Atomreaktor wird abgeschaltet : Strahlendes Ende in Wannsee

Der Forschungsreaktor in Wannsee wird abgeschaltet, der Rückbau soll 2033 abgeschlossen sein. Zum Abschied ein Blick zurück.

Das Reaktorgebäude des Helmholtz-Zentrums.
Das Reaktorgebäude des Helmholtz-Zentrums.Foto: Sebastian Tanke/ dpa

Die heißeste Phase des Forschungsreaktors in Wannsee fiel zweifellos in die Zeit, als vorn am Eingang noch das Schild „Hahn-Meitner-Institut“ (HMI) hing. Und als sich ganz Deutschland, von Strahlenangst geschüttelt, um Gorleben und, später, Wackersdorf stritt. 1979 schwappte das alles nach West-Berlin über, in Gestalt eines Klassikers der Protest-Folklore: In Berliner Briefkästen tauchten Schreiben mit dem Briefkopf der Umweltverwaltung auf, in denen es hieß, man werde in Kürze Jodtabletten für die Bevölkerung in 20 Kilometer Umkreis ausgeben.

[Warnung aus dem Wannsee-Reaktor für den Katastrophenfall: "Im Haus bleiben, Fenster schließen, Kopf waschen, Tiere duschen, das Freiluftgemüsebeet ignorieren, Kleidung in Plastikbeutel stecken..." Lesen Sie mehr hier konkret im Spandau-Newsletter. Dort galt die Warnung nämlich auch. Den Spandau-Newsletter gibt es in voller Länge und kostenlos hier leute.tagesspiegel.de]

Als Grund wurde genannt, dass in Wannsee die „Verfestigung hochradioaktiven Atommülls“ für die geplante Wiederaufbereitungsanlage Gorleben erprobt werde – klassische Fake News aus einer Zeit der unschuldigen Weltbilder, als BER noch „Berliner Experimentier-Reaktor“ bedeutete.

Das Ding in Wannsee diente seit dieser Zeit immer wieder als Projektionsfläche für allerhand Ängste bis hin zur Vorstellung, ein Terrorist könne das Gebäude mit dem Flugzeug treffen. Mit dem heutigen Mittwoch ist das – zumindest fast – vorbei, denn der BER II wird exakt um 14 Uhr endgültig abgeschaltet.

Fast vorbei heißt: Der Kernbrennstoff bleibt erst einmal auf dem Gelände und stellt insofern eine theoretische Gefahr da. Der auf 240 Millionen Euro veranschlagte Rückbau soll erst 2033 abgeschlossen sein, dann sind die Brennelemente aber voraussichtlich schon lange in Ahaus angekommen.

Ein Diskurs über Jahrzehnte

Ein Blick ins Tagesspiegel-Archiv zeigt den Diskurs über die Jahrzehnte: Erst technisch-wissenschaftlicher Stolz über den schon 1958 noch vor Gründung des HMI eingeschalteten ersten Reaktor, Erweiterung des Aufgabengebiets, immer wieder Stellenanzeigen. 1971 wurde der erste Reaktor stillgelegt, der zweite wurde 1973 eingeweiht. Die Aufregung von 1979 legte sich, flackerte aber immer wieder auf, zum Beispiel, als 1991 die Leistung auf 10 Megawatt erhöht wurde.

Aus und vorbei: Der Reaktor in Wannsee wird geschlossen.
Aus und vorbei: Der Reaktor in Wannsee wird geschlossen.Foto: Bernhard Ludewig/HZB/dpa

Den drastischen Szenarien der Gegner standen immer wieder beschwichtigende Stellungnahmen der Betreiber gegenüber, beispielsweise 2011 bei der Frage, ob der Riss im Kühlsystem sicherheitsrelevante Bedeutung habe. Weniger Aufsehen erregte hingegen die Tatsache, dass das Hahn-Meitner-Institut 2009 im Helmholtz-Zentrum aufging, der traditionsreiche Name verschwand.

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Das letzte Gefecht des Reaktors stand dann unter dem Motto: BER kontra BER II. 2013 erklärte das OVG Berlin-Brandenburg die Flugrouten des neuen Flughafens für rechtswidrig, weil die Folgen eines Flugzeugabsturzes auf den Reaktor nicht berücksichtigt seien. In den folgenden Jahren bemühten sich Aktivisten immer wieder darum, das Thema vor dem Vergessen zu bewahren, stellten eine symbolische Strahlenwolke mit Luftballons dar, hielten eine fiktive Dekontaminationsübung ab. Weiter drinnen in der Stadt kam davon nur wenig an, und nun hat es sich ja auch ganz von allein gefügt, dass der Reaktor am Ende ist, bevor die neuen Flugrouten auch tatsächlich beflogen werden können.

Vermutlich kann der Senat dann auch die Jodtabletten wegwerfen, die auf Grundlage des Katastrophenschutzplans seit den Anfängen des Reaktors irgendwo eingelagert waren. Die Forscher machen ihre Arbeit weiter mit dem Adlershofer BESSY, einer Röntgenquelle und die Kämpfer im Südwesten treffen sich gleich nach der Abschaltung auf ein letztes Bier in einer Babelsberger Kneipe.

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