Ausstellung über Wohnen in Berlin : Anatomie der Großstadt

Die Ausstellung „Urban Jungle“ in der Neurotitan Galerie zeigt künstlerische Perspektiven aufs Wohnen und Leben.

Anima Müller
Gemalte Dystopie. Alessandro Cemolin hat die Schau kuratiert und präsentiert auch eigene Werke.
Gemalte Dystopie. Alessandro Cemolin hat die Schau kuratiert und präsentiert auch eigene Werke.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Geradlinige Hochhäuser, die spitz in den Himmel ragen, menschenleere Straßen tief darunter. Scharfkantige Seen, die sich um den Fernsehturm gebildet haben. Alessandro Cemolin hat eine gesamte Wand im Hinterhof des Hauses Schwarzenberg in Mitte mit seiner dystopischen Berlinvision bemalt. Dafür hat er die Wand getüncht, gezeichnet hat er mit Kaffeesatz, Kohle und blauer Lebensmittelfarbe.

Farbton „Schlumpf“ aus der Konditorei, erklärt Cemolin. Alles soll auch leicht wieder abgehen können, um den Denkmalschutz des Hauses mit der bröckeligen Fassade nicht zu verletzen. Seine Kunst kritisiere eine „Zukunft ohne Respekt für die Natur“, sagt er. Eine Vision, die den Bauwettbewerb der Städte hinterfragt. Die Natur, glaubt Cemolin, werde sich einmal dafür rächen.

Zusammen mit den Künstlern Andrej Wolff, Heinz Christian Wilp und Torsten Holzapfel zeigt er seine Werke zum Lebensraum Stadt nun auch ein Stockwerk höher in der Neurotitan Galerie, nahe dem Hackeschen Markt. Zur Vernissage der Ausstellung „Urban Jungle“, die Cemolin kuratiert hat, zeigt der Künstler Templezone am 9. August ab 19 Uhr auch eine Performance.

„Wir sind befreundete Künstler, die mit den Themen Stadt, Natur und Visionen arbeiten“, sagt Cemolin, der hier auch sein Atelier hat, über das Projekt. Im Vorfeld las er Martin Heideggers Schriften zum Thema Bauen, es inspirierte ihn, dass das althochdeutsche Wort für „bauen“ ursprünglich auch „wohnen“ bedeutet. Die Städte, die Cemolin erschafft, sind durch giftige Luft verseucht und menschenleer.

„An Hauswänden bildet sich eine Kulturschicht“

Im Gegensatz dazu stellt Andrej Wolff das Zusammenleben in den Mittelpunkt seiner Bilder. In warmen Tönen malt er Berliner Orte, an denen Welten aufeinander treffen: das Kottbusser Tor, den Alexanderplatz mit dem Haus der Statistik, das RAW-Gelände in Friedrichshain.

Versatzstücke. Andrej Wolff arbeitet mit Plakatwerbung, wie sie überall hängt.
Versatzstücke. Andrej Wolff arbeitet mit Plakatwerbung, wie sie überall hängt.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Berlin, das sich durch Tourismus verändert, gleichzeitig aber Raum für Kunstprojekte bieten soll. Für seine Bilder nutzt Wolff eine Collage-Technik, setzt Plakatschnipsel ein von Konzerten, Umzügen, wie sie in der ganzen Stadt verteilt sind. „An Hauswänden bildet sich eine Kulturschicht“, sagt Wolff, die bringe er auf die Leinwand.

Der Mensch als steuerbare Masse

Besonders abstrakt sind die Werke von Heinz Christian Wilp: Er speist verschiedene mathematische Funktionen in ein Programm ein. Dieses macht daraus geometrischen Formen und übereinander gelagerte Farbenflächen. Das Ergebnis kommt auf die Leinwand – ohne dass Wilp nachbearbeitet. Seine Arbeit sei als Kommentar zur Stadt im Informationszeitalter zu verstehen: „Der Mensch ist nicht mehr individuell interessant, sondern nur als steuerbare Masse.“

Torsten Holzapfels Werke zeigen die Stadt aus der Vogelperspektive. Eine Leinwand zeigt eine Acrylfarben-Utopie Berlins, wie es aussähe ohne Zweiten Weltkrieg: Unversehrte Häuserblocks mit roten Dächern, im Hintergrund fließt die Spree.

Neurotitan Galerie, Rosenthaler Straße, 9. bis 31. August, Mo-Sa 12-20 Uhr. Freier Eintritt. www.neurotitan.de

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