Angst. Auf Facebook habe ich gelesen, dass Sie Ende November wieder einen Kämpfer geheiratet hat. Mann, Mann, Mann!

DANTSCHKE: Jasmin ist die ehemalige Zweitfrau von jemandem, den wir auch betreuen. Der wiederum ist mit der Erstfrau zurück in Deutschland. Viele Fälle hängen zusammen.

ARAS: Ich habe der Mutter von Denis noch immer nicht gesagt, dass ihr Sohn wahrscheinlich tot ist.

DANTSCHKE: Wir haben in der letzten Elterngruppensitzung diskutiert: Was macht man denn mit so einer Nachricht? Ich habe vorgeschlagen, das LKA zu informieren, in der Hoffnung, dass sie dann die Mutter benachrichtigen.

Wann war das letzte Gruppentreffen?

ARAS: Anfang Februar. Es waren zwei Neue da. Von einem ist der Bruder in Syrien gefallen, der hatte dort ein Kind, das er nach Deutschland holen will, damit es bei den Großeltern aufwächst.

DANTSCHKE: Das ist jetzt neu: Kleinkinder, die im IS-Gebiet geboren sind, kommen nach Deutschland. Da raten wir den Großeltern, Familienhilfe in Anspruch zu nehmen. Selbst Babys können schon traumatisiert sein.

Was sind sonst zurzeit die Themen?

DANTSCHKE: Es geht viel um Rückkehr. Manche Töchter oder Söhne sind noch im Restgebiet des IS und kommen von da nicht weg. Ein Grenzübertritt in den Irak ist strafbar, und die Behörden sind nicht gerade zimperlich, es gab bereits erste Todesurteile. Einige haben sich den syrischen Kurden ergeben und werden jetzt in den Camps in Nordsyrien festgehalten. Oder sie warten, bis die Assad-Truppen kommen, was aber absolut nicht zu empfehlen ist. Da sind die Eltern natürlich in heller Aufregung.

Stehen viele Eltern in Kontakt mit ihren Kindern?

DANTSCHKE: Ja. Und in letzter Zeit wollten die Kinder meistens Geld, weil es in der Region noch irgendwelche Schleuser gebe. Da müssen wir die Eltern darüber aufklären, dass sie das nicht dürfen. Geld ins IS-Gebiet zu schicken, ist Terrorfinanzierung.

Die Mutter von Linda W. ist in Ihrer Gruppe, das ist das Mädchen aus Sachsen, das kürzlich in Bagdad zu sechs Jahren Haft verurteilt worden ist.

ARAS: Das Urteil hat sie sehr mitgenommen. Wir haben sie zu beruhigen versucht, denn es gibt Bemühungen, dass die Tochter hoffentlich bald nach Deutschland ausgeliefert wird. Ich denke, hier ist sie besser aufgehoben, wenn es darum geht, Schuld zu verarbeiten, aber auch den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden.

Frau Aras, ist es für Sie belastend, mit Angehörigen zu tun zu haben, deren Kinder noch leben?

ARAS: Ich freue mich für Eltern, wenn sie ihr Kind zurückbekommen, sehr sogar. Ich sage mir: Okay, ich muss damit rechnen, dass mein Sohn nie wiederkehren wird.

So ganz sicher sind Sie sich immer noch nicht.

ARAS: Man hofft immer, dass irgendwann bei WhatsApp eine Nachricht von ihm aufscheint …

Ihr Sohn ist nicht offiziell für tot erklärt worden?

ARAS: Das dauert, wenn es keine Belege gibt.

DANTSCHKE: Nach fünf Jahren kann man einen ersten Antrag stellen.

Wäre das wichtig für Sie, um abzuschließen?

ARAS: Abschließen werde ich das sowieso nie können. Ich habe kein Grab, nichts Symbolisches. Ich war mal auf einer sehr eindrucksvollen Gedenkstätte für die Tsunami-Opfer. Damals blieben ja auch viele vermisst. Aber so was wird es für meinen Sohn nicht geben.

Das Interview führte Barbara Nolte.

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