20 Jahre Nordische Botschaften : Den Norden in Berlin erleben

Fünf Menschen aus fünf Ländern haben sich einst nach Berlin aufgemacht – und möchten gar nicht wieder zurück.

Sören Kittel
Sauli Kemppainen aus Finnland setzt mit seinem Restaurant Akzente in Berlin.
Sauli Kemppainen aus Finnland setzt mit seinem Restaurant Akzente in Berlin.Foto: SAVU/Tommi Anttonen

Ulrik Møller stand neulich wieder an einer Kreuzung in seinem Stadtviertel. Die Ampel war rot, das Wetter war wie immer in Berlin irgendwie egal und doch hatte er auf einmal dieses Gefühl, dass er genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. „Ich habe mich in diesem Moment auf eine demütige Art einfach gefreut, genau hier zu sein“, sagt er. „Hier zu leben fühlt sich auch nach fast 15 Jahren noch immer wie ein sehr inspirierender Urlaub an.“ Møller sieht auch die Dinge, die nicht funktionieren in Berlin. Aber der gebürtige Däne weiß, dass er sich nirgends auf der Welt so wohlfühlen würde wie hier.

Møller ist einer von fünf Menschen aus dem Norden, die hier vorgestellt werden sollen, weil sie etwas beitragen zum Leben in der Stadt, was wohl im weitesten Sinne als „das Nordische“ gelten muss. Finnland, Schweden, Norwegen, Island und Dänemark sind unterschiedliche Nationen mit eigener Geschichte, aber sie teilen sich nicht nur einen Botschaftskomplex, sondern haben auch viele Gemeinsamkeiten.

Wer mit den „Vertretern des Nordens“ in Berlin spricht, wird oft vom rauen Wetter hören, von dunklen Nächten und nebligen Straßen — aber auch von langen Sommern, in denen es völlig normal ist, einen Anruf um Mitternacht zu bekommen mit einer Einladung zum Grillen.

Ulrik Møller hat diese Stimmung gewissermaßen zum Thema seiner Arbeit gemacht — er drückt sie in Ölgemälden und Filmen aus, die er in Galerien in London, Kopenhagen und Berlin zeigte. Demnächst hat er wieder eine Ausstellung im SMAC in der Linienstraße (Mitte).

Die Gemälde zeigen leere Straßen, diesige Brandungen oder eine Fähre, die noch zu weit entfernt ist, um einen Menschen winken zu sehen. Møller wuchs in Vester Åby auf, auf der Insel Fyn. „Als kleiner Junge stand ich am Ufer“, sagt er, „und wusste, dass auf der anderen Seite hinter dem Horizont Deutschland liegt und der Rest der Welt.“ Jetzt, mit 56 Jahren, erlebt er diesen Rest der Welt sozusagen jeden Tag.

Auf der Havel gibt es ein bisschen Norwegengefühl

Einer seiner Freunde ist der norwegische Schriftsteller Cornelius Jakhelln, der zwar schon mit Karl Ove Knausgård ein Buch zusammen verlegt hat, aber trotzdem nicht zur Buchmesse nach Frankfurt fahren wird, obwohl Norwegen in diesem Jahr Gastland ist. Jakhelln lernte Deutsch, weil seine französische Philosophieprofessorin ihm sagte, dass er sonst keine Chance hätte, dieses Fach zu verstehen.

Nach Berlin kam er dann im Jahr 2006, weil das Leben hier günstig war und auf Künstler weltweit eine Anziehung ausübte. „Berlin hatte zu Beginn etwas sehr Leichtes an sich“, sagt der 42-Jährige, „und vor allem hat die Stadt ein wahnsinniges Kulturangebot“. Viele Einwohner könnten das nicht sehen, weil sie schon zu lange hier sind, aber wenn man Berlin einmal verlasse, merke man Berlins Überfluss deutlich.

„Außerdem gibt es hier ein Übermaß an Freiheit, die selbst in anderen europäischen Ländern nicht so genossen werden kann.“ In seiner Heimat Norwegen sei es auch für ihn manchmal schwierig, die vielen ungeschriebenen Gesetze einzuhalten.

Jakhelln gefalle an Berlin, dass sich hier die Menschen selbstverständlicher mit negativen Teilen ihrer Geschichte auseinandersetzen. „Norwegen gilt als das Land, das den Friedensnobelpreis vergibt“, sagt er, „aber wir produzieren auch Waffen und haben Kriege geführt.“ Als Schriftsteller versuche er mit seinen Büchern eben auch in solche Wunden seine Finger zu stecken.

Aber wenn er jetzt nicht gerade dicke Bücher über norwegische Geschichte schreibt, kann man ihn auf seinem schwedischen Boot an der Insel Lindwerder sehen. „Als ich damit im Sommer die Havel entlangfuhr, hatte ich kurze Zeit ein bisschen Norwegengefühl.“

Auch Bergthór Eggertsson findet im Umland von Berlin eine Ähnlichkeit zur Landschaft seiner Heimatinsel Island. Er kam im Jahr 2000 mit seiner deutschen Frau Vicky nach Brandenburg, ist seit 2007 auf dem Lótushof in der Nähe von Beelitz beheimatet und fühlte sich gleich wohl.

„Ich war eben kein Wessi, sondern kam aus einem Land im Norden.“ Das sei für die Einheimischen, die er kennen- lernte, immer ein Bonus gewesen. „Außerdem gefiel mir, dass hier die Wege zwischen den Dörfern noch nicht asphaltiert sind.“ Das sei auch besser für die Pferde.

Inzwischen betreuen seine Frau und er auf dem Lótushof rund 100 Pferde, die alle eine Gemeinsamkeit haben: „Sie sind Islandpferde“, sagt Eggertsson, „sie haben ein freundliches Gemüt und können außer den üblichen drei Gangarten noch zwei weitere – den Tölt und den Rennpass.“

Sie versorgen die Pferde und manchmal erzählt er seiner Tochter abends auf Isländisch von seiner Heimatinsel — auf der Geistererzählungen noch sehr ernst genommen werden. „Es wurden tatsächlich schon Umgehungsstraßen für unsichtbare Elfen gebaut“, sagt Eggertsson.

Bergthór Eggertsson, Mitinhaber des Lótushofes, wurde fünf Mal Weltmeister mit seinem Islandpferd Lótus.
Bergthór Eggertsson, Mitinhaber des Lótushofes, wurde fünf Mal Weltmeister mit seinem Islandpferd Lótus.Foto: Eggertsson

Auch der Finne Sauli Kemppainen gerät ins Schwärmen, wenn er von seiner Heimat erzählt, den Wäldern, den Seen, dem frisch renovierten Landhaus, das er zusammen mit seiner Freu Tuuli gekauft und renoviert hat. „Dort kann mein kleiner vierjähriger Sohn einen Flussbarsch angeln und im Wald Beeren sammeln“, sagt er.

Aber trotzdem ist der 50-Jährige froh, hier in Berlin zu wohnen, gleich in der Nähe seines Restaurants Savu, das auf Finnisch „Rauch“ bedeutet. „Ich habe in Italien, England, Spanien und Russland gelebt“, sagt Kemppainen, „aber so richtig wohl fühle ich mich jetzt hier in Berlin.“

Dabei hatte er am Anfang große Probleme, mit Deutschland warm zu werden. „Als ich mit Anfang 20 nach Düsseldorf kam, bin ich abends in mein Zimmer gekommen und habe geweint, weil ich Heimweh hatte und kaum etwas verstanden habe.“ Das änderte sich erst, als er von der Band „Rammstein“ hörte. „Ich habe die Kassette in meinem Walkman immer wieder gehört und so Deutsch gelernt.“

Doch Inspiration für seine Küche zieht er bis heute viel aus Finnland. „Ein typisch finnisches Gericht hat einen deutschen Namen: „Vorschmack.“ Es wird aus Lamm, Rind und Hering gekocht, in einer Mischung, für die er lange probieren musste, bis er sie gut fand. Inzwischen träumt er nachts auf Deutsch und auch seine Frau ist mit ihm nach Berlin gezogen und hat innerhalb von zwei Jahren besser Deutsch gelernt als er, sagt er. Mit ihr war er auch neulich im Olympiastadion — zu einem Rammsteinkonzert.

Skandinavische Küche vermisst Rasmussen in Berlin

Skandinavische Küche ist auch das Einzige, was der Schwede Sten Rasmussen manchmal in Berlin vermisst. „Wenn ich noch einmal einen zweiten Laden aufmache“, sagt er, „dann verkaufe ich Stekt strömming“. Das ist ein Hering, den man nur in Schweden zu kaufen bekommt. „Wenn ich in Schweden bin, esse ich den jedes Mal.“ Wenn er aber in Berlin ist, dann findet man ihn meist in der Rykestraße 31.

Dort verkauft er in dem Laden „Scandinavian Objects“ seit 13 Jahren Gegenstände, die einem das Gefühl geben, Geschichte in sich zu tragen. Dieser Effekt entsteht schon deshalb, weil über jedem Gegenstand die Designer und Designerinnen auf Schwarz-Weiß-Fotos abgebildet sind — und auf jedem Preisschild der Name des Designers und dessen Herkunftsland abgedruckt sind.

„Manchmal fragen mich Kunden, ob es ein Museumsstück ist“, sagt er. Und in gewisser Weise sind es alles Originale: Ein Käsehobel des Norwegers Tord Björklund (1925), die berühmte Thermoskanne des Dänen Erik Magnusson (1977) oder das noch viel berühmtere Bücherregal des Schweden Nils Strinning (1950). Die Gegenstände haben sich über die Jahre als praktisch und dauerhaft erwiesen, ein Konzept, mit dem ein anderes schwedisches Möbelhaus immerhin die Weltherrschaft übernommen hat.

Doch die Gegenstände in Rasmussens Laden müssen nicht mit Massenware konkurrieren. „Sie kommen aus einem Schweden, wo man froh ist, nicht die gleiche Nachttischlampe wie der Nachbar zu haben, dafür aber seit 40 Jahren die gleiche.“ Berlin hat er sich ausgesucht, weil hier viele Menschen wohnen, die sich für Design interessieren.

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Und als wolle Berlin gleich den Beweis liefern, kommt während Rasmussen von sich erzählt, ein Mann in den Laden und fragt ganz leise: „Sagen Sie, Haben Sie die Enigma von Louis Poulsen?“

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