• Arbeitssenatorin fordert mehr Ausbildungsplätze: Breitenbach legt sich mit der Wirtschaft an

Arbeitssenatorin fordert mehr Ausbildungsplätze : Breitenbach legt sich mit der Wirtschaft an

Berlins Betriebe tragen selbst Schuld am Fachkräftemangel, weil sie zu wenig ausbilden, meint die Arbeitssenatorin. Die Wirtschaft widerspricht entschieden.

Tim Spark
Arbeitssenatorin Elke Breitenbach.
Arbeitssenatorin Elke Breitenbach.Foto: imago/Uwe Steinert

Immer mehr Berliner Unternehmen haben Probleme Fachkräfte zu finden. Das geht aus einer neuen Firmenbefragung hervor, die Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Montag vorgestellt hat. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Nachfrage nach Fachkräften um ganze 20 Prozent gestiegen, heißt es in dem Bericht. Die Senatorin sieht ihrerseits die Unternehmen in der Pflicht: „Es liegt in der Verantwortung der Betriebe selber für Fachkräfte zu sorgen“, sagte sie am Montag.

Vor allem bei der Ausbildung junger Menschen sieht die Linken-Politikerin noch Nachholbedarf. Denn, so rechnete die Senatorin am Montag vor, hätten lediglich 20 Prozent der Betriebe im vergangenen Jahr ausgebildet, während es im Gesamtdeutschland 29 Prozent der Betriebe gewesen sein.

„Der Berliner Arbeitsmarkt entwickelt sich immer mehr in Richtung Fachkräftearbeitsmarkt und die Probleme bei der Besetzung offener Stellen wachsen. Darauf müssen die Betriebe reagieren und endlich mehr ausbilden. Nur mit eigenem Fachkräftenachwuchs können sie im Wettbewerb bestehen“, tadelte die Sozialistin.

Auf Widerspruch aus der Wirtschaft musste die Senatorin nicht lange warten. Es stimme zwar, dass der Wettbewerb um Fachkräfte immer größer werde, sagte Beatrice Kramm, Präsidentin der Industrie und Handelskammer (IHK). „Allerdings entbehrt die Kritik am Engagement der Berliner Wirtschaft für die Duale Berufsausbildung jeder Grundlage“. Denn das Angebot an betrieblichen Ausbildungsstellen habe sich seit 2009 um 60 Prozent erhöht und die Anzahl der unbesetzten Ausbildungsplätze sei seitdem von Jahr zu Jahr gestiegen.

„Im letzten Jahr blieben 1700 Stellen unbesetzt, zum 31. Juli diesen Jahres waren noch knapp 6900 Ausbildungsplätze vakant“, rechnete Kramm vor. Die tatsächliche Zahl könne sogar noch um Einiges höher liegen, da erfahrungsgemäß rund ein Drittel der Ausbildungsplätze nicht bei der Arbeitsagentur gemeldet werde. „Wir haben also keine Lehrstellenlücke sondern eine Azubi-Lücke!“, sagte Kramm.

Junge Menschen oft nicht qualifiziert für Ausbildungsplätze

Assistiert wurde die IHK-Präsidentin in ihrer Kritik von Christian Amsinck, dem Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB). Er verwies auf die Anstrengungen der Unternehmen, mehr Menschen in Lohn und Brot zu bringen. „Die Unternehmen reagieren und bieten mehr betriebliche Ausbildungsplätze an, investieren in Verbundausbildung und setzen verstärkt auf das duale Studium“, sagte er in einer seiner Stellungnahme.

„Leider bleibt die Suche nach einem talentierten jungen Menschen oft vergeblich – die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze steigt und steigt. Viel zu viele Jungen und Mädchen verlassen die Schule ohne die nötigen Qualifikationen oder gar ohne Abschluss. Von dieser Verantwortung kann sich die Politik nicht freimachen.“

Doch nicht nur die Ausbildungssituation, sondern auch die Konditionen, zu denen Arbeitnehmer eingestellt werden, kritisierte Senatorin Breitenbach. Denn wie der Arbeitgeberbefragung durch den Senat hervorgeht, haben 13 Prozent der Berliner Beschäftigten einen befristeten Vertrag. Dieser Anteil liegt deutlich höher als im Schnitt aller Bundesländer, wo nur acht Prozent befristet beschäftigt sind.

Nach Tarif werden nur 46 Prozent der Beschäftigten in Berlin bezahlt

Jeder zweite befristete Vertrag in Berlin sei sachgrundlos befristet – mit steigender Tendenz, hieß es. Laut Senatsbefragung bekommen nur noch 46 Prozent der Beschäftigten einen Tarifgehalt bezahlt, auch hier liegt Berlin unter dem Bundesdurchschnitt.

Das Betriebspanel gebe zudem auch Hinweise auf ungenutzte Fachkräftepotenziale, hieß es am Montag. Denn 45 Prozent der Teilzeitbeschäftigten in Berlin würden in einem Stundenbereich arbeiten, der weder die eigenständige Existenzsicherung noch die eigenständige Alterssicherung erwarten lasse. „In diesen Fällen könnte die Ausweitung der Arbeitszeit sowohl für die Beschäftigten als auch für die Betriebe interessant sein.“

UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck widersprach auch hier: „Wir halten nichts davon, Teilzeitarbeit in ein falsches Licht zu rücken. Die übergroße Mehrheit der Menschen arbeitet freiwillig kürzer.“ Oft stehe dahinter der Wunsch, Kinder und Beruf besser miteinander vereinbaren zu können. „Die Voraussetzung für mehr Vollzeit-Arbeit ist eine bessere Betreuungs-Infrastruktur. Hier gibt es in der Hauptstadt noch zu viele Lücken.“

Nur acht Prozent der Berliner Betriebe beschäftigen Geflüchtete

Auch für Geflüchtete ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt offenbar weiterhin schwer. 15.000 haben Arbeit oder Ausbildung gefunden. „Mehrheitlich sind das Helfertätigkeiten“, sagte Breitenbach. Nur acht Prozent der Berliner Betriebe würden bisher Geflüchtete beschäftigen.

„Wir brauchen Einwanderung, denn ohne Einwanderung können wir den Fachkräftemangel nicht stoppen“, sagte Breitenbach. „Viele Unternehmen sind aber aufgrund der Rechtslage verunsichert.“ Das Szenario, dass während der Ausbildung der integrierte Geflüchtete abgeschoben wird, schrecke viele ab, glaubt sie. „Gerade kleinere Betriebe mit nur ein bis zwei Auszubildenden.“

Der Betriebspanel ist eine deutschlandweit durchgeführte Arbeitgeberbefragung. An der repräsentativen Studie nahmen in Berlin 842 Betriebe teil und bundesweit mehr als 15.000 mit mindestens einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten.

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