In der Gruppe zu reden, kann befreiend sein

Seite 2 von 2
Alkoholismus : Der letzte Schluck
Hohe Rückfallquote. Das Gehirn merkt sich den Rauschzustand – und wie er herbeigeführt werden kann.
Hohe Rückfallquote. Das Gehirn merkt sich den Rauschzustand – und wie er herbeigeführt werden kann.Foto: Daniel Naupold/dpa

Ein weiteres wichtiges Therapieelement sind Großgruppen, in denen montags und freitags alle Patienten der Hartmut-Spittler-Klinik zusammenkommen. Hier kann alles angesprochen werden, was auf der Seele brennt: Konflikte mit Angehörigen, Rückfälle, aber natürlich auch Erfolge, die erreicht wurden. „Ziel ist, eine therapeutische Gemeinschaft zu bilden, in der sich die Patienten auch gegenseitig in ihrer Abstinenz unterstützen“, sagt Stoll. Während die Einzelgespräche mit den Therapeuten oder in Kleingruppen noch geschützte Räume sind, ist die Großgruppe quasi die Bühne. Hier zu sprechen verlangt Mut, Einsicht und Selbstbewusstsein. Wer es hier schafft, zu sagen: Ja, ich habe ein Alkohol- oder Drogenproblem, der ist einen großen Schritt weiter.

Wie befreiend diese Erfahrung sein kann, hat auch Rico erlebt: „Das Reden vor der Großgruppe, mir vor so vielen Menschen einzugestehen, dass ich bereit war, zu sterben, das hat mir ungemein geholfen“, sagt er. „Wenn man sich in der Großgruppe öffnet und seine Geschichte erzählt, heult oft jemand mit. Menschen, die du vielleicht gar nicht so gut kennst, finden sich in dir wieder. Und dann merkst du, dass du mit deinen Problemen nicht allein bist.“ Aber obwohl Rico schon viel geschafft hat, musste er auch immer wieder Rückschläge hinnehmen. Mehr als einmal griff er wieder zur Flasche. Wie gehen Suchtkliniken damit um, wenn ein Patient während der Entwöhnung rückfällig wird und wieder zur Droge greift? Immerhin, die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls ist nicht gering: „Etwa 60 Prozent der Patienten konsumieren nach ihrer Entlassung früher oder später wieder“, sagt Chefarzt Tabatabai.

Das Hirn erinnert sich, wie der Zustand herbei geführt werden kann

Der Grund für diese recht hohe Rückfallquote ist das Suchtgedächtnis: Durch Alkohol und andere Drogen werden im Gehirn Botenstoffe, vor allem Dopamin, ausgeschüttet oder so manipuliert, dass sie länger an den Synapsen, also den Verbindungsstellen der Nervenzellen, wirken. Es kommt zu einer Art Neurotransmitter-Kick, der das Belohnungszentrum extrem stimuliert. Wir sind high, wach und glücklich. Das Gehirn merkt sich diesen Zustand – und natürlich, wie er herbeigeführt werden kann. Problem: Nichts im abstinenten Leben schüttet so viel Glücksbotenstoffe aus wie ein Drogenrausch. „Sie könnten fast gleichzeitig ein opulentes Festmahl verzehren, guten Sex haben und dazu noch eine Zigarette rauchen – sie würden nie an den Kick herankommen, den ihnen Amphetamine, Ecstasy oder Heroin geben“, sagt Stoll. Die Versuchung, sich dem Rausch noch während einer Entwöhnungstherapie wieder hinzugeben, ist also groß. Einige Entzugskliniken versuchen solche Rückfälle mit rigorosen Maßnahmen zu unterbinden: Ausgangssperren, Kontaktverbote, Leibesvisitationen, bei Verstößen droht der Rauswurf. Gerade für Patienten, die ihrem Suchtdruck nur wenig entgegensetzen können, können Regeln und Kontrollen eine Entlastung sein und so die Abstinenz unterstützen.

Doch es gibt auch hochmotivierte Patienten, die solche Maßnahmen als großen Eingriff in ihr Selbstbestimmungsrecht empfinden. Sanktionen werden daher von Suchttherapeuten zunehmend kritisch gesehen: „Wir haben nicht das Recht, suchtkranke Menschen für irgendetwas zu sanktionieren“, sagt Oberarzt Stoll. Nach einem Rückfall empfehle man stattdessen eine erneute Entgiftung, um den Körper von den Drogenrückständen zu befreien. Anschließend reflektiere man die Eskapade im gemeinsamen Therapiegespräch. „Wir halten nichts von einem ,Schuld-und-Sühne-Sanktionsspiel’, in dem ein rückfällig gewordener Patient reumütig sein Fehlverhalten zugibt, von den Ärzten gescholten wird und das war es dann“, sagt Chefarzt Tabatabai.

Doch was ist mit der Gefahr, die vom Rausch ausgeht? Rico hat die hässliche Fratze des Alkohols schon sehr früh kennengelernt. „Ich war zu jung, um mich daran bewusst erinnern zu können, aber ich bin mir sicher, dass die Schläge gegen meine Mutter tief in meinem Unterbewusstsein stecken und ich deshalb heute auch so harmoniebedürftig bin“, sagt er. Aber er konnte auch anders – wenn er getrunken hatte, war es vorbei mit der Harmonie. „Ich wurde oft verbal sehr eklig und einmal habe ich meine Freundin, als sie mir ein Bier wegnehmen wollte, so fest am Handgelenk gepackt, dass sie danach blaue Flecken hatte“, sagt er.

Der Zusmamenhang zwischen Alkohol und Gewalt ist offensichtlich

Suchterkrankungen sollten seder stigmatisiert noch verharmlost werden. „Der Zusammenhang zwischen Alkoholintoxikation und Gewalt ist offensichtlich“, sagt Suchtforscher Georg Schomerus. Auch Tabatabai und Stoll ziehen beim Thema Gewalt eine rote Linie: „Wenn ein Patient durch einen Rückfall seine Familie oder andere Menschen gefährdet, dann sagen wir ganz deutlich, dass dieses Verhalten inakzeptabel ist“, sagt Tabatabai.

Alkoholiker machen noch immer vielen Menschen Angst und treffen auf Ablehnung. Laut den Zahlen des Suchtforschers Schomerus fühlen sich 42 Prozent in der Gegenwart eines Menschen mit Alkoholabhängigkeit unwohl. 61 Prozent würden einem Alkoholiker kein Zimmer vermieten, 81 Prozent ihm keine Kinder anvertrauen. „Keine andere psychische Erkrankung wird so stark stigmatisiert“, so Schomerus. Denn im Gegensatz zu Menschen, die an einer Depression oder Schizophrenie leiden, würden Menschen mit einem Suchtproblem oft nicht als krank, sondern als „selber schuld daran“ betrachtet.

Rico hat jedoch gelernt, offener und souveräner mit seiner Erkrankung umzugehen. „Während der letzten Party unseres Schrebergartenvereins habe ich einfach erzählt, warum ich nicht mittrinke und habe dafür viel Verständnis erhalten, ohne dass ich das Gefühl hatte, bemitleidet zu werden.“ Solche Gespräche stärken das Selbstbewusstsein und helfen, Vorurteile abzubauen. Stereotype und Ängste entstehen oft aus dem Unbekannten. Rico ist also auf einem guten Weg. Er weiß aber, dass noch immer alles auf dem Spiel steht und er wachsam bleiben muss, sein Leben lang. „Ich habe Angst davor, dass der nächste Rückfall mein letzter sein könnte, weil ich ihn nicht überlebe“, sagt er. Er weiß aber auch, dass noch nichts verloren ist. „Es ist noch alles da, noch halten Familie und Freundin zu mir.“ Und er träumt von einer besseren Zukunft. „Ich möchte Vater werden und meinen Kindern eine intakte und glückliche Familie bieten.“

Diesen und weitere interessante Texte aus den Bereichen Psychiatrie und Neurologie finden Sie im aktuellen Gesundheitsratgeber „Tagesspiegel Psyche & Nerven“. Das Magazin kostet 12,80 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel- Shop, www.tagesspiegel.de/shop, Tel. 29021-520 sowie im Zeitschriftenhandel.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!