• Aktionstage "Gemeinsame Sache": Wie die Initiative HiMate Flüchtlinge und Berliner zusammenbringt

Aktionstage "Gemeinsame Sache" : Wie die Initiative HiMate Flüchtlinge und Berliner zusammenbringt

Konzert und Grillabend statt Kleiderkammer und Ämtergang: Die Initiative HiMate sorgt dafür, dass sich Berliner und Geflüchtete besser kennenlernen.

Gutscheine für ein neues Leben: HiMate erleichtert Bilal das Ankommen - hier im Café mit Julia Schuster.
Gutscheine für ein neues Leben: HiMate erleichtert Bilal das Ankommen - hier im Café mit Julia Schuster.Foto: Thilo Rückeis

An diesem Vormittag sind nur die Spatzen in Scharen unterwegs. Ansonsten ist in der Hitze ziemlich wenig los in der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg. Julia Schuster und Bilal al Mohammad finden sogar noch einen Schattenplatz vor dem Café „Kauf dich glücklich“. Schuster, 22, luftiges schwarzes Kleid und goldene Kreolen, wendet unschlüssig zwei Waffelgutscheine in ihren Händen. Waffeln bei 33 Grad? Sie bestellen lieber Eiskaffee.

Klar, die Hitze ist das erste Thema zwischen Schuster, die in Berlin Medienmanagement studiert, und al Mohammad, 22, getrimmter Bart und helle Vans-Turnschuhe, der vor drei Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. Worüber man eben so redet, wenn man sich trifft in diesen Tagen. Vor allem wenn man sich noch gar nicht kennt. Ihre Verabredung haben sie über „HiMate“ eingefädelt, eine gemeinnützige Initiative, die Begegnungen zwischen Geflüchteten und Berlinern auf den Weg bringt.

Der 29-jährige Berliner Thomas Noppen hat HiMate gemeinsam mit vier Mitstreitern 2015 gegründet, als besonders viele Flüchtlinge in Berlin ankamen. Anfangs haben sie größtenteils Sachspenden von Unternehmen an Geflüchtete vermittelt, aber inzwischen ist HiMate zu einer Community herangewachsen, die an ihrem Standort in Mitte regelmäßig Grillabende, Fußballturniere oder Filmabende veranstaltet. Dort können sich „Newcomer“ und „Locals“, wie sie hier heißen, treffen und besser kennenlernen.

Gutscheine für Aktivitäten

Außerdem hat das Team von HiMate eine Plattform mit Gutscheinen für Kultur-, Sport- und Freizeitveranstaltungen hochgezogen. Dafür kooperieren sie mit über 60 Unternehmen aus der Region, die einen Teil ihrer Angebote für Geflüchtete und Bedürftige kostenlos zur Verfügung stellen. Das Team von HiMate postet diese Gutscheine auf der Website himate.org, wo dann jeder nachschauen kann, für welche Aktivitäten es gerade Tickets gibt – Waffeln essen zum Beispiel.

Oft lernen sich Teilnehmer erst bei den Veranstaltungen von HiMate kennen, bevor sie sich gemeinsam für ein Event anmelden. Andere verabreden sich einfach über die Facebook-Seite. Mit den Gutscheinen können sie etwas zusammen unternehmen, ohne dass die Kosten zum Problem werden. Noppen glaubt, dass sich die Nutzer so eher auf Augenhöhe begegnen und die üblichen Rollen verlassen: Flüchtlinge hier, Helfer da.

Bilal al Mohammad mag die Aktionen von HiMate, weil er darüber neue Leute kennenlernt, Konzerte und Sportveranstaltungen besuchen kann und vor allem: weil es nicht die ganze Zeit um Fluchtthemen geht. Julia Schuster und er sprechen lieber über Sport und Ausgehen (sogar zum Tanzen ist es zu heiß, findet Schuster). „Und du, gehst du gerne tanzen?“, fragt sie al Mohammad. Nein, Tanzen ist nicht so sein Ding, sagt er, aber für Musik interessiert er sich. Am liebsten hört er Udo Lindenberg. Den hat er entdeckt, als er nach deutscher Musik gesucht hat. Seine Lieblingssongs sind „Durch die schweren Zeiten“ und „Plan B“.

Al Mohammad schaut nach vorne, nicht zurück, er will sich hier ein neues Leben aufbauen. Im Fernsehen schaut er „heute-Show“ und Nachrichten, er sieht deutsche Serien und liest deutsche Bücher. Er möchte die deutsche Kultur verstehen. „Kennst du Goethe?“, fragt Schuster ihn. Al Mohammad schaut sie von der Seite an. Soll das ein Witz sein? „Natürlich!“ Den Faust hat er gelesen und im Theater gesehen. Da müssen beide lachen.

Unbürokratisch und flexibel

Julia Schuster ist zu HiMate gekommen, weil sie sich neben ihrem Studium für Geflüchtete engagieren wollte. Aber unbürokratisch und flexibel sollte es sein, das war ihr wichtig. Sie will selbst entscheiden, wie viel Zeit sie investiert. „Bei HiMate muss man nicht gleich eine feste Verpflichtung eingehen. Das fühlt sich alles easy an, man trifft sich einfach und macht was zusammen“, sagt sie. Sie findet, HiMate passt perfekt zu Berlin. Es ist eben etwas anderes, als etwa einen Sprachkurs anzubieten, bei dem man jede Woche einen festen Termin einhalten muss.

Bevor sie sich verabschieden, tauschen Schuster und al Mohammad noch ihre Handynummern. Al Mohammad wohnt inzwischen zusammen mit seinem Bruder und einem Freund in Potsdam, aber spätestens bei einem der nächsten Community-Events von HiMate werden sie sich wiedersehen. In der Zwischenzeit will Schuster al Mohammad mit einem Freund ihres Bruders vernetzen. Der studiert irgendwas mit erneuerbaren Energien. Und al Mohammad steht nicht nur auf Udo Lindenberg und Goethe, auch Windkraft fasziniert ihn. Im September beginnt er eine Ausbildung zum Mechatroniker in Berlin. Bis zu seiner Flucht hat er in Homs Maschinenbau studiert.

Vielleicht braucht es gar nicht so viel mehr, damit Integration gelingen kann: dass man sich trifft, gemeinsam etwas unternimmt und dass die „Locals“ den Neuankömmlingen ein paar Tipps geben für ihren Start hier. Eigentlich könnte ein Projekt wie HiMate gut „Ankerzentrum“ heißen. Weil es Geflüchteten hilft, hier vor Anker zu gehen.


HiMate lädt alle Interessierten herzlich zu zwei Aktionen ein: Am 7. September treffen sich Berliner und Geflüchtete ab 16 Uhr, um gemeinsam Stolpersteine zu putzen. Treffpunkt ist der Adenauerplatz in Wilmersdorf. Am 8. September präsentiert sich das HiMate-Sofa. In der Videoreihe stellen sich neu gegründete soziale Initiativen vor. An diesem Tag ist das Set bei HiMate in Mitte aufgebaut. Weitere Infos: himate.org.

Machen Sie mit: Wollen Sie – allein, mit Nachbarn, Freunden oder Ihrer Initiative – mitmachen beim Aktionstag von Tagesspiegel und Paritätischem Wohlfahrtsverband? Alle Aktionen finden Sie hier: www.gemeinsamesache.berlin. Dort können Sie auch Ihre eigene Aktion anmelden. Bei Fragen: gemeinsamesache@tagesspiegel.de

Sie alle machen mit:

Mit bunten Blumen Freude schenken
HelferInnen gewünscht, um am Freitag, 7. 9., von 10 bis 12 Uhr vor dem historischen Rathaus Friedrichshagen Blumensträuße zu binden und an ältere Menschen zu verschenken. Für Getränke und Snacks ist gesorgt; wenn möglich, bitte Blumenscheren, Handschuhe, Arbeitskleidung (ggf. wetterfest) mitbringen. Der Aktionsort ist barrierefrei.

Anmeldung über l.essen@sozialstiftung-koepenick.de. Tel.: 64 42 260 , www.sozialstiftung-koepenick.de. Aktionsort: Rathaus Friedrichshagen, Bölschestraße 87/88, 12587 Köpenick.

Einfach mal die Perspektive wechseln
Freiwillige erhalten am Freitag, 7. 9., von 9 bis 12 Uhr die Gelegenheit, in einem Rollstuhl zu sitzen und den sicheren Umgang damit zu lernen. HelferInnen sind anschließend herzlich eingeladen, älteren Menschen einen Spaziergang, einen Einkauf, einen Arztbesuch oder einen Theaterbesuch zu ermöglichen.

Aktionsort: Wilhelmsruher Damm 116, 13439 Reinickendorf. Kontakt: 64 49 760-72, E-Mail: ursula.illies@unionhilfswerk.de. https://www.unionhilfswerk.de

Großreinemachen im goldenen Herbst
Eltern, NachbarIinnen und Interessierte sind am Freitag, dem 7. 9., herzlich eingeladen, mit uns den Garten unserer schönen Kita zu säubern, unsere Beete und Hochbeete zu pflegen und aufzuräumen. Wir freuen uns über jede helfende Hand!

Aktionsort: Kita The Animal House, Harnackstr. 7–9, 10365 Lichtenberg. Zeit: 15 bis 18 Uhr. Kontakt: 0170 8902279, E-Mail: Mandy.kosel@gmx.de.

Mehr zum Thema

Machen Sie mit! Wollen Sie – allein, mit Nachbarn, Freunden oder Ihrer Initiative – mitmachen beim Aktionstag von Tagesspiegel und Paritätischem Wohlfahrtsverband? Alle Aktionen finden Sie hier: www.gemeinsamesache.berlin. Dort können Sie auch Ihre eigene Aktion anmelden. Bei Fragen: gemeinsamesache@tagesspiegel.de

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