69. Filmfest in Berlin : Die Berlinale muss sich neu erfinden

Die neue Berlinale-Leitung nach Kosslick muss einiges ändern. Zum Beispiel Langweilerfilme streichen, auch wenn sie politisch korrekt sind. Ein Kommentar.

US-Schauspielerin Andie MacDowell bei der Eröffnung der Berlinale
US-Schauspielerin Andie MacDowell bei der Eröffnung der BerlinaleFoto: dpa/Kay Nietfeld

Es war wieder ein Fest, das Filmfest. Trotzdem muss sich die Berlinale neu erfinden. Sonst ist sie irgendwann nicht mehr im Werden; also nicht mehr: Berlin.

400 Filme in zehn Tagen, ein Roadmovie quer durch die ganze Welt und kreuz durch die ganze Stadt – welches Ereignis kann das schon bieten? Das Kino, bedrängt durchs Streamen in Serie, braucht diesen Lichtkegel mehr denn je. Und Berlin braucht immer Ereignisse, um sich mal selbst zu gefallen. Als Stadt von Welt.

Die Berlinale hat ein prinzipielles Problem. Sie will ein Publikumsfestival sein – und war es auch dieses Jahr wieder auf lässige Weise – und gleichzeitig Stars auf den roten Teppich locken. Hollywood sonnt sich aber lieber im Sommer in Cannes und hat im Winter nur die Oscars im Kopf. Die Berlinale muss deshalb das Gefühl ansprechen; mit Gewühl fürs Herz. Menschen gehen ins Kino, um für sich zu weinen oder mit anderen zu lachen. Zu viel Kunst ist keine Kunst.

Die neuen Festivalmacher nach König Kosslick sollten der Reihe nach alle Reihen durchgehen und Langweilerfilme kurzfristig streichen, selbst wenn sie politisch korrekt langweilig sind. Es ist auch nicht mehr unterscheidbar, welcher Film im offiziellen Wettbewerb, im halboffiziellen Panorama und im halbunabhängigen Forum läuft. Einzig die Perspektive Deutsches Kino eröffnet fast bei jedem Film neue Perspektiven – weil man hier stark auf junge Regisseurinnen und Regisseure setzt. Das Kulinarische Kino wirkt dagegen satt. Was auch eine Revolution wäre: Wenn es am Potsdamer Platz was Anständiges zu Essen gäbe. Aber hey, die Touristen wollen das nun mal nicht.

Einfach an Karten kommen

Was viele Menschen, die sich nicht so intensiv mit der Berlinale beschäftigen, wirklich wollen: einfach an Karten kommen. Hier sollte sich die Berlinale erneut die Karten legen, etwa durch eine anständige Verbindung der Planungs-App mit dem Online-Verkauf oder einer einheitlichen Öffnungszeit für die Tageskassen aller Kinos. Auch öffentliche Filmvorführungen auf größeren Plätzen, Ticketpakete für mehrere Sektionen oder Streaming-Highlights fürs Couchkino wären neue Schritte in die Stadt. Und vielleicht geht die Kiez-Berlinale mal nach Reinickendorf; etwas Glitzer kann das alte Berlin gut gebrauchen.

Welches Filmfest braucht das neue Berlin? Eines, dass die unsichtbare Unsicherheit unserer Zeit sichtbar macht.

Eines, dass sich die Freiheit nimmt, die Freiheit zu feiern (und chinesische Zensur im eigenen Wettbewerb auch als solche zu benennen). Eines, dass sich selbst nicht zu ernst nimmt. Im neuen Berlin hat man schon wenig genug zu lachen.

Aber im Ernst: Die Berlinale macht im Vergleich schon einen guten Schnitt. Es gibt mehr Filme von Frauen als anderswo (fast 40 Prozent). Es gibt mehr Besucher als anderswo (fast eine halbe Million). Und, voll krass: Es gibt mehr Freundlichkeit als anderswo in Berlin. Es lieben eben Menschen das Kino, die das Leben lieben. Allein deshalb kann man die Berlinale lieb gewinnen. Auch wenn sie zuweilen zu selbstverliebt ist.

Im Film spielt sich das Leben selbst. Jeder hat seine Rolle und versucht sie und sich auszufüllen. Am Ende aber fragen wir uns: Was hat’s gebracht? Hoffentlich ein paar ehrliche Momente. Die Berlinale sollte im 70. Jahr ihrer Wiederaufführung wieder neu nach ihnen suchen – und sich noch mehr ins Herz spielen, nicht nur ins Hirn.

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