Der letzte Tierpark-Architekt

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60 Jahre Tierpark : Das Prestigeprojekt in Ost-Berlin
Zwei Sichuan-Takin-Babys im Tierpark.
Zwei Sichuan-Takin-Babys im Tierpark.Foto: Stefan Schaubitzer/p-a

Knappe fünf Jahre alt war die DDR, als der Ost-Berliner Magistrat die Nase voll hatte. Zu oft reisten die Ost-Berliner in den britischen Sektor, um den Zoo zu besuchen, wo sie Westkontakte pflegten und dem Kapitalismus ihr Geld in den Rachen warfen. Der Magistrat beschloss, einen eigenen Zoo im sowjetischen Sektor zu bauen. Beauftragt wurde Heinrich Dathe. Der damals 43-jährige stellvertretende Direktor des Leipziger Zoos sollte auf dem weitläufigen Gelände des Schlosses Friedrichsfelde gemeinsam mit dem jungen Architekten Heinz Graffunder und der Grünplanerin Editha Bendig einen modernen Zoo entwerfen. Mehr noch: Ein Prestigeobjekt sollte es sein, auf 160 Hektar sollte der größte Zoo der Welt entstehen.

Ende Oktober 1954 begannen die Planungen im Schloss Friedrichsfelde. Mit dabei war Heinz Tellbach. Der heute 84-Jährige ist einer der letzten noch lebenden Tierpark-Architekten der ersten Stunde. Graffunder kannte Tellbach noch aus dem Studium an der Bauakademie in Neukölln und holte ihn in seine Planungsgruppe. Die Bedingungen waren günstig für junge Architekten – viele alte waren im Krieg gefallen oder in den Westen geflohen, für die neuen Zeiten brauchte man neue Bauten. „Wenn die Politik dahinter stand, mussten wir uns um Kosten keine Gedanken machen“, sagt Tellbach. Während Graffunder sich in europäischen Zoos Anregungen holen durfte, sahen sich die anderen Tierhäuser in Leipzig und Halle an. „Für uns Bauleute war das ja komplettes Neuland.“

Die Anfänge waren kurios

Die Anfänge waren dementsprechend kurios. Auf einem Teil des riesigen Areals hatte sich eine wilde Laubenkolonie angesiedelt, und wo später der Wirtschaftshof entstehen sollte, lag ein Übungsplatz der Roten Armee. „Als wir 1954 ankamen, schossen sie da noch“, erinnert sich Tellbach. Gemeinsam mit dem Direktor zogen die Architekten über das holprige Gelände. Tellbach entwarf Häuser für Wisente, Lamas und Hirsche. Einige Fotos seiner Häuser trägt er noch heute in der Brieftasche mit sich: dunkelbraune Blockhütten hinter grünen Büschen. Er hat später noch ganz andere Bauten entworfen, für die richtig großen Tiere der DDR, in Wandlitz. Aber der Tierpark bleibt sein größter Stolz.

Während Tellbach und seine Kollegen noch zeichneten, begannen im Frühling 1955 die Bauarbeiten an Tierhäusern, Gehegen und Wegen. Zahlreiche Berliner halfen in den folgenden Monaten in 100 000 Arbeitsstunden mit, Sand zu schaufeln, Gräben anzulegen oder Wege zu planieren. „Nationales Aufbauwerk“ nannten sich diese formal freiwilligen Arbeitsschichten – und anders als bei anderen Aktionen wurden die Einsätze im Tierpark „bestimmt nicht mürrisch ausgeführt“, wie sich Tellbach erinnert.

Die westdeutschen Medien sahen das anders. Die „Zeit“ schrieb im Mai 1955, wenige Monate vor der Eröffnung: „In Ostberlin wollen die Menschen nicht einsehen, dass sie nur, weil dieser alte Berliner Zoo in den Westsektoren liegt, in ihrem Sektor einen neuen aufbauen sollen.“ Die Ost-Berliner konnten damals wegen der Währungsunterschiede noch zu deutlich günstigeren Preisen den Zoo im Westen besuchen. „Rentner, Schulkinder, FDJ’ler und nur wenige Arbeiter buddeln zurzeit in Friedrichsfelde, um die ersten Gehege bezugsfertig zu machen“, hieß es weiter. „Von Aufbauelan ist nichts zu spüren. Initiative entwickelt nur das einzige tierische Lebewesen, das den ,größten Tierpark der Welt’ bis jetzt bevölkert: der ständig bellende Wachhund des Dr. Dathe.“

Brillenbären von der Stasi

Am 2. Juli 1955, vor genau 60 Jahren, konnte der Tierpark im Beisein von Staatschef Wilhelm Pieck eröffnet werden. Die ersten Tiere waren Geschenke von anderen Zoos oder DDR-Betrieben: Ein Bettenhersteller spendete Störche, die Stadt Strausberg Strauße, die Kinderzeitschrift „Bummi“ sammelte unter ihren Lesern Geld für zwei Giraffen, das Ministerium für Schwerindustrie und die Zeitung „Neues Deutschland“ stellten je einen Elefanten, der VEB Kälte und die Konsumgenossenschaft Köpenick Eisbären. Und die Stasi zwei Brillenbären.

Auch wenn viele Gehege anfangs Provisorien waren – Elefanten und Nashörner zogen in einen alten Pferdestall ein –, entwickelte der Tierpark bald seinen eigenen Charme. So schrieb der sowjetische Schriftsteller Daniil Granin 1969 über seinen ersten Besuch in Friedrichsfelde: „Der Tag ging zu Ende, der Tierpark leerte sich und wirkte noch riesiger. Ich hatte noch nie so viele Vögel und Tiere in Freiheit gesehen. Sie fürchteten die Menschen nicht, der Park erinnerte an ein ausgedehntes grünes Nachtlager Noahs. Wahrscheinlich gibt es in der Welt Zoologische Gärten, die reicher sind als der Berliner. Aber es geht ja nicht um die Zahl der Tiere, nicht um die Ausrüstung; das Schönste und Erstaunlichste war das Empfinden des Schöpfertums.“

Ein Rhinozeros im Tierpark.
Ein Rhinozeros im Tierpark.Foto: Stephanie Pilick/p-a

„Zu DDR-Zeiten war der Tierpark die Freizeiteinrichtung“, sagt Knieriem. Er fährt mittlerweile meist im Golfcart über das riesige Gelände. 25 Kilometer umfasst das Wegenetz – in einem deutschen Durchschnittszoo sind es drei bis fünf Kilometer. Wenn Knieriem unterwegs ist, sieht er vor allem die vielen Mängel: Kein Wassergraben ist noch dicht, überall brechen Gehegebegrenzungen weg, Rohre und Leitungen wurden von Wurzeln gesprengt. „Alles ist marode“, sagt Knieriem. Im Wendejahr 1989 ist er zum ersten Mal hier gewesen, schon damals wirkte der Tierpark heruntergekommen. „Aber ich war so zooverrückt, dass ich nur in die Tierhäuser gegangen bin. Auf kaputte Wege habe ich nicht geachtet.“

Beobachtet man ihn an seinen beiden Wirkungsstätten, hat man den Eindruck, es gäbe zwei Knieriems: den entspannten im Tierpark, der ausschweifend erzählt, und den gehetzten im Zoo, der auf dem Sprung zum nächsten Termin ist. Im Zoo gehe es deutlich hektischer zu, sagt Knieriem, der Tierpark dagegen sei „ein Hort der Ruhe“. Er schätzt dessen Potenzial, die Schönheit der weitläufigen Parklandschaft, die Planer der Gründerjahre hätten das gut gemacht. „Diese amorphe Wegführung ist sehr gelungen. In den 60er und 70er Jahren sah der Tierpark aus wie ein Zoo im Westen, er war voll auf der Höhe der Zeit.“

Wettrüsten mit Tieren

Mit dem Ansehen des jungen Tierparks stieg damals auch das seines Direktors. Heinrich Dathe galt bald als der „Grzimek des Ostens“. Mit seinen Sendungen aus dem Tierpark lockte er die halbe DDR vor Radio und Fernseher. Zwar hatte Dathe zur Eröffnung 1955 im „Neuen Deutschland“ verkündet: „In ihrer Struktur sind der Berliner Zoo und unser neuer Berliner Tierpark so grundlegend unterschiedlich, dass eine ,Konkurrenz‘, die von niemandem gewünscht wird, von vornherein ausgeschlossen ist.“ Doch das Verhältnis zu seinem Kollegen im Westen war alles andere als freundschaftlich: Auf der einen Seite Dathe, der onkelhafte Geschichtenerzähler, auf der anderen, der West-Seite, Heinz-Georg Klös, dem manche nachsagen, er hätte mit seiner Gutsherrenart besser ins 18. Jahrhundert gepasst. Der spätere Zoodirektor Jürgen Lange beschrieb das Verhältnis der beiden so: „Wenn der eine einen Zwergesel kauft, kauft der andere einen Riesenesel.“

Der Zoo hatte historisch bedingt einen Vorsprung, der Tierpark versuchte nachzuziehen. Am 30. Juni 1963 – dem 70. Geburtstag von Staatsoberhaupt Walter Ulbricht – wurde das Alfred-Brehm-Haus eröffnet. Ein Jahr zuvor hatte Klös im Zoo mit einem neuen Vogelhaus samt begehbarer Freiflughalle vorgelegt. Nun präsentierte Dathe das mit 5300 Quadratmetern größte und modernste Tierhaus der Welt, mit riesigen Felsenhallen für Löwen und Tiger und einer begehbaren Tropenhalle mit Flughunden und Vögeln. „Ein Meilenstein zur Erreichung des Sozialismus“, so verkündete es ein Banner über dem Eingang. Jahrelang warb der Tierpark in seinem Parkführer mit dem Zitat der Berner Zoodirektorin Monika Meyer-Holzapfel: „So stellen wir uns den Zoo der Zukunft vor.“ Dathe ergänzte stolz: „Wir übrigens auch.“

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