Ausschreitungen in Ostdeutschland : Ein extremer Standortnachteil?

Chemnitz und Köthen lieferten der Welt erschreckende Bilder aus Ostdeutschland. Könnte dies auch den guten Ruf Berlins als weltoffene Wirtschaftsmetropole beschädigen?

Jan-Philipp Hein
Rechte Demonstranten bei einer Kundgebung im August in Berlin-Spandau.
Rechte Demonstranten bei einer Kundgebung im August in Berlin-Spandau.Foto: imago

Der Marke Berlin geht es fantastisch. „A Titan of Europe“ überschrieb die „Times“ im Frühjahr einen euphorischen Titel und erklärte das Standortrennen um die Pole-Position in Sachen Business und Innovation nach dem Brexit für eröffnet. Und Berlin, so die „Times“, liege in Führung. Ein allzu wohlmeinender Ausreißer? Nein. Denn wer sich umhört auf der Welt, bekommt zu hören, dass Berlin dynamisch und dabei noch erschwinglich sei, ein idealer Standort für Existenzgründer und Kreative. Die anekdotische Evidenz dafür liefern Spaziergänge durch Mitte, Kreuzberg oder Neukölln, wo Programmierer, Künstler oder Jungunternehmer den Raum vor und in Straßencafés mit WIFI-Verbindung akustisch multilingual ausfüllen, während sie auf Tablets und Notebooks ihrer Arbeit nachgehen.

Eine Frage der Perspektive

Doch während Berlin das ganze Land international glänzend dastehen lässt, macht die Bundesrepublik seit einigen Wochen auch negativ Schlagzeilen. Spätestens die rechtsextremistischen Ausschreitungen von Chemnitz und der rechtsextremistische Aufmarsch von Köthen nahmen der Welt die Illusion vom Stabilitätsanker Deutschland. Davon, dass das Land, das unter der Führung einer erfahrenen Kanzlerin und dank gewaltiger ökonomischer Stärke ein Gegenpol zu Donald Trumps Amerika sein kann und zum Post-Brexit-Königreich und den vielen osteuropäischen Staaten, die sich – wie etwa Ungarn und Polen – dem Neoautoritarismus hingeben.

CNN und die BBC transportierten aus Chemnitz die Bilder eines hässlicher werdenden Deutschlands in die Welt. Kernbotschaft: Ein Jahr nach den rassistischen Ausschreitungen im amerikanischen Charlottesville, die einen Tiefpunkt der Trump-Präsidentschaft markierten, hat nun auch die Bundesrepublik ihr Fanal. Hinzu kommt: Im globalen Maßstab liegen Chemnitz und Köthen nicht nur in Sachsen und Sachsen-Anhalt, sondern in Ostdeutschland. Und als wären die Bilder der Ausschreitungen nicht schon schlimm genug, ergab nun auch noch eine Infratest-Umfrage, dass die AfD in allen ostdeutschen Ländern momentan stärkste politische Kraft ist.

Ein Mitten in diesem Ostdeutschland befindet sich Berlin. Zwei Fragen liegen deshalb in der Luft: Wie lange noch kann der glänzende Ruf der Metropole von den finsteren Ereignissen direkt vor seinen Türen unbeeinträchtigt bleiben? Und ab wann gefährden rechtsextreme Umtriebe auch den Wirtschaftsstandort Berlin, der um internationale Topkräfte buhlt?

Unternehmen sind besorgt

Dass die Fragen nach den ökonomischen Folgen solcher Entwicklungen nicht an den Haaren herbeigezogen sind, zeigt der Uhrenhersteller Nomos aus dem sächsischen Örtchen Glashütte. Das Unternehmen bekommt aus dem Ausland seit den Ereignissen von Chemnitz viele Zuschriften. Die potenziellen Käufer und Kunden der Luxusmarke möchten wissen, ob womöglich ein Nazi an einer Uhr mitgearbeitet habe. Geschäfsführerin Judith Borowski geht offen mit dem Thema um, seit ein paar Monaten werden den Mitarbeitern des Hauses Workshops angeboten, um den Umgang mit Rechtsextremismus zu trainieren. Sogar „Der Spiegel“ und „Die Zeit“ durften berichten.

Borowski kennt Berlin fast besser als die sächsische Provinz – die meiste Zeit arbeitet sie an der Nomos-Markenführung und dem Uhrendesign von Kreuzberg aus. Muss die Berliner Wirtschaft negative Auswirkungen wegen der politischen Situation in Ostdeutschland befürchten? „Nein“, sagt Borowski. Jedenfalls noch nicht. „Der Stadt geht es noch gut, die internationale Jugend lebt hier gerne und will hier gerne sein.“ Derzeit werde Berlin also noch nicht in diesem Kontext gesehen. Aber: „Dass Menschen mit Migrationshintergrund die Stadt nicht mehr in der Freizeit verlassen“, schildert sie auch als Problem.

In der Tat: Brandenburg ist für Leute, die durch eine völkische Brille als nicht deutsch aussehend wahrgenommen werden können, eine verbotene Zone, der sommerliche Spontanausflug zum Badesee für manchen eine unüberwindbare Herausforderung.

Berlin bleibt bunt

Ähnlich wie Uhrenbauerin Borowski schaut der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Achim Dercks, auf das Thema: „Natürlich wird das Bild Deutschlands im Ausland durch solche Vorfälle geprägt“, sagt er. Und mit wachsender Entfernung des Betrachters werde die Distanz zwischen Sachsen und Berlin immer kleiner: „Je weiter man von Deutschland weg ist, desto geringer ist die regionale Differenzierung.“

Und gerade Ostdeutschland müsse jetzt alles daran setzen, dass sich ausländerfeindliche Aktivitäten einer Minderheit nicht zu einem Standortnachteil für die gesamte Region entwickeln: „Das Thema Rechtsextremismus wird auch von manchem ausländischen Investor angesprochen. Das macht es natürlich schwerer, die vielen positiven Seiten eines Standorts zu vermitteln.“ Das sei insbesondere für Regionen ohne nennenswerten Industriebesatz ein besonderer Nachteil. Bereits heute sei auch in Ostdeutschland ein erheblicher Verlust an Fachkräften spürbar. „Viele internationale Fachkräfte wollen lieber nach München oder Hamburg“, sagt Dercks.

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