Bahnhof Zoo : Wenn keiner Zivilcourage zeigt

Was tun, wenn man Zeuge von Gewalt wird? Wenn man doch etwas tun muss, aber niemand will einem helfen? Ein Erfahrungsbericht.

Magdalena Thiele
Die Polizei will mit Hilfe der Kamerabilder die Räuber ermitteln.
Die Polizei will mit Hilfe der Kamerabilder die Räuber ermitteln.Foto: dpa

Berlin, das war schwach. Bahnhof Zoo, 17 Uhr. Ein offensichtlich betrunkener Obdachloser kommt die Treppe zum S-Bahnsteig herauf, laut schimpfend über „die ganze Scheiße“. Einen Mann, ich schätze Mitte 20, treffen die beleidigenden Worte. Der Obdachlose spuckt vor ihm auf den Boden, befindet sich aber einige Meter entfernt.

Der Mann jedoch geht auf den Obdachlosen los. Er tritt ihm so heftig gegen die Beine, dass der Störenfried zu Boden fällt. Es ist plötzlich ruhig. Aber als nach nur zwei, drei befremdlichen Sekunden der Stille die S-Bahn einfährt, geht der Alltag weiter.

Darf das sein? Darf der Treter einfach wegfahren? Nein, denke ich, laufe zu ihm und stelle mich vor die S-Bahn-Tür: „Du kannst da jetzt nicht einsteigen“, sage ich zu dem Mann, bemerke, dass er gut zwei Köpfe größer ist als ich. „Du hast gerade jemanden verletzt.“ Er schiebt mich zur Seite, sagt, es würde mich nichts angehen, setzt sich in die Bahn.

Zeit zum Handeln

Das Signal ertönt, die Bahntüren schließen sich. Ich bleibe einfach stehen. Die Bahn darf nicht losfahren. Die Tür geht auf und wieder zu, schließlich bin ich eingeklemmt. Der Zugführer ruft, ich solle gefälligst die Tür freimachen. Vom Gleis und aus der Bahn werde ich aufgefordert: „Geh aus der Tür raus, wir wollen weiter.“

Ich fühle mich hilflos, rufe: „Hat jemand die Polizei gerufen?“ Keine Antwort. Aber ich kann jetzt auch nicht zurück. Endlich steht jemand in der Bahn auf. Ein junger Mann hilft mir, die Tür aufzuhalten. Nach einer gefühlten Ewigkeit treffen wirklich alarmierte Beamte ein.

Sie kümmern sich um den Obdachlose, von dem schon wieder wüste Schimpfwörter zu hören sind. Der Mann, der zugetreten hat, wird vernommen. Ich stehe da und bin wütend. Wütend über so wenig Zivilcourage im doch so „offenen, toleranten und bunten“ Berlin. Der Verkehr geht weiter. Zurückbleiben bitte.

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