Hier entsteht (k)ein Tapirhaus

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60 Jahre Tierpark : Das Prestigeprojekt in Ost-Berlin
Die Giraffen-Jungtiere Dorle und Jule im Tierpark.
Die Giraffen-Jungtiere Dorle und Jule im Tierpark.Foto: Britta Pedersen/p-a

Die Planungen im Tierpark gingen weiter. 1966 bekam Dathe von der Berliner Bauakademie einen Experimentalbau angeboten: ein Gebäude aus Stahl und Glas mit zwei kurzen und zwei hohen Dachstützen, an denen das Glasdach mithilfe von Spanndrähten wie eine Hängematte durchhing. „Ein hyperbolisches Paraboloid“, erklärt Architekt Tellbach. „Dathe wurde gefragt: ,Könnt ihr det gebrauchen?’ Und er antwortete sofort: Ja, daraus machen wir ein Tapirhaus!“ Dieses war bereits im ersten Lageplan vorgesehen gewesen. Die schwarz-weißen Schabrackentapire aus Südostasien waren auch schon da. Sie lebten seit einigen Jahren versteckt im alten Pferdestall bei den Elefanten und Nashörnern.

Doch das Bauen gestaltete sich zäh. Bis 1970 hatte der Tierpark noch private Handwerksbetriebe mit Arbeiten beauftragen können. „Bis die Reste der Privatwirtschaft zerschlagen wurden und nur noch Genossenschaften und träge volkseigene Betriebe bestanden“, sagt Tellbach. Als das Tapirhaus zu 85 Prozent fertig war, wurde der Bau plötzlich eingestellt. Der Magistrat war klamm, der Ausbau des Stadtzentrums dringender. Kurz darauf traf Tellbach bei einer Tanzveranstaltung im Tierpark den Karikaturisten Erich Schmitt. Der Erfinder der Comicfigur „Tierparklehrling Ede“ hatte vom Baustopp gehört und zeichnete Tellbach auf die Rückseite seiner Einladung eine Skizze der stählernen Bauruine. Davor stehen Vater und Sohn: „Vata“, fragt der Sohn, „is det det Jerüst, wo die Tapire uffjehangen werden?“

Noch in den 80er Jahren verkündete ein Baustellenschild: „Hier entsteht ein Tapirhaus.“ Doch die Tapire blieben für immer hinter den Kulissen. Nach 15 Jahren wurde das Stahlgerüst abgerissen. Wo heute die Anlagen für Hyänen sind, erinnert nichts mehr an das gescheiterte Großprojekt von einst, den BER von Friedrichsfelde. „Wäre schön gewesen“, sagt Tellbach nur. Die Eintrittskarte mit der Zeichnung hat er nicht mehr.

Während Heinz Graffunder Anfang der 70er Jahre den Auftrag bekam, den Palast der Republik zu planen, entstanden im Tierpark erst Ende der 80er Jahre wieder größere Bauten. 1989 wurde das Dickhäuterhaus für Elefanten und Nashörner eröffnet – das letzte Bauprojekt unter Dathe.

Wendewirren im Tierpark

Am 7. November 1990 feierte der bereits an Krebs erkrankte Direktor seinen 80. Geburtstag im Tierpark. „Ich habe gern gearbeitet und tue es noch“, sagte er damals. „Und gerade in dieser nicht ganz leichten Zeit halte ich es für notwendig, dass ich noch ein paar Tage durchhalte, um meine Einrichtung in ruhiges Gewässer zu führen.“ Auch sein West-Berliner Widerpart Klös hielt eine Rede. Er gratulierte Dathe, da vieles im Tierpark „mich so begeistert, dass ich es mir auch zwischen Ku’damm und Landwehrkanal vorstellen kann“. Der Tierpark sollte nach Senatsbeschluss zwar bleiben, dafür musste sein Direktor gehen. Einen Monat später wurde Dathe mitgeteilt, dass er seine Amtsgeschäfte zu übergeben und seine Dienstwohnung zu räumen habe. „Ich lebe, um zu arbeiten“, hatte Dathe stets gesagt. Am 6. Januar 1991 starb er. Der Rausschmiss habe ihm den Rest gegeben, erzählte man sich später – nicht nur im Osten.

Seit 1991 ist der Tierpark ein Tochterunternehmen des Zoos. Doch die gemeinsame Weiterentwicklung beider Einrichtungen bleibt die größte Herausforderung, die es derzeit in der deutschen Zoolandschaft gibt. Kritische Stimmen unkten schon vor Knieriems Dienstantritt, er habe sich übernommen, ein Direktor sei zu wenig für beide Einrichtungen. „Zoo und Tierpark haben zum Teil unterschiedliche Geschichten“, sagt Knieriem. „Sie sollen eine gemeinsame Zukunft haben.“

Das Waldgiraffen-Baby Bashira und seine Mutter Batouri im Zoo.
Das Waldgiraffen-Baby Bashira und seine Mutter Batouri im Zoo.Foto: Jan-Philipp Strobel

2009 hat er für sich entschieden, neue Wege zu gehen. Der Tierarzt wollte Zoodirektor werden, nicht mehr nur Stellvertreter sein, sondern selbst die Dinge in die Hand nehmen. „Ich weiß genau, welche Planungen ich in Hannover zu verantworten habe“, sagt er. „Aber man möchte auch mal mit seinem Namen genannt werden.“ So zog es ihn nach München. Der dortige Tierpark Hellabrunn war bei seiner Eröffnung 1913 auch ein Zukunftszoo gewesen, der erste Geozoo der Welt, in dem die Tiere nicht systematisch, sondern nach Kontinenten sortiert gehalten wurden. In München hat Knieriem dieses Konzept, das in den Jahren zuvor vernachlässigt worden war, wieder stärker berücksichtigt. Dass sein Weggang noch nicht lange zurückliegt, merkt man, wenn er über die dortigen Probleme redet. Er ertappt sich selbst dabei, dass er „wir“ sagt, wenn er etwa von der Restaurierung des 100 Jahre alten Elefantenhauses redet, als müsse er sich noch immer mit der Münchner Denkmalschutzbehörde herumschlagen.

Seit einem knappen Jahr wohnt Knieriem nun in einer Wohnung über dem Aquarium, zusammen mit seiner Frau, seiner Tochter und zwei Hauskatzen – und mit Blick auf die Löwenanlage. „Manchmal würde ich lieber draußen wohnen, um abschalten zu können“, sagt er. Der Mann, der schon als Jugendlicher seine Freizeit im Zoo verbrachte, hat sein Hobby zum Beruf gemacht. „Ich dachte, dass ich als Zoodirektor glücklicher sein werde“, sagt er. „Ich bin es aber nicht. Ich bedaure, dass ich kein Hobby mehr habe.“

Das Leben ist eine Baustelle

Früher hat er selbst Aquarien gehabt, das Geräusch der Filter beruhigte ihn. Jetzt bleibt ihm dafür keine Zeit mehr. Nur morgens auf dem Weg zum Bäcker und abends auf dem Heimweg gönnt er sich kleine Fluchten. Dann geht er allein durchs Aquarium und schaut, was es Neues gibt, wie es dem Hammerhai geht, ob der Soldatenfisch wieder mit der Schwanzflosse die Wasseroberfläche aufwirbelt. „Der hat ’ne Meise“, sagt Knieriem. „Der muss das nicht machen, aber der macht das gerne.“

Als Tierarzt konnte er sich in Details verlieren, heute geht es ums große Ganze, um Baustellen, vor allem im Tierpark: Das Alfred-Brehm-Haus ist zwar kürzlich erst energiesaniert worden, aber längst nicht mehr zeitgemäß. Die Käfige mit ihren pastellfarbenen Kacheln sind veraltet und zu klein. Die Tropenhalle hat nach der Renovierung unter Knieriems Vorgänger Bernhard Blaszkiewitz den Charme eines Gartencenters. Das einst modernste Tierhaus der Welt ist das erste Projekt, das Knieriem „anfassen“ will, wie er es nennt. Noch in diesem Jahr soll es umgebaut werden und später einen Querschnitt durch die Tierwelt der asiatischen Tropen zeigen, von der Spinne bis zum Tiger. „Es soll seinem Namensgeber, dem ,Tiervater Brehm’, wieder alle Ehre machen.“

Sechs Millionen Euro sind allein dafür eingeplant. Insgesamt sieht Knieriems Ziel- und Entwicklungsplan rund 93 Millionen Euro für den Umbau des Tierparks bis 2030 vor. Eine Reise durch die Kontinente soll der Besuch dann bieten. Erstmals seit 1991 sollen wieder Orang Utans gehalten werden. Aus den 30 000 Tonnen Bauschutt, die ihm sein Vorgänger hinterlassen hat, soll eine Himalaya-Bergwelt werden. Noch ist Knieriems Konzept aber nicht vom Berliner Abgeordnetenhaus abgesegnet worden, das Thema Tierpark wurde dort auf September verschoben. Im Umfeld des Zoos sprechen einige jetzt schon vom Tierpark als dem „Land Utopia“. Doch Knieriem sieht wie nie zuvor in seiner Karriere die Chance, seine Vorstellung vom perfekten Zoo umzusetzen: „Wir wollen hier die Weite der Natur authentisch simulieren und dabei dem Tier so viel Platz geben, dass es für den Besucher noch sichtbar bleibt. Denn wenn die Eisbären so weit weg sind, dass sie wie Eisfüchse aussehen, bringt das auch nichts.“ Im Zoo will er moderne Tierhaltung mit historischen Traditionsbauten verbinden. „Er soll der artenreichste Zoo der Welt bleiben, ohne dass das auf Kosten der Tiere geht.“

Und eine Mauer muss noch weg – die in den Köpfen. „Ich glaube, die Stadt wird weiter zusammenwachsen“, sagt Knieriem. Die gemeinsame Verwaltung beider Einrichtungen hält er für alternativlos. Schon jetzt stoße der Zoo mit seinen rund drei Millionen Besuchern im Jahr an seine Grenzen. „Hätte Berlin nur einen Zoo“, sagt Knieriem, „dann müssten wir jetzt einen zweiten bauen.“

Dieser Beitrag ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen.

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