• 25 Jahre Städtepartnerschaft Berlin – Buenos Aires: „Arm, aber sexy, das passt auch zu Buenos Aires“

25 Jahre Städtepartnerschaft Berlin – Buenos Aires : „Arm, aber sexy, das passt auch zu Buenos Aires“

Lange Nächte, laute Proteste, leere Kassen – fühlt sich fast an wie Berlin.

Auf der Straße oder in den Milongas, der Tango ist in Buenos Aires allgegenwärtig.
Auf der Straße oder in den Milongas, der Tango ist in Buenos Aires allgegenwärtig.Foto: imago/Aurora Photos

Berlin ist mal wieder zu spät dran. Die Toten Hosen hatten längst ihr „25-Jähriges“ mit Buenos Aires. Beim Jubiläumskonzert im Herbst 2017 sprang Campino euphorisiert im „Club Museum“ von der Balustrade, wurde von der wogenden Menge aufgefangen, brach sich aber eine Rippe. Im „Museum“ spielten die Punkrocker auch das kürzeste Konzert der Bandgeschichte. Nach 30 Sekunden brach die Bühne bei „Opel Gang“ zusammen – die Menge hatte zu stark nach vorne gedrückt. Campino liebt die wilde Energie; die Fans singen mit, ohne den Inhalt zu verstehen.

Die Toten Hosen haben auch zu Berlin eine besondere Beziehung. Wo sie in den großen Arenen großes Geld verdienen, zieht es sie trotzdem immer wieder auch nach Kreuzberg, ins SO36, wo sie 1982 eines ihrer ersten Konzerte spielten. 2018 rockten sie den Laden nicht minder energisch als in Buenos Aires; daraus entstand das Live-Album „Auf der Suche nach der Schnapsinsel“.

Im Interview sagte Campino über die Beziehung zu Buenos Aires: „Wir haben hier auch gespielt, als das Land pleite war. Da ist kein ausländischer Künstler hier gewesen, wegen der Geldentwertung. Wir haben da gesagt, wir spielen für 50 Cent. Das haben die Argentinier uns nie vergessen, dass man zusammen durch dick und dünn geht.“

Längere Nächte als in Kreuzberg

Finanziell besser geht es dem Land auch heute nicht. Eine Inflation von rund 40 Prozent macht das Leben teurer – Gas, Wasser, Strom, alles kostet mehr. Der Leiter des Goethe-Instituts, Uwe Mohr, sagt: „Arm, aber sexy, das passt auch zu Buenos Aires.“ Der Kulturbeauftragte der Stadt, Enrique Avogadro, habe schon gefragt, ob er den Slogan aus Berlin übernehmen könne.

Klar, Konzerte und anderes sind da schwer zu planen. So behilft man sich mit „Gratis-Milongas gegen den Neoliberalismus“: Tanzabenden, bei denen bei Wein und Bier dem Tango gehuldigt wird. Verruchte Bars wie „El Catedral“ – ein riesiger Tanzsaal mit kaputten Dielen, Funzellicht und Wandgemälden, ein wenig im Stil von „Clärchens Ballhaus“ – spiegeln den Charme der Stadt am La Plata. Eine Band spielt, oder Carlos Gardel singt aus wunderbar knarzenden Boxen. Eine Berliner Version des Volkstangos sind die Freiluft-Tanzabende in der „Strandbar Mitte“ am Spreeufer im Monbijoupark.

Beide Städte schlafen nicht. Wer in Buenos Aires die richtigen Leute kennt und weiß, wo man klingeln muss, kann längere Nächte als in Kreuzberg erleben. Galerien, Museen, Tangosäle, Ballhäuser: Beide Städte blühen dort, wo die Gentrifizierung noch nicht so stark Fuß gefasst hat. Zum 25-Jahr-Jubiläum gibt es auch das Projekt „Topografien des Künftigen“. In literarischen Stadterkundungen reagieren sechs Schriftsteller aus Berlin und Buenos Aires auf die Veränderungen des urbanen Raums. Durch schnellere Kommunikation und mehr Migration sei die zeitgenössische Großstadt zum „ambivalenten Ort der Kreuzungen und kulturellen Hybridisierung geworden“, betonen die Organisatoren.

Das Interesse an Berliner Konzepten ist groß

Bei den Restaurants mit vielen neuen Ansätzen und Streetfood spielt Buenos Aires auch dank des italienischen Einschlags in der ersten Liga. So wie ein Besuch in der engen Bonbonera bei Maradonas Heimatverein Boca Juniors immer noch zum Spektakulärsten gehört, was ein Fußballfan erleben kann – natürlich waren die „Hosen“ schon hier. Und die 14-Millionen-Stadt versucht sich wie Berlin an dem Kunststück, aus einer rücksichtslosen Autostadt eine Fahrradmetropole zu machen. Neue Radwege und ein kostenloses Leihsystem sind ein Anfang.

Buenos Aires war und ist eine sehr politische Stadt. So wie in Berlin die hohen Mieten mobilisieren, ist es dort derzeit die Gewalt gegen Frauen und sexuelle Belästigung. „Acht von zehn Frauen sagen, sie seien schon einmal belästigt worden“, berichtet Goethe-Instituts-Leiter Mohr. Immer wieder sterben Frauen durch häusliche oder sexuelle Gewalt. Unter dem Motto „Ni una menos“ – „Nicht eine weniger“ – gingen Hunderttausende gegen die Femicidios auf die Straße.

Auch das Interesse an Berliner Konzepten ist groß, etwa für eine bessere Verkehrsplanung. „Und Deutschland gilt immer noch als Musterland der Mülltrennung.“ Sowieso wundert sich Mohr über eine gewisse Verklärung in Buenos Aires, wo man Berlin als Stadt sieht, die Flughäfen bauen kann und in der alle Züge pünktlich fahren. Ein bisschen Realismo Mágico, wenn man so will.

Die Brücke zwischen beiden Städten ist seit jeher die Migration. Bis zu 250 000 Deutsche lebten zu Zeiten des Nationalsozialismus im „Paris des Südens“. Es gab eigene Schulen, Theater, Zeitungen und Vereine. Heute lernen rund 2400 Argentinier jedes Jahr im Goethe-Institut Deutsch. Als die Bundesregierung Pläne für ein Fachkräfte-Einwanderungsgesetz vorstellte, sei das in Buenos Aires groß in den Nachrichten gewesen. „Deutschland und speziell Berlin bleiben Sehnsuchtsorte“, bilanziert Uwe Mohr.

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