Aus dem Leben eines Gartenzwergs : Heinrich hat’s gemütlich

Baumscheiben bepflanzen kann ja jeder. Aber ein Heim schaffen für einen Gartenzwerg, samt Internetbiografie – das gibt es wohl nur in Prenzlauer Berg.

Schon mancher junge Fan hat Heinrich, den Gartenzwerg aus der Heinrich-Roller-Straße, ins Herz geschlossen und schreibt ihm Briefe.
Schon mancher junge Fan hat Heinrich, den Gartenzwerg aus der Heinrich-Roller-Straße, ins Herz geschlossen und schreibt ihm...Foto: Lars von Törne

Sogar Rudolph war schon bei Heinrich zu Besuch. Den kennen Sie doch: Rudolph, das Rentier mit der roten Nase, unentbehrlich für den Weihnachtsmann, nie fände der den Weg durch Nebelschwaden und verschneite Tannenwälder ohne den leuchtenden Näschen seines vierbeinigen Gehilfen.

Okay, das ist Rudolph, aber wer ist Heinrich? Na, dann gehen Sie einfach mal nach Prenzlauer Berg, in die Heinrich-Roller-Straße, nahe Ecke Greifswalder, zu der Baumscheibe dort. Das heißt, eigentlich steht dort bislang nur ein Bäumchen, aber das passt zu Heinrich, denn das Haus, das er dort bewohnt, ist ja auch nur ein Häuschen. So winzig, dass Amsel, Drossel, Fink und Star beim Vorüberfliegen auf falsche Gedanken kommen und dort drinnen nach Futter suchen könnten. Aber nix da, Jungens, hier wohnt Heinrich. Heinrich, der Gartenzwerg.

Sogar einen Briefkasten, US-Modell, hat Heinrich

Woher er den Namen hat – wir wissen es auch nicht. Die erste Begegnung verlief also anonym. Plötzlich stand er da am Rande seiner Baumscheibe. Die ist mit einem ordentlichen Zaun umgeben, ein Türchen gibt es auch, daneben einen winzigen Briefkasten, amerikanisches Modell. Freundlich lächelnd und ganz in Gold steht Heinrich an seiner Pforte, guckt, wer da wohl gerade vorbeikommt, wird sich wohl bald wieder in sein Häuschen zurückziehen. Gemütlich hat er es offenbar darin, batteriebeleuchtet, sogar einen kleinen erleuchteten Weihnachtsbaum und allerlei Adventsschmuck soll es geben. Schneewittchen würde gar nicht mehr zurückwollen zu ihren sieben Zwergen, käme sie zufällig einmal vorbei und würde von Heinrich auf einen Apfel eingeladen. Und der ist garantiert nicht vergiftet.

Prenzlauer Berg im Wandel der Zeit
VEB Sekundärrohstofferfassung, 1983. Für eine leere Flasche wurden hier 5-10 Pfennige gezahlt, schreibt uns Ralf Rohrlach. "Für leere Bierflaschen, die keine Sekundärrohstoffe waren sondern Pfandflaschen, gab es 30 Pfennige. Für ein Kilo Altpapier 15 Pfennige. So gab es immer was zu sammeln, was den ganzen 'Schnick-Schnack' der Mülltrennung heute [...] unnnötig machte." Der Laden befand sich in der Senefelderstraße 2, wie uns Leserin Cornelia Neubert versichert. Sie hatte in den 80ern gegenüber in einer Werkstatt gearbeitet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 437Foto: Thomas Graminsky
27.02.2018 14:29VEB Sekundärrohstofferfassung, 1983. Für eine leere Flasche wurden hier 5-10 Pfennige gezahlt, schreibt uns Ralf Rohrlach. "Für...

Anruf in einem angrenzenden Ladenbüro, die Branche deutet auf erhebliches kreatives Potenzial. Ob Heinrichs kleines Reich etwa dort ersonnen wurde? Man bedauert, nein, sie seien es nicht gewesen. Aber vielleicht ist die Urheberschaft auch gar nicht so wichtig, hat doch Heinrich, der dort auf der Baumscheibe schon seit gut einem Jahr ein Heim gefunden hat, längst ein Eigenleben entwickelt, ist in immer wechselnden Situationen anzutreffen, mal mit Rudolph oder auch ohne, ja, er wurde sogar schon einmal entführt, der Briefkasten geraubt, der Tatort danach mit einer weißroten Flatterleine umgeben wie in der Welt der Menschen. Eine Überwachungskamera filmte den Täter auf der Treppe zur U2 am Alexanderplatz, das wurde ihm wohl zum Verhängnis, denn Heinrich ist heil zurückgekehrt. Man kann das auf Heinrichs Instagram-Account nachverfolgen. Man google einfach mal nach „Heinrich Zwerg Instagram“.

"Liber Zwerk di Hüte ist toll"

Übrigens hat er bereits Fans, vornehmlich sehr junge, die ihm auch Briefe schreiben, zum Beispiel diesen von der siebenjährigen Lena: „Liber Zwerk di Hüte ist toll, sie siet ser toll aus. ich wies deinen Namen nich. bite verat mir das. file grüse.“ Selbstverständlich hat Heinrich geantwortet, wenn auch verspätet: „Liebe Lena, ich hatte noch gar keine Zeit mich für Deinen lieben Brief zu bedanken. Da dieser genau in meiner Abwesenheit, trotz fehlendem Briefkasten, ankam.“ Eine kleine Helene hat dem Zwerg einen gemalten Marienkäfer geschickt, für Heinrich „der tollste Marienkäfer, den ich je gesehen habe“. Auch eine Neigung zu Halloween-Späßen deutet auf ein kindliches Gemüt bei dem goldigen Gesellen: Ein Minifriedhof, die Grabsteine mit RIP-Inschriften und Totenköpfen als Dekor – Heinrich, uns graust vor dir.

Auf gelegentliche Abwesenheit von seinem Heim auf der Baumscheibe muss man aber offenbar hin und wieder gefasst sein, denn Heinrich macht auch schon mal Urlaub. Ein Foto auf seiner Seite zeigt ihn am Strand von Portugal, voller Bewunderung für die dort von anderen Touristen aufgetürmten Steinsäulen. Aber dass auch Gartenzwerge reiselustig sind, wissen wir ja, seit der Gartenzwerg von Amélies trübsinnigem Vater – Sie erinnern sich doch, „Die zauberhafte Welt der Amélie“ mit der zauberhaften Audrey Tautou – die Zwergennase voll hatte und auf Weltreise ging. Zwar nur im Bordgepäck einer Stewardess, aber was macht das schon. Gartenzwerge dürfe in Fragen des Transportmittels nicht wählerisch sein. Also, Heinrich, wohin soll es demnächst gehen?

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben