30. Berliner Märchentage : 700 Veranstaltungen an 330 Orten

Alles begann mit einer vorlesenden Oma und pfeifendem Wind: Auch die Berliner Märchentage feiern in diesen Tagen ihr 30-Jähriges. Was Besucher erwartet.

Auch verschiedene Botschaften laden ein, um Märchen aus ihrem Land zu teilen.
Auch verschiedene Botschaften laden ein, um Märchen aus ihrem Land zu teilen.Fotos: Märchenland/promo

Als Kind war Silke Fischer öfter krank. Und das muss man hier wohl auch als Glücksfall werten. Denn dann durfte sie zu ihrer Oma, die im Thüringer Wald in einem großen Haus mit Schieferdach lebte. Die Großmutter las der Enkelin immer viele Geschichten vor. Daraus entspann sich nicht nur eine lebenslange Liebe. Daraus wurde auch ein Beruf, dem eine Berufung zugrunde liegt.

Wenn der Wind über das Dach pfiff, machte das Haus in Thüringen Geräusche. Und die kurbelten die Fantasie des märchenaffinen Mädchens noch mehr an. Silke Fischer lebte ja sowieso schon in einer verzauberten Welt. Heute trägt sie als Geschäftsführerin von „Märchenland e. V.“ dazu bei, dass ungezählte Kinder außergewöhnliche Märchenerfahrungen sammeln können.

Das Haus steckt voller Geschichten

„Bitte suchen Sie sich einen Thron aus“, sie deutet auf eine kleine Gruppe samtbezogener, verschiedenfarbiger Stühle mit hohen Lehnen. Silke Fischer empfängt in ihrem Hauptquartier im Kurfürstenhaus. Das heiße so, weil der Kurfürst Johann Sigismund einst Angst bekam vor einer weißen Frau, die im Schloss spukte, die er wie einen Todesengel gesehen hatte. Also brauchte er ein Ausweichquartier und zog zu seinem Kammerdiener Anton Freytag in das Haus in der Poststraße 4. Dem Tod konnte er dadurch freilich nicht entrinnen, vielleicht hatte er gerade dort auf ihn gewartet.

Mehr als 100 Jahre später, als in dem Haus bereits der Gasthof „Zu den drei Lilien“ etabliert war, stieg dort der Schriftsteller Giacomo Casanova ab. Eigentlich wollte er als Pädagoge an der Königlichen Kadettenanstalt Friedrichs II. anfangen. Das ließ er aber bleiben, als der Monarch ihm nur 600 Taler Jahresgehalt anbot. Dieses Haus steckt wirklich voller Geschichten. Wen wundert es, dass ein Frosch mit Krone auf dem Kopf auf dem Regal sitzt und das Sitzkissen eine Szene aus Aschenbrödel zeigt.

„Märchen überwinden Grenzen“

Im Vergleich zum Alter mancher Märchen sind die Jubiläen, die es hier in diesem Jahr zu feiern gibt, nicht so eindrucksvoll. Silke Fischer ist aber immerhin schon seit 20 Jahren dabei. Ihr Vorgänger Horst-Dieter Klock hat den Verein genau vor 30 Jahren gegründet. Die Inspiration dafür war der Fall der Mauer. Denn das, was am 9. November 1989 geschah, wirkte auf ihn wie ein Märchen, das im wirklichen Leben passierte.

Noch vor der Wiedervereinigung begann er damit, Veranstaltungen in Büchereien in Ost und West zu organisieren. Schon die Anfänge dieses Festivals der Fantasie waren ein Volltreffer. Beim diesjährigen Jubiläumsfestival, den 30. Berliner Märchentagen, finden insgesamt 700 Veranstaltungen an 330 Orten statt, nicht nur in Berlin, sondern auch in Brandenburg.

„Märchen überwinden Grenzen“, das war der Titel der ersten Märchentage, der nun im Jubiläumsjahr wieder aufgegriffen wird. Dazu trudelten viele Jubiläumsgrüße ein, zum Beispiel von Klaus Wowereit, der sich in seiner Zeit als Regierender Bürgermeister und Schirmherr, wie er schreibt, manchmal wie ein Prinz auf der Goldenen Erbse gefühlt hat.

Eberhard Diepgen hob hervor, „dass aus dem Däumling von damals nun ein echter Riese“ geworden sei, und Walter Momper zeigte sich stolz darauf, dass dieses Märchenfestival das weltweit größte seiner Art sei. Unter dem Motto „Die frohe Botschaft“ beteiligen sich auch zahlreiche Botschaften daran und laden Schulklassen zu sich ein. Zu hören sind zum Beispiel Märchen aus der Mongolei, aus Australien, Usbekistan und Mexiko.

Auch für Kinder ist bei den Märchentagen Einiges geboten.
Auch für Kinder ist bei den Märchentagen Einiges geboten.Foto: Märchenland/Promo

[Die 30. Märchentage dauern noch bis zum 24. November, das komplette Programm gibt es unter: www.märchenland.de]

Horst-Dieter Klock, der inzwischen verstorbene Initiator, hatte sich zum 20-jährigen Bestehen gewünscht, dass dieses Festival auch die „verdiente institutionelle Förderung erhalten möge“. Dieser Wunsch wurde offensichtlich von einer guten Fee gehört, denn rechtzeitig vor dem Jubiläum wurden die Märchentage im vergangenen Jahr in den Haushalt aufgenommen. Glückwünsche zum Jubiläum gab es auch von der Berliner Lottostiftung als langjähriger Wegbegleiterin.

Ein Höhepunkt der Märchentage wird auch in diesem Jahr die Verleihung der Goldenen Erbse am kommenden Mittwoch sein. Neben dem Schauspieler Samuel Koch und der Jugenddelegierten zur UN-Generalversammlung, Josephine Hebling, werden zwei Frauen mit besonderen Schicksalen geehrt.

Märchen erzählen die Menschheitsgeschichte

Die märchenhafte Geschichte von Ruth Bader Ginsburg, Richterin am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten und Vorkämpferin für Frauenrechte, hat im Frühjahr erst die Kinozuschauer fasziniert. Silke Fischer konnte den früheren US-Botschafter und jetzigen Gouverneur von New Jersey, Phil Murphy, für eine Laudatio gewinnen. Iris Berben wird die deutsch-jüdische Sängerin Esther Bejarano laudatieren, die zu den Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zählt, wo sie Akkordeonspielerin im Orchester war.

Natürlich muss man in dem Amt, das Silke Fischer sich mit Monika Panse teilt, offen sein für alle Märchen. Schließlich, so sagt sie, findet man in den Märchen einen guten Überblick über die Menschheitsgeschichte, dort steht alles, was je auf der Erde passiert ist. Man darf aber auch Lieblinge haben. Zwei Märchen haben es Silke Fischer besonders angetan: das Ende von „Hans im Glück“, wie er frei von jeder materiellen Last nach Hause springt zu seiner Mutter, und der Anfang vom Froschkönig, wo es darum geht, dass in der alten Zeit das Wünschen noch geholfen hat.

Märchen bringen Kinder früh mit der Weisheit der Menschheit zusammen. Und wenn es wirklich helfen würde, sollte man sich wohl wünschen, dass jedem Kind ein Mensch wie Silke Fischers Oma begegnet.

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