• Ausgebeutet, illegal und ohne Chance: Warum so viele Moldawier aus Berlin abgeschoben werden

Ausgebeutet, illegal und ohne Chance : Warum so viele Moldawier aus Berlin abgeschoben werden

Moldau ist halb so groß wie Bayern, trotzdem werden aus keinem Land mehr Menschen abgeschoben. In Berlin werden sie oft ausgebeutet. Warum kommen sie trotzdem?

Die beiden Moldawier Tudor Peciul und Ion Josan arbeiten monatelang in Berlin, Lohn bekamen sie kaum – jetzt sollen sie abgeschoben werden.
Die beiden Moldawier Tudor Peciul und Ion Josan arbeiten monatelang in Berlin, Lohn bekamen sie kaum – jetzt sollen sie...Foto: Thilo Rückeis

Es hat angefangen mit der Nachricht eines Bekannten, die auf dem Handy aufleuchtete. „Deutschland“, steht in russischen Lettern darüber. Sieben goldene Kronen blinken darunter. Ein garantiertes Einkommen von 1400 Euro wird versprochen, eine Wohnung in Berlin koste maximal 100 Euro. Ende 2018 war das.

Jetzt sitzen Tudor Peciul und Ion Josan auf zwei Holzstühlen im Büro der Beratungsstelle für Migration und Gute Arbeit (Bema) und stehen vor dem Nichts. Die beiden Moldawier haben monatelang als Hilfsarbeiter auf Berliner und Brandenburger Baustellen gearbeitet. In der Firma eines Letten, wie sie sagen. Mehr als 10 000 Euro schuldet er jedem von ihnen, ihre Stundenzettel weisen das nach.

Sie hoffen, dass ihnen die Experten der Bema wenigstens einen Teil des Geldes erstreiten können. Doch ihre Zeit in Deutschland läuft ab. Im Januar sollen sie das Land verlassen haben, sonst droht die Abschiebung.

Die beiden gehören zur mittlerweile fast unüberschaubaren Zahl an Arbeitern aus Ost- und Süd-Osteuropa, die unter widrigsten Bedingungen das boomende Berlin bauen. Sie warten morgens auf den Arbeiterstrichen, schlafen in Sammelunterkünften, werden ausgebeutet. Besonders schlimm trifft es Moldawier: Eigentlich dürfen sie mit ihrem Visum nur maximal drei Monate in Deutschland bleiben.

Viele arbeiten deshalb schwarz, werden sie erwischt, versuchen einige, einen Asylantrag zu stellen. Die Ablehnungsquote beträgt fast 100 Prozent. In den vergangenen Jahren wurde keine Nationalität so häufig aus Berlin abgeschoben, wie Menschen aus der Republik Moldau. Dabei ist das Land nur halb so groß wie Bayern und hat etwa so viele Einwohner wie Berlin.

Ein klappriger Kleinbus bringt sie nach Deutschland

Allein im Jahr 2019 waren es 250 Menschen, 2018 fast 400. Das sind fünfmal so viele wie nach Russland abgeschoben worden, das an zweiter Stelle steht. In den Irak oder nach Syrien zum Beispiel wurden nur 20 Menschen abgeschoben. Warum kommen Männer wie Peciul und Josan trotzdem nach Deutschland?

Peciul, grün funkelnde Augen, Armeejacke, schwielige Hände, sagt: „Wir hatten keine Chance auf eine gut bezahlte Arbeit in Moldawien.“ Er hat in der Hauptstadt Chisinau Baumaterial verkauft, Tapeten, Laminat, sowas. Josan verkaufte Schutzdecken für Autos. Beide hatten kaum genug, um ihre Familien durchzubringen.

Da klingt so eine Nachricht, die 1400 Euro Festeinkommen verspricht, unwiderstehlich. Ein klappriger Kleinbus brachte sie über Rumänien nach Deutschland, 24 Stunden Fahrt in eine andere Welt. Deutschland gilt in Moldawien als Sehnsuchtsland.

Schätzungen zufolge lebt jeder Fünfte in der ehemaligen Sowjetrepublik, die zwischen der Ukraine und Rumänien eingekeilt liegt, unter der absoluten Armutsgrenze. Seit 2014 dürfen Moldawier ohne Visum in die EU einreisen – bereits 2016 hatte laut des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) mehr als ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung davon Gebrauch gemacht.

Seit 1985 kümmert sich die evangelische Moldovahilfe

Die meisten von ihnen zog es nach Berlin. Erstens, weil Berlin verkehrstechnisch günstig liegt und Arbeit verspricht und zweitens, weil in den vergangenen Jahren alle deutschlandweiten Asylfälle aus Moldawien hier bearbeitet wurden. Ein Asylantrag ist meist aussichtslos, weil wirtschaftliche Gründe nicht als Fluchtgrund gelten. Viele, wie Peciul und Josan, versuchten deshalb gar nicht, einen zu stellen. Wie viel Moldawier sich illegal in Berlin aufhalten, darüber gibt es keine Zahlen.

Anruf bei Gregor Goretzko, Mitarbeiter der evangelischen Moldovahilfe. Seit 1985 kümmern sich Ehrenamtliche des Berliner Vereins um Kontakte nach Rumänien und Moldau. Im Süden der Republik steht ein Sozialzentrum des Vereins, außerdem gibt es ein Stipendienprogramm für Ausbildungen. Goretzko, 47 Jahre, kennt die Situation im Land gut, seine Frau ist Moldawierin.

„Die wirtschaftliche Lage ist eine absolute Katastrophe“, sagt Goretzko. Die politische Elite habe das Land unter sich aufgeteilt. „Eine gesunde Mittelschicht gibt es nicht.“ In einigen Landesteilen sei es der absolute Ausnahmefall, wenn ein Kind zwei gesunde Eltern habe, von denen keiner sich täglich betrinkt.

Wer das Haus seiner Eltern verlasen wolle, um eine Familie zu gründen, sei fast gezwungen im Ausland zu arbeiten, wolle er nicht in bitterer Armut leben. „Wenn sie durch Chisinau laufen, klebt dort an jedem Baum ein Zettel, der Jobs in Deutschland anbietet“, sagt Goretzko.

In Moldau gebe es die Legende, wer einmal ins Ausland gehe, habe die Chance mit einem „dicken, schwarzen Auto“ wiederzukehren. Goretzko formuliert es so: „Zu Hause wird es sowieso nichts mit dem Aufstieg, im Ausland gibt es wenigstens die Chance dazu, so denken viele.“

Ein rumänischer Pass bedeutet Reisefreiheit

Viele gehen dazu nach Russland. Ion Josan etwa arbeitete einige Jahre in Moskau, machte Hilfsarbeiten. Doch auch dort geht es wirtschaftlich eher bergab, weshalb sich noch mehr Moldawier Richtung Deutschland orientieren. Für viele sind ihre rumänische Vorfahren das Eintrittsticket in die Europäische Union: Das reicht, um einen rumänischen Pass zu bekommen. Er bedeutet Reisefreiheit und Arbeitserlaubnis – ist aber im armen Moldau nicht für jeden erschwinglich. Der Schwarzmarkt blüht.

Peciul und Josan hatte man noch auf der Fahrt nach Deutschland angeboten: Lasst euch rumänische Pässe fälschen, dann würde alles einfacher. Sie lehnten ab. Erstens: zu teuer. Zweitens: „Schwarz zu arbeiten, ist die eine Sache, Passfälscher zu sein, eine ganz andere“, sagt Ion Josan. Zur Zeit sind die beiden in einem Flüchtlingslager in der Buchholzer Straße untergebracht, dürfen nicht arbeiten, versuchen wenigstens irgendwie, an ihr Geld zu kommen.

Sie haben deshalb beim Zoll gegen ihren alten Arbeitgeber ausgesagt, wollen sich vor einem Arbeitsgericht ihren Lohn erstreiten. Es gibt eine Härtefallregel nach der Menschen im Land bleiben können, solange sie hier prozessieren. Doch der zuständige Staatsanwalt teilte mit, er benötige sie nicht als Zeugen.

Nicht einmal 60 Euro bleiben den beiden

Sie müssen raus. Nur wie? Nicht einmal die 60 Euro für einen Flug nach Chisinau haben sie noch. Pleite. Josan sagt: „Ich habe Angst, zurückzukehren.“ Was wird seine Frau sagen, wenn er statt mit dem schwarzen Auto, mit einem Berg Schulden zurückkommt? Schulterzucken. Immerhin: Das Landesamt für Flüchtlinge finanziert ihnen nun Flüge in die Heimat.

In Berlin wird eine Anwältin im Auftrag der Bema für ihren Lohn kämpfen. Einer Nachricht, die mit goldenen Kronen für Berlin wirbt, glauben sie nie wieder, sagen sie.

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