Auf den Spuren der Industrialisierung in Berlin : „Raus aus der Schule, rein in die Stadt“

Berlin besitzt ein reiches Erbe an Industriekultur. Wie Jugendliche es spielend entdecken können.

Solide Ästhetik. Montagehalle der AEG (1915/16) an der Kreuzung Wilhelminenhof- und Edisonstraße in Berlin-Oberschöneweide.
Solide Ästhetik. Montagehalle der AEG (1915/16) an der Kreuzung Wilhelminenhof- und Edisonstraße in Berlin-Oberschöneweide.Foto: imago/Jürgen Heinrich

Schornsteine rauchten, Maschinen dröhnten, Räder ratterten: In seinem Dokumentarfilm „Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) hatte der Regisseur Walther Ruttmann die wahnwitzige Berliner Realität eingefangen. Tempo, Tempo, so funktioniert’s in dieser Metropole auch heute, wenn auch eher digital. Aber was erinnert noch daran, dass Berlin vor hundert Jahren die größte Industriestadt Europas war? Eine ganze Menge – man muss nur richtig hinschauen.

Unter dem Motto „Sharing Heritage“ beginnt jetzt ein Projekt, dass bei Schülerinnen und Schülern Interesse für Industriekultur wecken will. Stadtspaziergänge, Workshops oder Rallyes stehen unter anderem auf dem Programm: 80 kostenfreie Angebote in der Zeit vom 18. Juni bis 2. Juli (nach Vereinbarung bis zu den Herbstferien).

Was junge Neugierige da entdecken können? Zum Beispiel das Gelände des ehemaligen Transformatorenwerks in Oberschöneweide. Eine rätselhafte Gegend – ohne störenden Straßenverkehr. „Dort können die Kinder herumstromern und dabei glatt vergessen, dass sie ein Handy in der Tasche haben“, sagt Jula Kugler, Mitarbeiterin des „Berliner Zentrums für Industriekultur“ (BZI). Zusammen mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) wurde das Konzept erarbeitet. Eins, das Industriekultur im wahrsten Sinne zum Anfassen vermitteln will. Wohl jeder Siebtklässler hat heute ein Smartphone. „Aber wie ist es, mal selbst ein Gespräch per altem Telefon zu führen?“ fragt Susanne Kähler, Projektleiterin und Professorin an der HTW Es geht nicht um öden Frontalunterricht, sondern ums Erleben.

Viele kennen die alten Industriebauten als Clubs

„Raus aus der Schule, rein in die Stadt“, so charakterisiert Jula Kugler das Projekt. Schließlich würden sich auch die Lehrer, die mit ihren Schülern unterwegs sind, freuen, außerhalb der klassischen Museen auf Spurensuche zu gehen. „Es geht darum, die Menschen in Berlin darauf zu stoßen, was vor ihrer Nase ist“, sagt die 32-Jährige, die an der FU ihren Master in „Public History“ gemacht hat und nun den für sie punktgenauen Job gefunden hat.

Es ist höchste Zeit, die Industrieareale zu entdecken. „Oberstufenschüler kennen die alten Industriebauten eher als Clubgelände“, vermutet Kugler. Doch immer mehr dieser coolen Clubs drohen zu verschwinden. Im Zuge der wachsenden Bautätigkeit in der Stadt ist kaum noch Platz für Brachen. Schon jetzt ist vieles nur noch anhand alter Karten zu identifizieren. Wer weiß noch, was in den erhaltenen Gebäuden des Borsigwerkes Tegel, gefertigt wurde? Wie und wo lebten die Arbeiter rundherum?

Den Schicksalen der Zwangsarbeiter in der NS-Zeit wird nachgespürt, aber auch den Lebensbedingungen der DDR-Vertragsarbeiter aus Mozambique. Hier sind Gespräche mit Zeitzeugen geplant, die nicht zuletzt für Kinder mit ausländischen Wurzeln interessant sein können.

Das Schöne: Alles ist gratis

Im Energie-Museum in Steglitz lernen Kinder (ab der siebten Klasse), wie der Strom in die Steckdose kommt. In der Zeit ab 1952 bis kurz nach Wende war an diesem Ort die weltweit größte Batteriespeicheranlage entstanden. Ehrenamtliche Mitarbeiter präsentieren spannende Geschichten zu mehr als 500 Objekten aus den Bereichen Kraftwerkstechnik oder öffentliche Beleuchtung. „Es geht auch darum, mal zu sehen, was eigentlich in einem Stromkabel ist“, sagt Kugler. Erfahren werden sie aber auch, wie man Energie speichert – und sparen kann.

Aufgrund der Bundeszuwendung und Ko-Finanzierung von HTWE und BZI sind die Angebote des Gesamtprojektes bis 2019 gesichert. Vieles wird es auch im kommenden Jahr geben. Das Schöne: Alles ist gratis. Gerade für sogenannte Brennpunktschulen sei das eine gute Nachricht, sagt Kugler. „Denn selbst wenn es nur ein oder zwei Euro kostet, ist das für manche Eltern schon zu viel“, erklärt sie.

Nun können – rechtzeitige Anmeldung vorausgesetzt – Schüler und Schülerinnen ab der 9. Klasse hinter die Kulissen bei BMW schauen. Werden erfahren, wie hinter historischen Backsteinfassaden in Spandau vor hundert Jahren Motorräder zusammengeschraubt wurden. Die Geschichte des Standorts geht auf die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. Friedrich Wilhelm I. errichtete eine Gewehr- und Munitionsfabrik. Heute produzieren hier rund 2000 Mitarbeiter auf 22 000 Quadratmeter die beliebten Zweiräder. Fast unvorstellbar: Etwa alle 62 Sekunden läuft ein fertiges Motorrad vom Band.

Auch die Großen dürfen lernen

Schon lange, und immer wieder spannend ist das Naturschutzzentrum Ökowerk am Teufelssee. Meist dreht sich hier viel um Pflanzenwerksatt, Kräuterkunde und Wildnistraining. Im Rahmen des Erbes der Industriekultur aber geht es um die ursprüngliche Bedeutung des Gebäudes, ums Wasserwerk. Von 1873 bis zur Stilllegung 1969 wurde hier Trinkwasser aufbereitet für die Bewohner von Berlin-Westend. Im Rahmen der Führung gibt es spannende Informationen zur Dampfmaschine, den Sandfilteranlagen und dem Reinwasserspeicher.

Manch ein Erwachsener dürfte die Kinder um das spannende Programm beneiden. Keine Angst, die Großen dürfen auch lernen. „Wir wollen Fahrradrouten entlang der Industriekultur entwickeln“, sagt Jula Kugler.

Mehr Infos im Internet: industriekultur.berlin

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