Architekturdebatte (6) : Große Stadt – kleines Denken
Geflutet. Eine der Ideen der „Arbeitsgemeinschaft Rathausforum“ ist es, zwischen Schloss und Fernsehturm ein Wasserbecken zu schaffen.
Geflutet. Eine der Ideen der „Arbeitsgemeinschaft Rathausforum“ ist es, zwischen Schloss und Fernsehturm ein Wasserbecken zu...Simulation: Senatsverwaltung

Ein Stadtentwicklungsprogramm hat nur begrenzte Spielräume, es muss die überkommenen großen städtebaulichen Herausforderungen anpacken: die weitere Gestaltung des Zentrums, des Schaufensters der gesamten Stadtregion, insbesondere die Gestaltung der ehemaligen Altstadt im Osten des Zentrums; eine neue Sinnstiftung und Nutzung für brachgefallene Gebiete – ein Topthema Berlins, der Hauptstadt der Zwischennutzungen; die sozialverträgliche Stabilisierung benachteiligter Quartiere – sei es in der Innenstadt oder am Stadtrand, und nicht zuletzt: die erneute Ausbalancierung der Stadtregion, in der sich nach der Eröffnung des Flughafens Schönefeld und der Schließung von Tegel die Gewichte verschieben werden. All diese Herausforderungen stehen nicht für sich allein, sondern sind vielfach miteinander vernetzt, sie benötigen keine isolierten Pläne, sondern ein vernetzendes Stadtentwicklungsprogramm, wie es auch in anderen großen Metropolen erarbeitet worden ist und wird.

Das ist die große Herausforderung, die zentrale Aufgabe der öffentlichen Hand: Vernetzen, Zusammenführen, ein Stadtentwicklungsprogramm erarbeiten, das gegen den Trend der Isolierung, der Fragmentierung, des Auseinanderdriftens, der Auflösung des Zusammenhalts wirkt. Gute Ideen, Vorschläge, Projekte gibt es in unserer kreativen Stadt zuhauf. Der einzelne Investor, die einzelne Bürgerinitiative sieht, das ist verständlich, nur das eigene Grundstück, die eigene Nachbarschaft. Die öffentliche Hand muss über den Tellerrand blicken – räumlich wie zeitlich, zugunsten auch späterer Generationen.

Strategische Orte sind Stadträume von übergeordnetem Interesse. Dazu gehören diejenigen Bahnhöfe und Flughäfen, wichtigen Straßen und Plätze, Gebietszentren, Wasserlagen, Grünräume und Verkehrs-Trassen, die für das Funktionieren des Großraums Berlin entscheidend sind, aber nicht nachhaltig gestaltet sind. Hier verbietet sich eine isolierte Betrachtung von vorneherein.

Das sogenannte Rathausforum, der große „Freiraum“ zwischen Alexanderplatz und dem künftigen Schloss, ist das vielleicht prominenteste Beispiel isolierter Betrachtung. Hier tobt der Streit, ob und wie stark und in welcher Form der Freiraum wieder bebaut werden soll. Ob und wie und an welche Geschichte erinnert werden soll. Hier wurden munter rekonstruierte Altstadtbauten, Wasserbecken, Ruinenparks oder Wälder gezeichnet. Dabei wurde nur allzu oft vergessen, dass der angebliche Frei-Raum alles andere als „frei“ ist wie eine grüne Wiese am Stadtrand.

Er hat nicht nur eine ungeheure historische Tiefe, die die archäologischen Ausgrabungen und die große Ausstellung „Berlins vergessene Mitte“ erst wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt haben, sondern er muss auch verschiedene Fragmente des Zentrums miteinander vernetzen – die Reste der Altstadt östlich der Grunerstraße und westlich der Karl-Liebknecht-Straße. Und er muss einen Sinn erhalten – über den Stadttourismus und das Wohnen hinaus. Wenn wir ein paar Schritte weiter westlich gehen, wird das noch deutlicher: Hier bauen wir ein Schloss wieder auf, ohne uns vorher klargemacht zu haben, wie das nähere und weitere Umfeld gestaltet werden soll. Wie wir aus der jetzigen verfahrenen Situation mit neuem, unverkrampftem Schwung wieder herauskommen, ist völlig unklar.

Hauptbahnhof, Steglitzer Kreisel, Kurt-Schumacher-Platz: nicht verbundene Inseln in der Stadt.

Lesen Sie weiter auf Seite 3.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

39 Kommentare

Neuester Kommentar