Angeln in der Hauptstadt : Zwei Berliner wollen Fliegenfischen für alle ermöglichen

Lange galt es als elitäres Privileg der Oberschicht. Doch die Königsdisziplin des Angelns findet in der Stadt immer mehr Fans. Auch dank der ersten Fliegenfischerschule Berlins.

Simon Stäblein (l.) und Ole Rogowski betreiben die erste Schule für Fliegenfischerei in Berlin.
Simon Stäblein (l.) und Ole Rogowski betreiben die erste Schule für Fliegenfischerei in Berlin.Foto: Stephan Pramme

Majestätische Ströme in Schottland, Island oder Alaska. Einsame Gestalten inmitten glasklaren Wassers, vertieft in kontemplative Bewegungsabläufe. Kunstvolle Würfe im abendlichen Gegenlicht. Es sind solche Assoziationen, die man für gewöhnlich mit Fliegenfischen verbindet. Nicht jedoch die Szenen, die sich an einem Sonntag im Volkspark Friedrichshain abspielen.

Da steht eine Gruppe junger Männer. Ihr Finger umklammern den Korkgriff von Angelruten. Geduldig schwingen sie ihre neonfarbenen Leinen vor- und zurück. Sie verheddern sich, fluchen. Der Wind pfeift über die Freiflächen. Doch sie harren aus. Schließlich naht das Ende der Schonzeit für Forellen. Und wenn die Saison beginnt, wollen sie dazugehören: zum erlesenen Kreis der Fliegenfischer.

Mittendrin überwacht Kursleiter Simon Stäblein das Geschehen. Er ist Mitgründer von Flyrus, der ersten Fliegenfischerschule Berlins. Ein Mittdreißiger mit schelmischem Grinsen unter langem Haar.

„Das Handgelenk ist zu weit nach hinten abgekippt!“ ruft er oder: „Nicht mit der Schnur peitschen!“

Es sind bloß Wurfübungen auf Rasen. Ein Teich ist zwar in Sichtweite, aber dort beschränkt sich das fangbare Angebot auf rostige Fahrräder. Ohnehin gilt: Erstmal die Technik beherrschen. Also mimt Stäblein die Forelle. Schnappt sich unvorbereitet Schnurspitzen. Sprintet auf und ab. Testet die Reaktionsschnelligkeit der durchgefrorenen Novizen. Lässt die Spannung in der Leine auch nur einen Moment nach, wäre der Fisch weg.

Mit Jagderfolg hat das Fliegenfischen ohnehin nur bedingt zu tun. „Wenn ich nur angeln würde, um Fische zu fangen, wären meine Angelausflüge längst vorbei“, sagte schon der amerikanische Schriftsteller Zane Grey.

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Nein, Fliegenfischen gilt bei seinen Anhängern vielmehr als eine Art Philosophie. Eine Meditationsform. Eine Komposition im Takt der Schwerkraft und Natur. Kunstvoll gebundene Köder bilden dabei Insekten nach. Deren Präsentation auf der Wasseroberfläche sollen die Fische aus der Tiefe locken.

Fliegenfischen in Berlin.
Fliegenfischen in Berlin.Foto: Stephan Pramme

Um das zu schaffen, braucht es eine komplexe Wurftechnik. Denn im Gegensatz zum normalen Angeln, wird hier das Gewicht der Schnur genutzt, um die federleichte Fliege auf die Wasseroberfläche zu befördern.

Stäblein ist nicht nur ein ausgebildeter fränkischer Fischwirt, sondern auch studierter Fischereiwissenschaftler. Seine Masterarbeit schrieb er an der Humboldt–Universität über „Die Wiederansiedlung von Lachs und Meerforelle in Brandenburg“.

Im Studium lernte er auch seinen späteren Geschäftspartner Ole Rogowski kennen. Ein Freisemester lang fuhren sie von Alaska über die Rocky Mountains bis nach Mexiko. Mit dem einzigen Ziel, ihre Leinen so oft es geht ins Wasser zu halten. Unterwegs begegneten ihnen auch Ausbilder von Fliegenfischerschulen. Deren Grad an Professionalität beeindruckte Stäblein und Rogowski dermaßen, dass sie, kaum zurück in Deutschland, entschieden: Berlin braucht eine Ausbildungsstätte.

Noch immer gilt Fliegenfischen als elitäre Betätigung für die Vorstandsetagen. Kein Wunder: Einst war es ein exklusiver Zeitvertreib des Adels. Und auch heute noch zieht es Prince Charles oder König Carl Gustaf von Schweden ans Wasser. Stäblein jedoch betont: „Es ist keine Frage des Alters, des Geschlechts oder der Herkunft mehr.“ Einsteigerequipment ist erschwinglich. Und längst wird das Fliegenfischen rund um die Welt praktiziert.

Fliegenfischen mitten in Berlin.
Fliegenfischen mitten in Berlin.Foto: Stephan Pramme

Zwar ist in Berlin das Wasser in der Spree nicht sauerstoffreich genug für Forellen, doch dafür schnappen Barsche, Rapfen oder Alande – beides Karpfenfische – nach dem Köder. Stäblein erinnert sich, wie er einmal am Flutgraben des Landwehrkanals einen Fisch landete – woraufhin die Afterhour-Gäste im „Club der Visionäre“ aufsprangen und jubelten. Längst wird das sogenannte „Urban Fly Fishing“ nicht mehr belächelt. Und so stieg sogar Schauspieler Jürgen Vogel mit Flyrus in die Rummelsburger Bucht, um sich das Fischen beibringen zu lassen.

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Auch wenn man es nicht erwartet: Es gibt sie auch hier, die kleinen Forellenbäche, kurz hinter den Toren Berlins. Bloß Namen werden in Anglerkreisen ungern genannt. Aus Angst vor den Horden, bewaffnet mit Rute, die einfallen wie die Kormorane.

Der berühmte Fliegenfischerroman „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ von Norman Maclean beginnt mit dem Satz „In unserer Familie gab es keine klare Trennungslinie zwischen Religion und Fliegenfischen.“ In einer solchen Familie muss auch Steven Luckner aufgewachsen sein. Er ist einer der Guides bei Flyrus. Vollbart, tätowierte Arme, Basecap. Viele der Gewässer um Berlin kennt er wie die Taschen seiner Anglerweste. An einem sonnigen Sonnabend gewährt er einen Einblick.

Fischpsychologie

Also rein in die Wathosen und -stiefel. Rute zusammenstecken. Rolle montieren. Und dann? Warten. Beobachten. Und wieder warten. Luckner hebt einen Stein aus dem Wasser. Es kriecht und krabbelt darunter. Larven von Maifliegen, Steinfliegen, Köcherfliegen. Jede Jahreszeit hat ihr Insektenaufkommen, das imitiert werden will. Und innerhalb weniger Minuten können Lichteinfall oder Wasserstand sich so verändern, dass der Köder gewechselt werden muss.

Luckner richtet nicht nur den Angeltag nach dem Fisch aus, sondern sein ganzes Leben. Seine Urlaube verbringt er an norwegischen Lachsflüssen. „Neun Stunden am Wasser, stinken wie ein Otter und wochenlang keinen einzigen Biss. Fantastisch.“

Als Jugendlicher schnitt er der Familienkatze gar Haare ab, um daraus Köder zu binden. Soweit geht er heute zwar nicht mehr, doch noch immer sei es „ein umwerfendes Gefühl“ mit einer selbst gebundenen Fliege einen Fisch zu überlisten. Manche Fischer, berichtet er, züchten gar spezielle Enten, um ihre Federn zu Ködern zu verarbeiten.

Ausschau im Kanal.
Ausschau im Kanal.Foto: Stephan Pramme

Der Rest ist Fischpsychologie. Der Mensch muss wie eine Forelle denken. Wo würde ich mich verstecken? Wie in einem reißenden Bach positionieren? Und ganz wichtig: Was würde ich heute fressen? „Fische sind klüger als man denkt“, sagt Luckner.

Mit dem Fisch versinkt die Sonne

Einmal überlistet, legten sie ihr Gewicht am Boden ab, stellten sich in die Strömung oder führten die Schnur über scharfkantige Steine. Dann mustert er die Wasseroberfläche. „Wirf dahin, lass bis zum Ast abtreiben. Pass gut auf.“ Augen auf die Fliege gerichtet, Rutenspitze unten halten, die Schnur einholen, so dass der Kontakt zum Köder gewährt ist. Und tatsächlich! Da ist der Biss. Nur Sekunden später liegt eine rotgetupfte, handtellergroße Bachforelle im Kescher. Zu klein für die Pfanne. Sie darf weiterschwimmen.

Und mit dem Fisch versinkt auch die Sonne. Kurz darauf erscheint vor dem Autofenster wieder die Silhouette der Großstadt im abendlichen Gegenlicht. Nein, das ist sicherlich nicht Schottland, Alaska oder Island. Doch der große Fang, er wartet vielleicht auch in den Häuserschluchten Berlins.

Die Berliner Fliegenfischerschule Flyrus bietet regelmäßig Kurse, Guidings und Reisen an. Der zweitägige Wochenendkurs für Einsteiger kostet 199 Euro, inklusive Unterrichtsmaterial und Leihgerät. Weitere Informationen unter: www.flyrus.de

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