Auswirkungen des Coronavirus : Großveranstaltungen finden vorerst weiter statt

Trotz Verunsicherung werden bisher keine Großveranstaltungen abgesagt. Wirtschaftssenatorin Pop kündigt Finanzhilfen für betroffene Branchen an.

Kai Gies Bernd Matthies
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) würde Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen gerne absagen lassen.
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) würde Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen gerne absagen lassen.Foto: Tobias Schwarz/AFP

Die Unsicherheit angesichts der Coronagefahr ist groß, bei den politisch Verantwortlichen nicht weniger als bei den Bürgern, die nur vermuten können, wie sie sich am sichersten verhalten. Sollten alle Veranstaltungen ab einer gewissen Größe, sollten Reisen, Restaurants gemieden werden? Und was ist mit denjenigen, die unter einer solchen Zurückhaltung schon jetzt massiv wirtschaftlich leiden?

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) hat am Montag ein zweites Krisentreffen mit Spitzenvertretern von Verbänden und Banken abgehalten, dessen Ziel erste Ad-Hoc-Maßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft, speziell Handel, Gastronomie und Hotellerie, waren.

Anschließend hieß es in einer Pressemitteilung noch sehr allgemein, man habe sich darauf verständigt, gemeinsam mit der Investitionsbank Berlin (IBB) den Liquiditätsfonds für diese Branchen zu öffnen und die Mittelbeantragung deutlich zu vereinfachen. In Richtung der Bundesregierung erklärte die Senatorin, deren Ankündigung zu Liquiditätshilfen sei noch vage, „wir brauchen branchenspezifische Lösungen.“

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Thomas Lengfelder, der Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), sagte dazu, er sei mit dem Gesprächsverlauf und dem dort skizzierten Lösungsweg zufrieden. Man werde sich am Mittwoch erneut treffen, um zu klären, wie überhaupt der jeweilige Finanzbedarf ermittelt werde, und wie der Antragsweg aussehen könne. Besonders aktuell ist die Frage nach dem Umgang mit großen Veranstaltungen.

Gemischte Reaktionen auf Spahns Vorstoß

Im Raum steht die Forderung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern abzusagen. In der Millionenstadt Berlin gehören Veranstaltungen dieser Größenordnung zum Tagesgeschäft. Distanziert reagierte Innensenator Andreas Geisel (SPD), der Spahns Äußerung am Montag bei einer Pressekonferenz im Roten Rathaus „interessant“ nannte, seine persönliche Meinung habe er aber auf seinen persönlichen Social-Media-Kanälen bekannt gegeben.

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hingegen begrüßte das Vorgehen des Gesundheitsministers am Montag im Abgeordnetenhaus: „Ich finde grundsätzlich die Richtung, zu sagen, dass man Veranstaltungen zurücknimmt, richtig.“

Dilek Kalayci (SPD), Gesundheitssenatorin, pflichtet Jens Spahn während einer Plenarsitzung im Berliner Abgeordnetenhaus bei.
Dilek Kalayci (SPD), Gesundheitssenatorin, pflichtet Jens Spahn während einer Plenarsitzung im Berliner Abgeordnetenhaus bei.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Trotz Spahns Aufforderung werden in Berlin in den nächsten Wochen voraussichtlich etliche Großveranstaltungen stattfinden. Beim Fußballspiel Union Berlin gegen Bayern München ist mit einem Geisterspiel zu rechnen: Bundesliga-Geschäftsführer Christian Seifert nannte einen Spieltag mit Zuschauern am Montag „nicht realistisch“.

Für die Berliner Füchse, die Eisbären Berlin, Alba Berlin und die BR Volleys geht der Ligabetrieb vorerst normal weiter, Heimspiele werden wie geplant stattfinden. In einem Rundschreiben der Volleyball-Bundesliga VBL etwa heißt es, man behalte sich mit Blick auf die anstehenden Play-Offs vor „die Situation zu jedem Zeitpunkt den aktuellen Gegebenheiten entsprechend neu zu bewerten“.

Etliche Veranstaltungen werden wohl trotzdem stattfinden

Für den Fall, dass die Gesundheitsbehörden Veranstaltungen verbieten oder absagen, sollen die einzelnen Vereine nach dem Wunsch der VBL Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit oder mit reduzierter Zuschauerzahl beantragen.

Der Geschäftsführer der BR Volleys, Kaweh Niroomand, sagte, man unterstütze diese Entscheidung zwar, hätte sich aber „bei der praktischen Auslegung mehr Spielraum für die Vereine gewünscht“. Ein Spiel in Brandenburg sei weniger riskant als in Nordrhein-Westfalen, weshalb letzteres auch anders behandelt werden müsse.

Auch Sportevents wie die Grass Court Championship im Damentennis oder der für April geplante SSC Halbmarathon finden nach jetzigem Stand statt. Laut SSC-Geschäftsführer Jürgen Lock ist mit einer Aussage zum Halbmarathon ab Mitte der Woche zu rechnen.

In Zukunft könnten die Plätze leer bleiben: Heimspiel der BR Volleys gegen SVG Lüneburg in der Max-Schmeling-Halle in Berlin.
In Zukunft könnten die Plätze leer bleiben: Heimspiel der BR Volleys gegen SVG Lüneburg in der Max-Schmeling-Halle in Berlin.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Neben Sport-Events sind in Berlin schon in den nächsten Tagen diverse Hallen-Veranstaltungen geplant. Die Filmmusik von Hans Zimmer im Friedrichstadtpalast wird laut Veranstalter weiter zu hören sein. In den Herbst verlegt wurden dagegen das für 12. März geplante Zukunftsforum Geburtshilfe sowie der Deutsche Pflegetag, der vom 12. bis 14. März stattfinden sollte – bei beiden Veranstaltungen ist Gesundheitsminister Spahn Schirmherr.

Auch in der Berliner Clubszene ist das Coronavirus seit einiger Zeit ein Thema. Der Sprecher der Clubcommision, Lutz Leichsenring, betonte, dass insgesamt nur 13 Prozent der Clubs überhaupt Platz für mehr als 1000 Besucher besitzen, und nur vier Prozent würden im Schnitt tatsächlich von so vielen Menschen pro Veranstaltung besucht.

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