Berlin : An Ganztagsschulen läuft es noch nicht überall rund

Alle Grundschulen haben Nachmittagsbetrieb, aber nur wenige Gymnasien. Auch nach fünf Jahren fehlen mancherorts Horträume und Personal

Christoph Stollowsky

Kinder der Neuköllner Boddin-Grundschule trommeln begeistert und geben Percussion-Konzerte. Schüler der Hannah-Höch-Grundschule im Märkischen Viertel arbeiten nicht mehr in Unterrichtsräumen, sondern in „Lernetagen“ aus zusammengelegten Klassenzimmern mit Lern,- Tobe- und Kuschelbereichen: Besonders Berlins Grundschulen sind experimentierfreudiger geworden und bemühen sich um mehr Förderangebote, seit sie alle zu Ganztagsschulen umgewandelt wurden. Das ist die Bilanz etlicher Schulstadträte der Bezirke, bei denen der Tagesspiegel nachfragte. Auch Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sieht das so und bestätigt aus Berliner Sicht die überwiegend positiven Ergebnisse einer bundesweiten Studie zu den Ganztagsschulen, die am Montag vorgestellt wurde. Doch gibt es in Berlin auch noch Schwachpunkte wie fehlende Räume oder unzulängliche Angebote am Nachmittag.

2002 wurden nach dem Willen der rot-roten Koalition die ersten der 407 Berliner Grundschulen in Ganztagsschulen umgewandelt, vor zwei Jahren folgten in einem Schwung alle anderen. Es gibt allerdings zwei Modelle: Heute haben 64 ein so genanntes „gebundenes Ganztagsangebot“. Dort ist der Schulbesuch von 8 bis 16 Uhr Pflicht. Die Mehrheit bietet hingegen als „offene Ganztagsschule“ nach Unterrichtsschluss bis 16 Uhr eine freiwillige Betreuung an. Dieses Angebot muss bezahlt werden, die verpflichtende Ganztagsschule ist gratis. Darüber hinaus sind alle 49 Gesamtschulen zum Ganztagskonzept übergegangen. Bei den anderen Schulformen ist man hingegen noch am Anfang: Ganztagsbetrieb gibt es an zwei von 62 Realschulen , an drei von 98 Gymnasien und an einer von 54 Hauptschulen – aber unter dem Strich immerhin an mehr als 60 Prozent aller Berliner Schulen.

Mit dem Ganztagskonzept sollten vor allem die Fördermöglichkeiten durch Hausaufgabenbetreuung und individuelle Lernhilfen verbessert werden. Nach den alarmierenden Ergebnissen der Pisa-Studie konzentrierte sich die Koalition anfangs auf die Grundschulen und investierte dort mit Bundeshilfe seit 2004 rund 163 Millionen Euro. Künftig will Schulsenator Zöllner aber auch an den Haupt-, Real- und Oberschulen „die Entwicklung zum Ganztagslernen vorantreiben“.

Wie dies geschehen soll, ist noch unklar. Denn besonders an Oberschulen regt sich Widerstand, weil bisher die personellen und räumlichen Voraussetzungen fehlen. Doch auch viele Eltern sind von den Vorteilen einer ganztägigen Betreuung noch nicht so recht überzeugt. So bleibt an den offenen Ganztagsschulen bisher nur jeder fünfte Schüler am Nachmittag. Das soll sich nach dem Willen des Schulsenators ändern. Er hält die Ganztagsschule für „das Modell der Zukunft“ und will verstärkt dafür werben.

Dass es an den Ganztagsschulen auch noch hapert, machen die Klagen vieler Eltern und der Verantwortlichen in den Bezirken klar. „Man begann mit der Hauruck-Methode“, sagt die Reinickendorfer Schulstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU). Anfangs hatten viele Räume gefehlt, es gab zu wenig Platz für den Mittagstisch, die Putzkolonnen reichten nicht mehr aus – und bis heute fehlt vielerorts Personal, um die versprochene Betreuung zu verwirklichen. Etliche Probleme seien schon gelöst, sagt die Stadträtin. „Aber es gibt noch viel nachzubessern.“ Ein neues „Berliner Bildungsprogramm für Ganztagsschulen“ soll nun helfen. Dazu gehört auch der verstärkte Einsatz freier Bildungsträger in den Schulen.

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