• Anwohner in Berlin-Mitte verärgert über Plakatwand: „Mein Leben hinter Louis Vuitton“

Anwohner in Berlin-Mitte verärgert über Plakatwand : „Mein Leben hinter Louis Vuitton“

Die Mieter an der Torstraße haben den Himmel lange nicht gesehen, Pflanzen sterben. Seit Monaten steht vor ihren Fenstern ein Baugerüst mit einem Werbeplakat.

Anwohner? Not amused. Das Plakat wird nachts hell beleuchtet.
Anwohner? Not amused. Das Plakat wird nachts hell beleuchtet.Foto: Stefan Weger

Seit September ist es in einem Wohnhaus an der Torstraße 39 ungewöhnlich duster, den Himmel haben die Mieter seit Monaten nicht gesehen. Sie leben in Altbauwohnungen mit hohen Decken und großen Räumen.

Eigentlich ist es hier an der belebten Straße im Bezirk Mitte sehr schön – wäre da nicht das Baugerüst vor den Fenstern, über dessen komplette Fläche ein riesiges Werbeplakat gespannt wurde.

„Mein Leben hinter Louis Vuitton“, sagt eine Mieterin genervt. Auf dem Transparent ist der Schriftzug der französischen Luxuswarenmarke zu sehen und eine Familie, die im Sonnenuntergang Drachen steigen lässt.

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Es ist das vierte Motiv in sechs Monaten. Zuerst wurde der „großartige Sound“ eines Lautsprechers beworben, dann eine Taxi-App, dann Hafermilch, jetzt eben teure Handtaschen. Der Eigentümer des Hauses vermietet die Fläche an eine Werbefirma.

Nachts wird das Plakat angestrahlt. Jeweils sieben lange Scheinwerfer ragen unten und oben von der Plakatwand ab und leuchten bis in die Schlafzimmer. „Ich bin Ärztin und weiß, welche gesundheitlichen Schäden das verursachen kann“, sagt eine Mieterin.

Sie leide unter Schlafstörungen und Stress. Die Pflanzen in ihrer Wohnung sind schon lange eingegangen.

Kein Einzelfall im Bezirk Mitte

Das Haus liegt in Pankow, das Baugerüst steht auf dem Gehweg, der gehört aber noch zum Bezirk Mitte. Eine solche Werbung ist kein Einzelfall im Bezirk. Am vergangenen Donnerstag wurde das Thema in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) besprochen.

Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) kennt das Problem. „Ich wundere mich über so manches Plakat, das ich an Wohnhäusern hängen sehe“, sagt er in der BVV.

Erlaubt sei das eigentlich nicht. Für jede Werbung an Baugerüsten ist eine Genehmigung notwendig. Die werde in der Regel nicht erteilt, versichert Gothe. Auch die Werbung in der Torstraße hänge dort illegal, gegen den Hauseigentümer laufe ein juristisches Verfahren. Doch bis das abgeschlossen ist, bleibt das Plakat – und der Eigentümer verdient Geld damit.

Die Mieter fühlen sich alleine gelassen

Die Mieter fühlen sich vom Bezirksamt alleine gelassen. Acht Betroffene verfolgen die BVV am Donnerstag von den Besucherplätzen aus. Eine Frau streckt ein Plakat in die Höhe: „Keine Großwerbung auf Kosten der Gesundheit“, hat sie in bunten Buchstaben darauf gemalt.

„Seit Monaten schreiben wir Briefe, passiert ist nichts“, sagt sie nach der Sitzung. „Das macht mich fassungslos. Der Bezirk ist uns eine Erklärung schuldig.“ Immer wieder habe man sie und die anderen Mieter vertröstet.

Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) beruft sich auf die Rechtslage. „Bis die Gerichte entschieden haben, bitten sie uns, nicht zu handeln“, sagt er in der BVV und räumt gleichzeitig ein, dass dies oft zu lange dauert. In einem Fall habe der Bezirk über ein Jahr auf ein Urteil gewartet. Das werde von Hauseigentümern dreist ausgenutzt.

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„Wäre es nicht angebracht, in solchen Fällen hohe Bußgelder zu verhängen“, will die Verordnete Katharina Mayer (Linke) wissen. Baustadtrat Gothe will das nun prüfen und auch Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel verspricht Besserung. „Wir sind uns alle einige, dass wir sehr kritisch überlegen müssen, wie wir in Zukunft damit umgehen“, sagt er. „Das ist eine Hausaufgabe, die wir aufgrund des drastischen Falles in der Torstraße machen müssen.“

Das Werbeplakat sollte auf Weisung des Bezirksamtes bis 26. Februar entfernt werden – auf Kosten des Bauherren. Das teilte man den Mietern nach der BVV mit. Der Bauherr kam dem nun am Montag zuvor. „Wir hatten die Hoffnung schon fast aufgeben“, sagt eine Hausbewohnerin. „Nach 170 Tagen fühlt sich das wie eine Befreiung an.“

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