Es ist ein Extra für die Haushaltskasse

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Auf den Straßen der Hauptstadt : So leben Berlins Flaschensammler
Dominik Drutschmann
Flaschensammler Nils Rohloff, 22 Jahre, mit seiner Freundin Jenny Sprange, 24 Jahre.
Flaschensammler Nils Rohloff, 22 Jahre, mit seiner Freundin Jenny Sprange, 24 Jahre.Foto: William Veder

Nils Rohloff und Jenny Sprange, 22 und 24 Jahre
Beruf: Ausbildung zum Pharmakant/arbeitslos
Tageseinnahme: mindestens 2 Euro
Bevorzugter Sammelplatz: Warschauer Straße

Als er sechs Jahre alt war, begreift Nils Rohloff, dass es verschiedene Arten von Müll gibt. Er bringt eine Flasche zum Getränkemarkt, die er auf der Straße gefunden hat. 15 Pfennig gibt ihm der Mann an der Kasse. Nils Rohloff versteht, dass er sein wöchentliches Taschengeld von 50 Pfennig mit nur wenigen Flaschen verdoppeln kann.

Heute, mit 22, sitzt er mit seiner Freundin Jenny Sprange, 24, auf der schwarzen Imitatledercouch in seiner Einzimmerwohnung in Berlin-Schöneberg und erzählt von den Anfängen. Ein schmaler junger Mann, die kurzen blonden Haare ungestylt. Neben der Couch auf dem Tisch eine Glasvase, darin gut 30 Feuerzeuge, auf dem Schrank stehen aufgereiht drei leere Flaschen Absolut Wodka.

Nach der Schule, Mittlerer Schulabschluss, fand Rohloff keinen Job. Arbeitslos, Hartz IV, zu wenig. In dieser Zeit sammelte er immer häufiger Flaschen, wenn er draußen spazieren ging. Wenn in der Stadt ein Fest gefeiert wurde, fuhr er hin. Christopher Street Day, Karneval der Kulturen. „Da hatte ich an die hundert Club-Mate-Flaschen in ein paar Stunden.“ Vom Abfall der Hipster kaufte er Lebensmittel für die ganze Woche.

Mittlerweile hat Rohloff eine Ausbildung als Pharmakant begonnen. Erstes Lehrjahr, mit dem Kindergeld, das seine Eltern ihm auszahlen, kommt er auf etwa 860 Euro. Seine Freundin hat keinen Schulabschluss, keinen festen Job. Ein bis zwei Mal die Woche verteilt sie Zeitungen. Das bringt noch mal rund 50 Euro im Monat. Zum Leben zu wenig, das Pfandsammeln hilft.

Schon als Kind hat er gelernt: Müll ist nicht gleich Müll

In der Wohnküche hinter dem Herd ist das Pfandlager. Bevor es zum Supermarkt geht, sortiert Rohloff die Flaschen. An der Wohnungstür steckt er seine Utensilien ein: Taschenlampe, leere Plastiktüte, Desinfektionstücher. Ein paar Schritte vor der Haustür hält Rohloff mitten in der Bewegung inne, geht einen halben Meter zur Seite und leuchtet mit seiner Taschenlampe in den orangefarbenen Mülleimer. Seine Freundin geht weiter.

Ihr Blick auf das Pfandsammeln habe sich verändert, seit sie mit Nils zusammen ist, sagt Jenny Sprange. Seit über drei Jahren sind sie ein Paar. Trotzdem ist sie jetzt weitergegangen, als sei es ihr doch unangenehm. Sie selbst sammelt nur hin und wieder, in Mülleimer würde sie nicht greifen. „Da würde ich mich schämen.“ Rohloff sammelt überall. Auf dem Weg zur Arbeit, in der Berufsschule, sogar beim Feiern. Wenn er am Wochenende an der Warschauer Straße ist, sammelt er auf dem Weg zum Club. Die Tüten versteckt er dann in einem Gebüsch und hofft, dass sie nachher noch da sind. An manchen Abenden, sagen beide, finanzieren sie sich so die Getränke.

Über die Jahre ist Nils Rohloff zu so etwas wie einem Flaschenexperten geworden. Nicht jeder Supermarkt nimmt jede Flasche an. Ein bis zwei Flaschen muss er im Monat wegschmeißen, den Rest macht er zu Geld. Manchmal sogar über Wert. Rohloff nennt es „das Lehmann-Geheimnis“. Vor ein paar Monaten brachte er ein paar Flaschen zu einem Lehmann-Getränkemarkt und bekam zehn Cent pro Bierflasche. Erst dachte er, der Mitarbeiter hätte sich verrechnet, tatsächlich aber macht der Getränkemarkt seine eigenen Pfandpreise. Es geht zwar nur um zwei Cent pro Flasche, aber so, wie Rohloff das erzählt, könnte man meinen, er habe unter seinem Bett gerade ein Ölfeld entdeckt.

Wenn Rohloff diese Geschichten erzählt, dann schwingt Stolz in seiner Stimme mit. Stolz, dass er sich etwas kaufen kann von dem, was andere wegwerfen. Stolz auch, dass er die Flaschen als bares Geld sieht und nicht als Müll, wie seine Kollegen an der Berufsschule, die ihm auch mal einen Spruch drücken, wenn er wieder eine Flasche aus dem Mülleimer zieht. „Ich schäme mich nicht für das Sammeln. Dafür mache ich das schon viel zu lang.“ Seit damals, als der sechsjährige Nils erkannte, dass Müll nicht gleich Müll ist.

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