Berlin : Anders getaktet

Heute startet die Revue „Rhythmus Berlin“ im Friedrichstadtpalast Die Texte hat ein Rockmusiker geschrieben – noch dazu ein Hamburger

Sebastian Leber

Ungewohnt ist das schon, sagt er. Die Girlreihe. Der Kunst-Wasserfall. Die ausfahrbare Showtreppe. Aber „cool“ findet Peter Thiessen es trotzdem. Sogar „richtig cool“. Dabei muss er zwar grinsen, doch ironisch meint er das nicht. Heute Abend hat die Revue „Rhythmus Berlin“ im Friedrichstadtpalast Premiere. Es ist ein Stück über das temporeiche Leben in der Großstadt, mit viel Gesang und Tanz und Akrobatik. Peter Thiessen hat die Liedtexte dazu geschrieben, was seine Fans überrascht. Thiessen ist Sänger und Kopf der Hamburger Band Kante. Und die machen Indie-Rock. Doch Palastchef Thomas Münstermann wollte unbedingt Thiessen haben, der sagte sofort zu, wegen der Geschichte des Hauses und weil das „Reinschauen in fremde Zusammenhänge“ nicht falsch sein kann. Hatte er keine Angst um seinen Rocker-Ruf? „Nein.“ Die Revue ist inspiriert durch Walther Ruttmanns „Berlin: Sinfonie einer Großstadt“, ein Stummfilm aus den 20er Jahren über das hektische Leben im damaligen Berlin. Peter Thiessen beschreibt in seinen Texten das heutige – und das kommt nicht weniger laut und hektisch daher. Thiessens Berlin ist ein großes Abenteuer, in dem einem alles geboten wird, in dem man sich aber auch leicht verliert. „Wie find ich bloß den Weg zu Dir, in diesem Meer von Möglichkeit“, heißt es an einer Stelle. „In dieser viel zu großen Stadt, die Deine Spur unsichtbar macht.“

Dass ein Hamburger über das Lebensgefühl Berlins schreibt, hat Sinn, sagt Thiessen. Schließlich sei Berlin nicht unbedingt „eine Stadt, aus der man kommt, sondern eine, in die man geht“. Um sich selbst neu zu erfinden. Es gab mal eine Zeit, als ihn das schwer genervt hat. Um die Jahrtausendwende zogen viele junge Hamburger nach Berlin. Inzwischen sei die Sogwirkung kaum noch Thema, sagt Thiessen. „Und wenn doch mal wieder einer geht, ist es nicht mehr spektakulär.“ Er selbst hat voriges Jahr mehrere Monate in Berlin gewohnt, das letzte KanteAlbum „Die Tiere sind unruhig“ entstand in einem Neuköllner Tonstudio. Man kann Berlin nicht auf einen Nenner bringen, findet Thiessen. „Die Identität der Stadt besteht am ehesten darin, dass sie keine hat.“

Von der Revue hat Peter Thiessen bisher nur ein paar Proben gesehen. Er war beeindruckt, was da mit seinen Texten angestellt wurde. Aber er hatte auch das Bedürfnis zu zeigen, wie die Zeilen in Kombination „mit Musik aus meiner Welt“ wirken. Also ging er im Januar mit Band ins Studio und nahm die CD „Kante plays Rhythmus Berlin“ auf. Nicht als Gegen-, höchstens als Alternativentwurf. Den Anzug, in dem Thiessen heute Abend zur Premiere in den Friedrichstadtpalast geht, hat er sich übrigens von einem Freund ausgeliehen. Der ist auch Rockmusiker und arbeitet nebenher beim Herrenausstatter.

Karten für die Revue gibt es telefonisch unter 23 26 23 26. Die CD von Kante erscheint am Freitag nächster Woche.

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