Überstunden lassen sich bei diesem Zeitplan gar nicht vermeiden

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Ambulante Pflege : Unterwegs auf Adrenalin
Hauke Hohensee
Oft bleiben nur wenige Minuten pro Besuch.
Oft bleiben nur wenige Minuten pro Besuch.Foto: Mike Wolff

Nächster Stopp: Becker muss erneut die Beine einer Patientin überprüfen. Medikamente und Kompressionsstrümpfe zeigen die gewünschte Wirkung, Becker ist zufrieden. Weil in der Zwischenzeit immer wieder besorgte Patienten auf dem Handy anrufen, hinkt sie ihrem Zeitplan allmählich deutlich hinterher. Die Zeitkorridore sind so knapp bemessen, dass sich Überstunden gar nicht vermeiden lassen. Noch stehen zwei Termine aus. Becker klingelt beim Ehepaar Bohn. Herr Bohn pflegt seine Frau zu Hause, macht den Großteil der Arbeit ganz allein. „Ich wollte keine zweite Person im Haushalt. Das wäre nicht gut gegangen“, sagt er und lacht. „Solange ich lebe, mache ich das selbst.“

Herr Bohn hat seine eigenen Vorstellungen, seine strikte Art hat die Zusammenarbeit vor allem anfangs erschwert. „Ein Vierteljahr herrschte hier fast Krieg“, sagt Becker. Inzwischen gibt sich Herr Bohn geläutert. „Auf der einen Seite die Fachkraft“, sagt er, „auf der anderen ich als Laie – da hat man eben eine andere Sicht auf die Dinge.“ Anfangs habe man erst einmal klären müssen, wer welche Aufgaben übernimmt. Mittlerweile sind alle Streitigkeiten beigelegt. Zweimal täglich kommt ein Pfleger oder eine Pflegerin vorbei, um Frau Bohn Insulin zu spritzen, einmal in der Woche wird sie von ihrer Lieblingspflegerin gebadet. Den Rest übernimmt Herr Bohn. Solange er kann.

Nach einer Operation am Herzen verbrachte Frau Bohn einige Tage auf der Intensivstation. Ihr Zustand war schlecht, die Überlebenschancen minimal. Zweimal lag sie im Koma. Dass sie heute neben ihrem Mann auf der Couch sitzt, grenzt für ihn an ein Wunder. Viel bewegen kann sie sich nicht mehr, die meiste Zeit sitzt oder liegt sie. „Ihr Eigenantrieb ist zu gering“, sagt Herr Bohn. Nur selten will sie mit ihm aus dem Haus gehen. Und das macht ihrem emsigen Mann merklich zu schaffen, er sorgt sich. Was, wenn er einmal nicht mehr da ist? Er hat Angst davor, Gesundheit und Pflege seiner Frau aus den Händen zu geben. Heute sind ihre Zuckerwerte nicht gut. Den Orangensaft schiebt Jacqueline Becker zur Seite. „Damit ist für heute erst mal Schluss“, sagt sie augenzwinkernd. Das Telefon klingelt. Die letzte Patientin des Abends wird ungeduldig. Becker ist spät dran.

Versorgung über den Port: ein sehr spezieller Fall

Bianca Breher ist die letzte Patientin für heute. Es ist nach 22 Uhr. Die junge Frau hat sich in ihre Decke gekuschelt. Der Fernseher läuft, damit sie nicht einschläft. Breher ist ein ziemlich seltener Fall in der ambulanten Pflege. Sie muss über einen Port mit Nahrung versorgt werden. Weil ihr Dünndarm keine Darmzotten hat, kann ihr Körper auf normalem Weg keine Nährstoffe aufnehmen. Parenteral ernährt zu werden, bedeutet: Die Nährstoffe gelangen per Infusion direkt ins Blut, der Darmtrakt wird umgangen. In einer Operation bekam sie einen Kunststoffkatheter in die obere Hohlvene unter dem rechten Schlüsselbein eingeführt. Auf der anderen Seite mündet dieser Schlauch in eine Kapsel unter der Haut, die von einer Membran umhüllt ist. Um die Nährlösung zuzuführen, muss man die Membran nur noch mit einer Infusionsnadel einstechen.

Die meisten ambulanten Pflegedienste bieten eine solche Portversorgung allerdings nicht an. Denn hierfür wird speziell ausgebildetes Personal benötigt. „27 Anbieter haben meine Behandlung abgelehnt“, sagt Bianca Breher. Nun hatte sie die Wahl: entweder selber machen oder jede Nacht viele Stunden im Krankenhaus verbringen. Beides kam nicht mehr infrage. Umso glücklicher ist sie nun, dass sie nach langer Suche am Ende doch einen Anbieter fand, der die Portversorgung übernahm. „Frau Becker hat meine Verzweiflung bemerkt“, sagt Bianca Breher. Drei Monate betrug die Probezeit. „Wir mussten schauen, ob es so klappt“, sagt die Pflegerin. Auch bei Renafan stand die Portversorgung eigentlich nicht im Programm. Während der Probezeit war Jacqueline Becker bei jeder neuen Infusion dabei. Mittlerweile haben andere Kollegen die Portversorgung erlernt.

Die gesundheitliche Lage von Bianca Breher hat sich im Lauf der Behandlung deutlich verbessert. Viele Jahre sei sie eigentlich nicht arbeitsfähig gewesen. Sie ging trotzdem oftmals an ihre körperliche Grenze und noch darüber hinaus. Inzwischen kennt sie ihre Grenzen besser, sie hat aus Fehlern gelernt. Heute arbeitet sie neben der Rente auf 450-Euro-Basis – und zwar bei Renafan, als Hauswirtschaftshilfe im Team von Jacqueline Becker. Ein kleines hauseigenes Märchen.

Kurz nach 23 Uhr ist Beckers Tour beendet, die Pflegerin ist erschöpft. Es gibt stressfreiere Wege, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch noch auf der Rückfahrt erzählt sie mit leuchtenden Augen von berührenden Bildern und Karten, die sie von Patienten zu Weihnachten und Ostern zugeschickt bekommt. Sie mag ihre Patienten, und ihre offene, herzliche Art kommt gut an. „Hier kann ich mein Helfersyndrom voll ausleben“, sagt Becker. Die Zuwendung, die sie ihren Patienten entgegenbringt, erhält sie vielfach zurück. Das trägt sie über die Widrigkeiten des Jobs hinweg.

In Berlin gibt es rund 570 ambulante Pflegedienste. Die AOK Nordost bietet unter pflege-navigator.de einen guten Überblick über die Anbieter, ebenso der VDEK (pflegelotse. de) und die BKK (bkk-pflegefinder.de). Weitere interessante Artikel zu den Themen Pflegeberatung, Pflegeheime, Finanzierung, altersgerechtes Wohnen und Sterbebegleitung sowie ein ausführliches Verzeichnis von Pflegeheimen in Berlin und im Umland finden Sie im Magazin „Tagesspiegel Pflege Berlin 2017/2018“. Das Magazin kostet 12,80 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop, www.tagesspiegel.de/shop, Tel. 29021-520, sowie im Zeitschriftenhandel.

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