Berlin : „Alte haben keine Lobby“

Zu wenig Personal, zu wenig Kontrolle. Was Leser mit Angehörigen in Pflegeheimen erleben

Martina Diegelmann[Pankow]

Nach einem Schlaganfall ist meine Mutter seit fast einem Jahr nun als Schwerstpflegefall hier in Pankow in einem Pflegeheim. Es ist ein fast neues Heim. Die Preise liegen über dem Durchschnitt. Man spürt, dass die Schwestern und Pfleger mit Ehrgeiz an ihre Arbeit gehen. Trotzdem merkt man bei Besuchen auch schnell, wie knapp deren Zeit bemessen ist. Die Grundversorgung meiner Mutter, die vollständig auf fremde Hilfe angewiesen ist, ist gewährleistet. Das heißt in erster Linie, dass sie ca. im 4-Stunden-Rhythmus neu gelagert und die Sondennahrung aufgefüllt wird (was in ca. 10 Minuten erledigt ist). Dazwischen passiert nichts. Inzwischen bezahle ich privat noch zusätzlich jemanden, der meiner Mutter ab und zu ein wenig vorliest, damit sie nicht den ganzen Tag nur so „vor sich hin dämmert“. Ich selbst gehe jeden Tag nach der Arbeit vorbei, um Dinge zu regeln und auch ein wenig zu kontrollieren. Nach knapp einem Jahr Pflegeheimerfahrung als Angehörige ist einerseits mein Respekt vor den dort Beschäftigten gestiegen, ich sehe aber auch deren Überforderung und deren Qualifikationsdefizite.

Ich habe sehr gute Erfahrungen in einem Pflegeheim in Lichterfelde gemacht. Unserer 87-jährigen Mutter wurde Zuneigung und Respekt entgegengebracht. Die Pflege war umsichtig und ihren Bedürfnissen angepasst. Nach einem Schlaganfall war sie körperlich hinfällig, teilweise gelähmt, aber geistig top fit. In der mehrtägigen Sterbephase durften wir Kinder/Enkelkinder rund um die Uhr bei unserer Mutter sein. Wir hatten so einen guten Einblick in die Betreuung der Bewohner, die einen zufriedenen Eindruck machten und gepflegt waren.

Ilse Hofbauer-Herhold, Lichterfelde

Für die mangelhafte Behandlung der Bewohner in den Berliner Pflegeheimen sind nicht nur Heime und deren Pflegedienstleitungen verantwortlich. Vielmehr tragen auch Pflegekassen, Angehörige, Krankenhäuser und die politisch Verantwortlichen eine Mitschuld, denn sie ermöglichen es den Heimen erst, dass es, fast unkontrolliert, zu solchen Vorfällen kommen kann. Die Pflegekassen schicken fast keine Mitarbeiter zur Kontrolle in die Pflegeheime. Den Angehörigen geht es oft nur darum, für den Vater oder die Mutter ein Bett zu finden und das meist zu günstigen Pflegesätzen. Politisch ist es gewollt, dass – angeblich aus Datenschutzgründen – die Pflegekassen nur mangelhaft und die Angehörigen gar nicht informiert werden. Auch das Interesse der Angehörigen lässt oft nach, wenn der Heimplatz gefunden wurde. Die Alten in Pflegeheimen haben leider keine Lobby. Der Gedanke, dass ich eines Tages selbst in die Situation kommen kann, ein Pflegeheim in Anspruch nehmen zu müssen, macht keine große Hoffnung auf einen Lebensabend in Würde.

Christian Grupe, Steglitz

Ich besuche meine 97-jährige Mutter jede Woche im Pflegeheim und kann nur sagen, dass das Pflegepersonal sehr bemüht ist. Nur, es sind zu wenige. Meine Mutter lebt in einem Zweibettzimmer, ca. 25 Quadratmeter groß, also bringt das Zimmer 6000 Euro. Ein „Wahnsinns“- Verdienst. Ich frage mich immer, wer verdient an unseren Alten? Es ist einfach beschämend für eine Gesellschaft, dass sie auch noch an alten Menschen reich werden will. 3000 Euro für ein kleines Zimmerchen, hochgerechnet 10 Euro für Kost (alte Menschen essen nicht mehr viel) sind 310 Euro im Monat plus Personalkosten, wenn man hochgreift 200 Euro pro Person ergibt dies nicht mehr als 510 Kosten plus noch einmal runde 500 für alles andere. Es verbleiben also pro Patient ca. 2000 Euro Gewinn. Weshalb wohl gibt es so viele neue Heime? Doch wohl nicht, weil man kein Geld mit den alten Menschen verdienen kann, sondern richtig viel.

Bernd J. Möller

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