In Neukölln steht plötzlich ein Mann mit Messer vor ihr

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Alltagsgewalt in Berlin : Wie aus dem Nichts
Butterfly-Messer, das eine unbekannte Person auf einem Platz aufklappt.
„Ich starrte die ganze Zeit aufs Messser.“Foto: dpa/lni/Ingo Wagner

Es war ein gewöhnlicher Samstag. Nach einem Abend mit Freunden in einer Bar war ich auf dem Weg nach Hause. Es war tiefe Nacht. Ich kam vom U-Bahnhof Hermannstraße, lief unbedarft die Straßen entlang, bog dann um eine Ecke und nahm die dunkle Gestalt mit Kapuzenpullover, die dort stand, kaum wahr. Nach einigen Metern hörte ich hinter mir Schritte, die schneller wurden. Die Gestalt überholte mich, bäumte sich mit einem Messer in der Hand vor mir auf und sagte: „Gib mir dein Geld, dann passiert nichts!“

Ohne zu realisieren, was gerade mit mir geschah, kramte ich meinen Geldbeutel hervor und drückte ihm die wenigen Münzen in die Hand, die nach dem Abend noch zu finden waren. Fluchtartig rannte der Mann mit seiner geringen Beute weg, rief aber noch: „Keine Bullen!“ Die wollte ich auch nicht rufen. Ich dachte, das ergibt doch in Berlin, wo das ständig passiert, keinen Sinn. Stattdessen rief ich meinen Freund an, der sofort kam. Er versuchte mich zu überreden, die Polizei zu informieren, aus der Opferrolle herauszukommen. Zwei Tage später stellte ich dann doch noch eine Anzeige. Dass der Überfall mich emotional so aufrühren würde, hatte ich am Abend des Überfalls nicht erwartet. Zu meiner Überraschung wurde ich schnell vorgeladen, der Täter hatte nämlich noch am selben Abend drei weitere Frauen überfallen. Der Polizeibeamte nahm sich professionell und doch einfühlsam meines Falls an. Gleichzeitig machte er mir ein schlechtes Gewissen, als er fragte, wieso ich nicht sofort die Polizei alarmiert hätte. Vielleicht hätten so die weiteren Überfälle verhindert werden können. Er überredete mich, in die Täterkartei zu gucken, obwohl ich das nicht wollte. Ich war mir sicher, dass ich den Mann nicht erkennen würde und wollte niemanden zu Unrecht belasten. Es war zu dunkel, und ich hatte die ganze Zeit auf das Messer starren müssen. Den richtigen Mann habe ich jedenfalls nicht erkannt, meine Aussage deckte sich nicht mit den anderen Aussagen – die Ermittlungen wurden eingestellt.

Viel schlimmer aber war, dass diese Nacht meine Sicht auf Berlin veränderte. Berlin war damals seit eineinhalb Jahren meine Wahlheimat, ich wollte nirgendwo lieber leben. In meinem Kiez in Neukölln fühlte ich mich wohl. Doch nun weckte die Stadt und die Straße, in der ich wohne, ein unfassbares Unsicherheitsgefühl in mir. Hinter jeder Ecke könnte jemand lauern. Einer, der nicht nur Geld will! Ich wusste, dass die Wahrscheinlichkeit dafür nicht gestiegen war, dennoch fürchtete ich mich. Die ersten Tage danach konnte ich meine Wohnung nicht allein verlassen. Ich war auf andere angewiesen. Bald erkannte ich, dass mir Fahrradfahren ein bisschen Sicherheit gab. Also versuchte ich um jeden Preis, meinen Heimweg zu Fuß zu vermeiden und hatte panische Angst, das Fahrrad könnte mir geklaut werden. Mittlerweile, knapp ein Jahr später, ist die Angst fast weg. Trotzdem muss ich immer, wenn ich in meine Straße biege, kurz an das Erlebte denken. mlk

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