Aktion "Stunde der Wintervögel" : Naturbund fordert Berliner zur Vogelzählung auf

Am Wochenende sind die Bürger wieder aufgerufen, Vögel zu zählen. Die Aktion läuft bis 15. Januar. Warum auch Berliner mitmachen sollten.

Entweder von Zuhause aus oder in Parks oder Seen können die Berliner helfen, die Entwicklung des Vogelbestands zu dokumentieren.
Entweder von Zuhause aus oder in Parks oder Seen können die Berliner helfen, die Entwicklung des Vogelbestands zu dokumentieren.Foto: Soeren Stache/dpa

„Füttert die Vögelchen, sie haben’s schwer...“, singt die uralte Vogelfrau aus im Filmklassiker „Mary Poppins“. Gerade im Winter möchte man ihnen das Leben erleichtern. Doch wichtiger als das Füttern – darauf weisen Experten seit Längerem hin – ist es, Trends für die Vogelwelt zu erkennen, um rechtzeitig darauf reagieren zu können.

Deshalb ruft der Naturschutzbund (Nabu) zum neunten Mal die „Stunde der Wintervögel“ aus: Vom heutigen Freitag bis Sonntag, 6. Januar, sollen Menschen überall in der Bundesrepublik eine Stunde lang Vögel zählen. Im vergangenen Jahr haben sich mehr als 100.000 Menschen beteiligt, die unter anderem in 63.000 Gärten und Parks fast drei Millionen Tiere gezählt haben.

Darunter waren 3121 Berliner und 5372 Brandenburger, die 71.705 Tiere auf dem Land und 162.046 in der Stadt erfassten.

Man braucht nur eine Stunde Zeit

„Jeder Berliner kann am Wochenende zum Vogelforscher werden und dabei helfen, dass langfristige Bestandsentwicklungen der Vogelpopulationen erkennbar werden“, sagt Jutta Sandkühler, Geschäftsführerin des Berliner Nabu: „Alles, was Sie dafür brauchen, sind Interesse an der Vogelwelt, einen Meldebogen und eine Stunde Zeit.“

Während in Brandenburg das Interesse an der Aktion relativ groß ist, glauben in Berlin offenbar nicht wenige, dass man nur als Gartenbesitzer teilnehmen kann. „Das ist definitiv nicht der Fall“, klärt Derk Ehlert, Wildtierbeauftragte des Senats, auf. „Man braucht nur ein Fenster, das sogar im Keller liegen kann. Man muss also nicht mal vor die Tür. Oder man stellt sich in einen Park, auf einen Bahnsteig, an einen See.“

Wichtig sei nur, dass man bei der Zählung nur die gleichzeitig beobachteten Tiere zähle. „Wenn eine Amsel zehn Mal vorbeifliegt, ist es immer nur noch eine Amsel. Wenn ich aber vier Amseln auf einen Haufen sehe, muss ich vier Amseln aufschreiben.“

Auch Ehlert verweist auf die Wichtigkeit der Zählung: „Die Briten machen das schon seit hundert Jahren, die haben natürlich aussagekräftiges Material.“

Denselben Vogel zwei Mal gezählt? Kein Problem!

Da es um wichtige Tendenzen geht, sei es auch kein Problem, wenn der Nachbar die gleichen Vögel zähle, sagt Heidrun Schöning vom Nabu Brandenburg: „Das wird durch die Masse der Teilnehmer wieder relativiert. Im Gegenteil, je mehr mitmachen, umso besser. Es sind ja noch Ferien, vielleicht kann man auch die Kinder begeistern.“

Dass man die Vögel nicht bestimmen könne, müsse man nicht fürchten, meint Schöning. Der Nabu stelle online Material zur Verfügung, etwa eine Zählhilfe und einen sogenannten Vogeltrainer. „Da kann man sich zum Beispiel über die Unterschiede zwischen einem Amselweibchen und -männchen informieren.“

Überhaupt: die Amseln. Sie leiden unter dem Usutu-Virus, das 2010 bereits zu einem Vogelsterben und zum Rückgang der Bestände führte. „Im vergangenen Jahr gab es fast bundesweit eine schlimme Epidemie. Ob davon auch das bislang relativ verschonte Nordostdeutschland betroffen war, wissen wir erst nach der Zählung“, sagt Schöning.

Anders sei es mit dem mysteriösen Grünfinkensterben. Das betreffe leider auch jetzt schon die Region. Grund dafür ist, erklärt Vogelschutzexperte Lars Lachmann, ein Parasit.

Spatzen nisten in einer Gebäudefassade in Neukölln.
Spatzen nisten in einer Gebäudefassade in Neukölln.FFoto: Thilo Rückeis

Die Zahl der Haussperlinge, also der Spatzen, geht hingegen überall zurück, nur nicht in Berlin, sagt Derk Ehlert. Das liegt daran, dass die Hauptstadt viele verschiedene Landschaften aufweist und dass sie mit maroden Gebäuden zum Brüten, ihren schmutzigen Ecken, wo sich immer was zum Futtern findet, und den vielen Sandböden fürs „Baden“ des Gefieders ein Paradies für die sprichwörtlichen Dreckspatzen ist.

Nach dem Haussperling wurden 2018 in Berlin übrigens am häufigsten Kohlmeisen, Blaumeisen und Amseln; in Brandenburg Kohlmeisen, Feldsperlinge, Blaumeisen und Amseln gezählt. Letztere aber schon mit einem Minus von 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Nach dem 15. Januar, an dem die Ergebnisse der Vogelzählung spätestens gemeldet sein müssen, wird man erfahren, ob sich dieser negative Trend fortsetzt.

Und wie sieht es mit dem Füttern aus? „Die Natur regelt das selbst“, sagt Experte Lars Lachmann. Es bereite vor allem den Menschen Freude. Die Vogelfrau bei „Mary Poppins“ konnte das nicht wissen.

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