Berlin : Algen über alles

Für Haut, Bad und Salat: Die Spreewaldtherme Burg holt sich ihre Spezialität direkt aus einem Flussarm

Claus-Dieter Steyer

Die Vorstellung klingt erst mal nicht gerade verlockend: Algen aus dem großen Hafenbecken landen direkt auf der Haut, im Badewasser und sogar auf dem Salatteller. Dermatologen finden, Algen innen und außen angewendet seien eine „äußerst nützliche Anwendung“. All die Vitamine und Spurenelemente! Das Wohlbefinden werde rundum gestärkt. Je mehr, desto besser, lautet ihr Rat. Schlimmer noch: „Möglichst täglich.“

Im Spreewald löst sich das Rätsel bei genauer Betrachtung der Örtlichkeiten. Die Algen für die Anwendungen kommen nicht etwa aus Hafenbecken in Hamburg, Rotterdam oder Rostock, sondern direkt vom Ort, genau gesagt von der Ablegestelle der bekannten Stocherkähne in Burg. Das Wasser im kleinen Hafen ist klar, kein Grund zur Besorgnis also. Außerdem holt sich die benachbarte Spreewaldtherme die winzigen Organismen für Massagen, Bäder und Küche nicht täglich aus der Spree: Das Institut für Getreideverarbeitung in Bergholz-Rehbrücke vermehrt die Spreewald-Alge, lateinisch Scenedesmus quadricauda, in ihrem Labor. Von dort nimmt sie ihren Weg in Kosmetik- und Wellnessprodukte – und, ganz dezent, eben in die Speisen.

Ein Erfolgsrezept der Therme in Burg ist die Anwendung spreewaldtypischer Produkte. Noch bei der Eröffnung im Herbst 2005 gab es viele skeptische Stimmen. Die Konkurrenz, hieß es, sei übermächtig: das Kristall-Bad in Lübbenau, die von Berlin aus schneller erreichbaren Thermen in Bad Saarow, Templin und Ludwigsfelde und selbst die Becken in der Riesenhalle von „Tropical Islands“. Außerdem machten sich die meisten Besucher allenfalls wegen einer Kahnfahrt ins Spree-Labyrinth auf.

Die Unkenrufe sind inzwischen verhallt. Die Spreewaldtherme meldet an Wochentagen im Schnitt 600 Besucher, sonnabends und sonntags kommen rund 1000 Gäste. Beide Zahlen liegen über den Erwartungen und sehen auch im Vergleich mit den fünf anderen großen Brandenburger Thermalbädern sehr gut aus.

Das liegt natürlich nicht nur an der Spreewald-Alge, sondern an der einzigartigen Natur mit ihren unzählig vielen großen und kleinen Wasserläufen, Sümpfen und dichten Wäldern. Die Architektur der Therme nimmt diese Bilder auf – selbst die typischen Gurkenfässer: Sie waren Vorbild für Inhalationsräume mit heißer und salzhaltiger Luft. Die tragenden Pfeiler in der großen Halle über den Becken muten wie Weiden im Wind an. Das Holz stammt von der verbreiteten Erle. Und überall dominiert kräftiges Grün.

So viel Gespür für die Umgebung hatte man den Schweizer Investoren gar nicht zugetraut. „Hohe Berge und Spreewald passen nicht zusammen“, befanden Einheimische während der ersten Debatten um das Aussehen des Bades. Doch spätestens beim Richtfest stand fest: Burg erhält kein x-beliebiges Bad, sondern ein veritables Gesundheitszentrum.

Das garantiert nicht zuletzt das Thermalwasser aus 1350 Metern Tiefe. Mit 240 Gramm Salzgehalt pro Liter gehört es zu den reichhaltigsten Solen der ganzen Region. Wer also in die Becken steigt oder sich im „Gurkenfass“ vom Heilwasserdampf berieseln lässt, tut seinem Körper Gutes. Besonders profitieren der Stütz- und Bewegungsapparat, die Atemwege und die Haut von den Mineralien.

Dafür eignet sich die Spreewaldtherme nicht zum ausgiebigen Schwimmen. Wegen der starken Sole-Konzentration macht es einfach keinen Spaß. „Die Besucher sollen zu uns eher zum Entspannen kommen“, sagt Betreiber Stefan Kannewischer. „Ich rate jedoch dazu, vor einer solchen Ausruh-Phase den Körper im Fitnessbereich erst einmal richtig in Schwung zu bringen.“ Dann sei er auch aufnahmebereit für die guten Mittelchen aus dem Spreewald.

Kinder im Schulalter verlieren hier schnell die Lust am Herumtoben im und am Wasser. Es herrscht Ruhe – das unterstreicht den Gesundheitsaspekt. Mit Leinöl-, Gurken-, Heilerde- oder Kräutermassagen sind die Jüngsten ohnehin nicht zu locken. Zum Toben eignen sich andere Bäder in der Umgebung besser. Immerhin ist in der Spreewaldtherme – hinter Glas – ein Trinkwasser-Planschbecken für Kleinkinder angelegt.

Während in dieser Ecke der großen Therme sowohl Sole als auch Algen bewusst fehlen, kommen diese beiden Heilmittel an anderer Stelle zu Ehren. Im Saunabereich stecken sie beispielsweise in den Aufgüssen. Der schönste Schwitzraum befindet sich im kleinen Garten hinter der Fassade einer typischen Spreewald-Scheune. Hier lodert, genau wie im Ruheraum mit der Safttheke, ein Kaminfeuer. Im Wellnessbereich, der ausdrücklich ohne Anleihen bei asiatischen, türkischen oder orientalischen Heilmethoden auskommt, verwendet man die Algen als Bodylotion, Badezusatz und Körperpackung.

Einige Massagen kann der Gast ausschließlich hier buchen. So belebt eine „Radlermassage“ Beine und Füße nach einer Tour auf dem „Gurkenradweg“ wieder neu, und das Spreewälder Massageöl soll sogar Falten verschwinden lassen. Das liegt am reichlichen Anteil von Vitamin E im echten Leinöl.

Das gibt es übrigens auch im Restaurant. Empfehlenswert sind hier die Gerichte mit zartem Wild-, Känguru- und Straußenfleisch. Die werden alle mit der Spreewaldalge verfeinert. Und die steckt, davon sind die Burger überzeugt, voller wertvollster Stoffe.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar